Düsseldorfs furioses 4:3 Auf Nummer sicher

Turbulentes Spiel: Düsseldorfs Trainer Friedhelm Funkel (M.) freut sich über den Sieg gegen Kaiserslautern.

(Foto: imago)

Wenn ein Fußballklub am Abgrund steht, dann schlägt die Stunde von Friedhelm Funkel. Seine Rettungsmission bei Fortuna Düsseldorf beginnt mit einem atypischen Sieg gegen Kaiserslautern.

Von Philipp Schneider, Düsseldorf/München

Vor ein paar Wochen veröffentlichte die nicht unbeliebte Disco "Rudas Studios Club" eine Stellungnahme, die nicht wenige Bewohner der Landeshauptstadt Nordrhein-Westfalens im Mark erschütterte. Der in Düsseldorf ansässige Fußball-Zweitligist Fortuna habe zwar in den letzten 35 Jahren "wirklich großen Rotz" zusammengespielt, hieß es in der Mitteilung. "Wir waren erstklassig schlecht, zweitklassig schlecht, drittklassig schlecht! Man hat mit ihnen gelitten, gezittert, und sich selten mit ihnen gefreut." Aber nun sei die Existenz als Fan der Fortuna nicht länger erstrebenswert, mehr noch, das "charakterlose Gekicke" sei "nicht mehr zu ertragen". Tatsächlich. Und zur Strafe erteilten sie Düsseldorfs Profis bis auf Weiteres: Hausverbot. Der ganzen Mannschaft.

In den sozialen Netzwerken stieß das Tanzverbot auf überwiegend positive Resonanz, und man muss sich nicht sonderlich gut auskennen in der Szene rund um die Bolker- und Ratinger Straße, um zu begreifen, wie bedrohlich sich die Situation beim Deutschen Meister von 1933 längst entwickelt hatte vor diesem furiosen 4:3 gegen den 1. FC Kaiserlautern am Samstag.

Wenn ein Fußballklub am Abgrund steht, dann schlägt in der zweiten Liga (zumindest wenn Benno Möhlmann und Ewald Lienen bereits anderweitig beschäftigt sind) zum Leidwesen von Peter Neururer noch immer die Stunde von Friedhelm Funkel. Nach vier Niederlagen in Serie und dem Absturz auf Relegationsplatz 16 entließen Düsseldorfs Verantwortliche nach Frank Kramer und dem Sieben-Spiele-Trainer Marco Kurz Anfang der Woche bereits den zweiten Übungsleiter in dieser Saison, reaktivierten dafür Funkel, 62, aus seinem fast zwei Jahre währenden Ruhestand. Fortunas kommissarischer Vorstandsvorsitzender Paul Jäger nahm sich selbst auf die Schippe: "Und wieder erzähle ich ihnen, wie überzeugt ich von einer Entscheidung bin. Ich weiß..."

Der Karnevalsbesuch kam nicht gut an in München

Wer Funkel holt, den Rekordhalter im deutschen Profifußball mit einer Erfahrung von mehr als 1100 Spielen als Trainer und Spieler, der will keinen Ballbesitzfußball erleben, keine Schönheitspreise gewinnen. Wer Funkel holt, will auf Nummer sicher gehen.

Er sei felsenfest davon überzeugt, dass die Mannschaft die Klasse halten werde, erzählte Funkel bei seiner Vorstellung am Mittwoch und versprach: "Ich werde in den kommenden Wochen nur eins im Kopf haben: Fortuna Düsseldorf". Erstaunlich war das insofern, als Funkel zumindest kurz vor seiner Entlassung beim TSV 1860, seinem letzten Arbeitgeber, außer dem Münchner Klub auch noch ein bisschen den rheinischen Karneval im Kopf gehabt hatte. Fernsehkameras filmten Funkel damals dabei, wie er, als Kapitän verkleidet, auf der Bühne des Kölner Brauhaus Sion bei der langen Karnevalsnacht Su sin mer all he hin jekumme einen Klassiker zum Besten gab: Wenn et Trömmelche jeht von De Räuber.

Das kam nicht gut an in München. Aber es war typisch Funkel. Irgendwie irdisch. Genau wie Funkel nun auch bei der Fortuna wieder alles nach dem von ihm geliebten Muster gestaltet. In einer seiner ersten Amtshandlungen begnadigte er den von Kurz wegen einer Disco-Affäre in die zweite Mannschaft abgeschobenen Stürmer Joel Pohjanpalo. "Es gibt keine Freibriefe. Jeder muss alles zeigen", betonte der Trainer, allerdings sei Pohjanpalo ein junger Kerl und es sei auch so: "Ich feier selbst gerne!"

Fortuna vier Jahre älter im Schnitt als Lautern

Und er setzt gerne auf Erfahrung, solide Defensivarbeit. "Ich gucke auch gerne guten Fußball, es geht derzeit aber nicht um guten Fußball." Dass er nun gleich bei seinem Debüt auf der anderen Rheinseite sieben Tore erlebte, dürfte den Neusser Funkel also durchaus selbst überrascht haben. "Ich hoffe nicht, dass jetzt jedes Spiel so nervenaufreibend wird", sagte er nach dem Schlusspfiff. Für seine Startelf nominierte er in Oliver Fink, 33, und Adam Bodzek, 30, zwei Routiniers. Zusammen mit Axel Bellinghausen, 32, Karim Haggui, 32, Alexander Madlung, 33, und Michael Rensing, 31, hoben sie den Altersdurchschnitt auf 29 Jahre - auf ein Level mithin, vier Jahre über dem der Gäste aus Kaiserslautern. Fink, der für den zuletzt angeschlagenen Spielmacher Kerem Demirbay in die Mannschaft rückte, spielte erst zum dritten Mal in dieser Saison über 90 Minuten. Und Bodzek war von Kurz auf der Tribüne platziert worden. Doch Funkels Plan verselbständigte sich auf kuriose Weise, die alten Männer spielten flott nach vorne.

Schon nach 31 Sekunden traf Charalampos Mavrias zur Führung, Marcel Gaus gelang vier Minuten später der Ausgleich. Düsseldorf zeigte sich unbeeindruckt, Fink (38.) und Djurdjic (43.) sorgten für eine 3:1-Führung. Aber so schwungvoll die Fortuna nach vorne spielte, so desaströs präsentierte sie sich in der Abwehr: Ein Eigentor von Madlung (60.) und ein Freistoßtreffer von Jean Zimmer (66.) ließen Kaiserlautern wieder ins Spiel finden, ehe der eingewechselte Kerem Demirbay (69.) für die Entscheidung sorgte. "Dieser Sieg gibt meiner Mannschaft Selbstvertrauen", frohlockte Funkel, er klang sehr heiser. "Wir haben im Training sehr viel über die Flügel gemacht und Tore am Fließband produziert in den letzten Tagen." Drei Punkte Vorsprung hat Düsseldorf nun auf einen direkten Abstiegsplatz - dort stehen der SC Paderborn und der MSV Duisburg, die sich bereits am Freitagabend im direkten Duell 0:0 getrennt haben.

Wenn es so weitergeht, dürften Düsseldorfs Discos bald wieder für jedermann die Pforten öffnen. Man darf davon ausgehen, dass Funkel von Tanzverboten ohnehin recht wenig hält.