FC Bayern Notfälle in der Hölle von Turin

Im 100. Champions-League-Spiel von Philipp Lahm können die Kollegen am Ende viel lernen. Eine starke Elf, die doch noch ihre Souveränität verlor, in der Einzelkritik.

Von Benedikt Warmbrunn

Manuel Neuer: Laut Schätzungen des Branchenkenners Philipp Lahm "mindestens 1,85 Meter groß", was von Lahm sehr konservativ geschätzt war. Mit seiner Größe von 1,93 Meter sollte der Torwart im Notfall die Höhennachteile seiner Vorderleute ausgleichen. Nach 30 Sekunden parierte er einen Fernschuss von Mandzukic. Ansonsten nutzte Neuer seine 193 Zentimeter erst einmal, um das Tor klein zu halten. Oder um das Spielfeld zu verkleinern, indem er fast bis an die Mittellinie vorlief. Als Juve aber auf den Ausgleich drängte, kam es wiederholt zum Notfall. Zeigte nach einem Schuss von Cuadrado, wie weit nach oben er mit seinen Fingerspitzen kommt. Bei beiden Gegentoren chancenlos.

Kimmich spielt lange abgeklärt, dann folgen die Lektionen

Philipp Lahm: Spielte zum 100. Mal in der Champions League. Erinnerte daher im Vorfeld an seinen ersten Einsatz (November 2002, eingewechselt in der 92. Minute gegen Lens für Markus Feulner). Er habe, sagte Lahm, 32, damals noch ausgesehen "wie ein kleiner Junge". Hat sich seitdem beachtlich entwickelt. Spielte zum Beispiel am Dienstag erneut in einer Hybridrolle. Bei eigenem Ballbesitz zunächst spielprägend in der Mittelfeldzentrale, hatte Juve den Ball, ließ er sich auf die Rechtsverteidigerposition zurückfallen. In der zweiten Halbzeit verstärkt als Außenverteidiger. Konnte dort nicht alles verhindern, unter anderem vor dem Ausgleich. Kleiner Makel: Blieb wie auch in den 99 Champions-League-Spielen zuvor ohne Treffer.

Im Zentrum der Zwergen-Abwehr: Joshua Kimmich (r.) gewinnt ein Kopfball-Duell gegen Mario Mandzukic, sieht aber bei den Gegentoren nicht gut aus.

(Foto: Massimo Pinca/AP)

Joshua Kimmich: Schaut aus wie ein kleiner Junge. Was vor allem daran liegt, dass er ein kleiner Junge ist. Abgesehen davon spielte er lange mit einer Abgeklärtheit, als sei dies sein 1000. Champions-League-Spiel - und nicht sein sechstes. In der 45. Minute gewann der 1,76-m-Verteidiger sogar erstmals ein Kopfballduell gegen Mandzukic (1,87 m). Seine erste kleine Unkonzentriertheit führte jedoch prompt zum Gegentor. Und auch beim Ausgleich war er einen Schritt zu langsam. Der kleine Junge konnte an diesem Abend am Ende doch noch sehr viel lernen, dennoch gab es ein Kompliment von Guardiola: "Perfekt. Er war perfekt." Da hatte der Lehrmeister nur leicht geflunkert.

David Alaba: Mit der stolzen Größe von 1,80 Meter größter Mann der Viererkette. Nach nicht einmal einer halben Minute kam nach einem Missverständnis zwischen ihm und Neuer Mandzukic zu seinem frühen Fernschuss. Ansonsten zunächst vor allem im Spielaufbau gefragt. Später wusste er wie seine Nebenspieler dem Drängen der Turiner nur noch wenig entgegenzusetzen. Durfte auf die linke Seite ausweichen, weg aus dem Getümmel.

Juan Bernat: Lange ein soliden Auftritt. Fiel vor allem dadurch auf, dass er kaum auffiel. In der zweiten Halbzeit allerdings spielte Juventus verstärkt über seine linke Seite nach vorne, unter anderem vor dem Anschlusstor. Musste für den Defensiv-Experten Benatia weichen. Womöglich nicht nur für die Schlussviertelstunde, sondern für die kommenden Wochen. Arturo Vidal: Hatte gestanden, dass ihm, bis zum Sommer selbst noch Juventus-Spieler, "das Los nicht gefallen hat". Stand etwas überraschend für Xabi Alonso in der Startelf, Arbeitsauftrag: mit seiner Aggressivität die großen Juve-Spieler von den kleinen Münchner Verteidigern fernzuhalten. Warf sich immer wieder den Angriffen seiner ehemaligen Mitspieler entgegen. Konnte so mehrere Bälle abfangen, unter anderem kurz vor dem 1:0 der Bayern. Auch bei eigenem Ballbesitz eifrig, fast jeder Angriff startete bei ihm. Als Ballverteiler kreativer als in den Wochen zuvor. In der zweiten Halbzeit wurde deutlich, warum ihm das Los nicht gefiel: Es wurde auch für ihn unangenehmer. Dennoch sein bisher stärkster Auftritt als Bayern-Spieler. Thiago Alcántara: Entgegnete auf die Drohung einiger Juve-Spieler ("Wird in unserem Stadion die Hölle!"), dass er die Hölle schon lange kenne. Die Hölle, sagte er, sei es, verletzt zu sein. Ließ sich daher nicht schocken von den Pfiffen, mit denen die italienischen Fans jeden Ballkontakt der Bayern kommentierten. Wich trotz seiner anfälligen Bänder und Gelenke keinem Zweikampf aus. Wenn es angebracht war, zauberte er ein bisschen, zum Beispiel, als er das zweite Tor einleitete. Musste am Ende doch erfahren, was die Hölle von Turin ist.

Arjen Robben: Hatte vor diesem Duell im Jahr 2016 noch kein Tor erzielt. Was für ihn ein untragbarer Zustand war. Vielleicht, sagte er, fehle ein bisschen das Glück. So ging das auch erst einmal gegen Juve weiter. Wann immer er das Tempo erhöhte, wurde die Turiner Defensive unruhig. Dann endlich durfte er dribbeln und schießen, wie nur er dribbeln und schießen kann. Folge: das 2:0. Hat nun in der Torschützenliste der Champions League 26 Tore Vorsprung auf Philipp Lahm.

Rannte nach dem Treffer direkt zu Trainer Guardiola und fiel ihm um den Hals. Douglas Costa: Sein Spiel lebt ja davon, dass er mit jedem Hüftwackler, mit jedem Übersteiger, mit jedem Trick das Glück herausfordert. Wie überhaupt in diesen Wochen überreizte er es am Dienstag ein bisschen, einige seiner Zuspiele wirkten überhastet, er überraschte damit manchmal sogar sich selbst. Akrobatisch jedoch seine Vorbereitung von Müllers 1:0. In der Rückwärtsbewegung ungewohnt ruppig, so konnte er ab und an einen Ball erobern.

Thomas Müller: Musste nach seinen Verrenkungen am Wochenende gegen Darmstadt erst einmal seine Knochen sortieren. Anders war es kaum zu erklären, wie ihm anfangs vor dem nahezu leeren Tor der Ball versprang. Sortierte bis zur 43. Minute weiter. Dann war wieder jeder Knochen dort, wo er hingehört. Resultat: die Führung. Danach wieder unauffällig.

Robert Lewandowski: Gab den ständigen Prellbock in der Juve-Abwehr. Rannte, grätschte, legte sich sogar mit den Zuschauern an. Sammelte ausnahmsweise einmal keine Tore, sondern Hilfspunkte. Medhi Benatia: Erster Einsatz seit 76 Tagen. Kam nach 74 Minuten, um die Größennachteile in der Defensive auszugleichen. Wenig später fiel der Ausgleich. Franck Ribéry: Kam sechs Minuten vor dem Ende. Hatte ein paar Ballkontakte. Das reichte immerhin, um Juve wieder etwas weiter nach hinten zu drängen.