Dritter WM-Titel für Sebastian Vettel Ruhig, beherrscht und wohlerzogen

Erst einmal rückwärts: Sebastian Vettel beim letzten Rennen der Saison in Brasilien.

(Foto: AP)

Erwartungen können einen Sportler bremsen, gerade in der Formel 1, wo ein einziger Fahrfehler Millionen kosten kann und stets die eigene Gesundheit gefährdet. Schon viele Piloten haben in letzter Sekunde die Nerven verloren - Sebastian Vettel blieb ruhig. Auf und neben der Strecke.

Ein Kommentar von René Hofmann

Die Serie hält: Immer, wenn die Formel-1-Entscheidung im letzten Rennen fällt, wird es dramatisch. 2010 war das so, als Sebastian Vettel als Außenseiter auf den letzten Runden in Abu Dhabi Ferrari-Fahrer Fernando Alonso abfing. 2008 war das so, als McLaren-Lenker Lewis Hamilton den Triumph in São Paulo wenige Meter vor dem Ziel mit einem Überholmanöver an sich riss.

Ein Jahr zuvor war es an gleicher Stelle ähnlich, als Kimi Räikkönen, der damals noch Ferrari fuhr, von den Patzern der vermeintlich überlegenen McLaren-Rivalen Hamilton und Alonso profitierte. Wenn sich der Titelkampf auf ein Rennen zuspitzt, ist es wie beim Elfmeterschießen: Alles wird möglich.

Sebastian Vettels dritter WM-Triumph, zu dem er dank des sechsten Platzes in einem von Regen und Unfällen geprägten Rennen kam, schreibt die Reihe der dramatischen Finals nicht bloß fort. Zwei Details an der Titelfahrt sind besonders bemerkenswert: Seit 2007 setzte sich im Foto-Finish erstmals wieder der Favorit durch - und dabei profitierte Vettel keineswegs von einer extra Portion Glück.

Im Gegenteil: Schon in Runde eins wurde sein Fahrzeug in einer Kollision gedreht; mit beschädigtem Auto kämpfte Vettel sich zurück. Später griff sein Team in der Regenlotterie bei der Reifenwahl einmal daneben. Irgendwann ging der Funk nicht mehr. Eine Tortur, die der alte und neue Weltmeister am Sonntag bewältigen musste.

Trotz all der Rückschläge hielt Vettel seinen Kurs. Im Tohuwabohu blieb er ruhig, beherrscht - eine Fähigkeit, die er im Laufe der turbulenten Saison hatte trainieren können. Nach seinen Ausfällen wegen Schäden an der Lichtmaschine in Valencia und in Monza; nach seiner Strafversetzung ans Ende der Startaufstellung in Abu Dhabi, wo er in der Qualifikation weniger Benzin als erlaubt im Tank hatte; nach dem Ferrari-Trick in Austin/Texas, wo Titelrivale Fernando Alonso in der Startreihe nach vorne bugsiert wurde, indem dessen Teamkollege Felipe Massa ein Getriebeproblem vortäuschte.

Und auch im Psycho-Duell mit Alonso offenbarte Vettel erstaunliche Reife. Auf die Attacken, die Alonso jenseits der Strecke ritt, hat er nahezu nie geantwortet. Erst als er als Champion feststand, erlaubte Vettel sich den dezenten Hinweis, dass er in Fairness-Fragen anders erzogen worden sei.

Erwartungen können einen Sportler bremsen, gerade in der Formel 1, wo ein einziger Fahrfehler Millionen kosten kann und stets die eigene Gesundheit gefährdet. Viele Piloten haben in diesem Gewerbe in letzter Sekunde die Nerven verloren. In São Paulo hat Sebastian Vettel demonstriert, wie sich in diesem Extremsport weltmeisterlich Haltung und Nerven bewahren lassen.