Von Claudio Catuogno

Zerschunden, aber zufrieden humpelt Frankfurt in Wolfsburg zu einem Remis. "Endlich hat meine Mannschaft gespielt, wie ich das sehen will", sagt Trainer Funkel.

Chris, der Abwehrspieler der Frankfurter Eintracht, versuchte zu lächeln, aber weil sich dabei seine Gesichtszüge bewegten, ließ er es lieber bleiben. In seiner Augenbraue steckten zwei Eisenklammern: Nach einem Zusammenstoß mit einem Wolfsburger Angreifer war der Brasilianer blutend an die Seitenlinie geeilt, hatte sich zwei Eisenklammern in die Augenbraue tackern lassen, und als die 90 Minuten vorbei waren, hatte er zwei Trikots und einen Turban vollgeblutet. Richtig zufrieden sah Chris nun nicht aus, eher wie jemand, der einen gewissen Preis gezahlt hat für ein 2:2 beim VfL Wolfsburg. "Aber natürlich bin ich zufrieden", sagte er. "Wir haben einen Punkt bei einem Meisterschaftsfavoriten geholt, das ist mehr als okay."

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Blutverschmiert verabschiedet sich Frankfurts Chris von den Fans. (© Foto: AP)

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Bei einem Meisterschaftsfavoriten? Ob der von Felix Magath für viele Millionen Euro renovierte VfL dieses Prädikat tatsächlich verdient, muss sich erst noch zeigen. Doch wer am Samstagnachmittag in den Katakomben der Wolfsburger Arena das Eintracht-Lazarett an sich vorbeitrotten sah, dem war klar: Es bedurfte hier schon eines Kraftakts, um der Werkself aus Niedersachsen einen Punkt abzutrotzen. Auch der Verteidiger Marco Russ hatte mit einer Muskelverletzung früh aus dem Spiel gemusst.

Wenigstens zwei Punkte auf dem Konto

Und nun kam auch noch Ioannis Amanatidis um die Ecke geschlichen, der Kapitän. Er konnte lächeln, seine Augenbrauen waren unverletzt. Dafür humpelte er. In der 32. Minute war Amanatidis im Wolfsburger Strafraum zusammengebrochen, "wohl ein Muskelfaserriss", sagte er nun. Die kommenden zwei WM-Qualifikationsspiele wird der Grieche verpassen. "Aber wichtig ist, dass wir heute bis zum Schluss gekämpft haben."

Zerschunden aber zufrieden, so gaben sich die Frankfurter in Wolfsburg. "Endlich hat meine Mannschaft gespielt, wie ich das sehen will, vor allem auswärts", sagte Friedhelm Funkel, "wenn wir so weiter machen, können wir überall punkten." Nach der Pressekonferenz stand der Frankfurter Trainer noch eine halbe Stunde in einer Ecke herum, sagte schlechte Dinge über den Schiedsrichter und gute Dinge über sein Team, das nun wenigstens zwei Punkte auf dem Konto hat. Dass die Frankfurter "am Ende noch zulegen konnten", war für den Coach "ein beruhigendes Gefühl".

Beruhigend auch, dass sich Funkel auf seine Instinkte noch verlassen kann: Er hatte eine Weile überlegt, ob er den fleißigen Michael Fink oder den zuletzt glücklosen Faton Toski auswechseln sollte, er entschied sich für Fink - und Toski beförderte den Ball zum 2:2 über die Linie, durch verschüchterte Wolfsburger Abwehrleute hindurch, in der 84. Minute. "Warum wir da das Spielen eingestellt und regelrecht um ein Gegentor gebettelt haben, weiß ich auch nicht", sagte der Wolfsburger Trainer Felix Magath.

"Ich hatte ein bisschen spekuliert"

Dabei war die Passivität in der Schlussphase nicht das größte Geschenk der Gastgeber gewesen: Dem 0:1 war ein Blackout ihres Kapitäns Josué vorausgegangen, der die Mitspieler Ricardo Costa und Andrea Barzagli überlistete. Amanatidis ("Ich hatte ein bisschen spekuliert") musste nur noch einen geschickten Heber platzieren (22. Minute). Was die Wolfsburger nach dem frühen Rückstand auf dem Rasen zeigten, inspiriert vom Sturmduo Grafite und Edin Dzeko und angetrieben von einem überragenden Christian Gentner im Mittelfeld, war beeindruckend. Um den Ausgleich zu erzielen, war dann allerdings nicht nur Tricksen nötig, sondern auch Täuschen.

Der Brasilianer Grafite hatte wegen einer Tätlichkeit in einem Testspiel den Ligaauftakt verpasst, danach hatte seine Frau zwei Tage nicht mit ihm gesprochen - um seine wiederholten Unbeherrschtheiten zu missbilligen. Nun war Grafite eher schlitzohrig als unbeherrscht: Der Frankfurter Aaron Galindo tätschelte ihm den Bauch - und Grafite fiel. Weil er sich nicht mehr frei bewegen konnte, aber auch, weil der Ball ihm sowieso schon versprungen war.

Und bevor Grafite fiel, drückte er Galindo noch in den Strafraum, damit sich die Sache auch lohnt. Den fälligen Elfmeter verwandelte er selbst: So stand es nach 27 Minuten 1:1. Nach Ashkan Dejagahs 2:1 (51.) ließen sich die Wolfsburger allerdings zunehmend in die Defensive drängen, was Friedhelm Funkel auch der Frankfurter Konsequenz zuschrieb: "Wolfsburg ist schwächer geworden, weil wir nie aufgesteckt haben", sagte er. Obwohl es bisweilen weh getan hat.

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(SZ vom 01.09.2008/mb)