Dritte Liga Emanzipation vom Bauernhof

Die Taffertshofer-Brüder spielen endlich gegeneinander. Einer für Würzburg, einer bei Haching.

Von Sebastian Leisgang

Natürlich hat Ulrich Taffertshofer den Zettel aufbewahrt. Das liegt zum einen daran, dass die Worte auf diesem Zettel der Feder von Ralf Rangnick entsprungen sind. Zum anderen aber auch daran, dass dieses Stück Papier weit mehr als nur ein Stück Papier ist. Es ist: eine Erinnerung an den Taffertshofer vergangener Tage. An jenen auf dem Bauernhof.

Rangnicks Worte auf dem Zettel bauchpinseln Taffertshofer nicht gerade: "1,84; beidfüßig, bullig, unbeweglich, Ballverteiler, Pressingopfer" - diese Attribute hat der damalige Trainer von RB Leipzig Taffertshofer vor einem DFB-Pokalspiel zugeschrieben. Sie stehen auf einem Zettel, den die Leipziger damals in der Gästekabine hinterlassen haben, vor knapp zwei Jahren, nach einer 0:3-Niederlage bei Taffertshofers SpVgg Unterhaching.

Pressingopfer? Ulrich Taffertshofer, 25, sitzt in einem Café in der Münchner Innenstadt und lacht. Es sei amüsant gewesen, findet er, wie Rangnick ihn umschrieben habe. Dann sagt er, er sei stolz - "nicht wegen der Beschreibung, sondern weil wir gewonnen haben". Grundsätzlich findet Taffertshofer aber auch: "Es wäre interessant, wie Rangnick mich heute charakterisieren würde." Taffertshofer, der Bullige und Unbewegliche, das Pressingopfer: Das gehört ja eigentlich einer anderen Zeit an, seiner Jugend auf einem Bauernhof in Abertshausen, 60 Kilometer südlich von München.

Wenn Taffertshofer aus seiner Kindheit erzählt, dann hat er keine Zeit, an seinem stillen Wasser zu nippen, das vor ihm auf dem Tisch steht. Dann leuchten seine Augen und er gerät ins Plaudern. Überragend sei seine Kindheit gewesen, sagt er im Fußballerjargon. Und: Er habe es sich nicht schöner vorstellen können als in der idyllischen Abgeschiedenheit mit Blick auf die Zugspitze. Mit seinem Bruder Emanuel, sechs weiteren Geschwistern, seiner Großmutter und seinen Eltern wuchs Taffertshofer auf einem Bauernhof auf. Die Familie stellte Käse her und belieferte den Münchner Viktualienmarkt. Zudem hielt sie Rinder, Hühner und Schweine. "Und ab und zu Enten", sagt Taffertshofer und scherzt: "Vor allem vor Weihnachten."

Mit sieben Jahren lernte er, Schlepper zu fahren. Mit zwölf, glaubt er, hätte er eine Ernte selbst einholen können. Manchmal durfte er gar der Schule fernbleiben, um auf dem Hof zu helfen. "Der Papa hat sich gefreut, dass ich mit angepackt habe", sagt Taffertshofer. Sein jüngster Bruder Emanuel hingegen habe sich oft vor der Arbeit gedrückt. "Er hat am wenigsten gemacht", sagt Taffertshofer und lacht.

Taffertshofer, der Faulpelz? Einen Tag später in der Würzburger Innenstadt: Emanuel Taffertshofer, 22, sitzt am Marktplatz und schaut etwas verlegen drein. Dann gesteht er: "Anstatt im Stall zu helfen, habe ich eher meiner Mama geholfen, die Spülmaschine auszuräumen. Sonst habe ich eigentlich nur Fußball gespielt." Inzwischen ist es anders. Emanuel ist sehr heimatverbunden und fährt gerne nach Hause. "Dann muss ich schon noch manchmal den Stall ausmisten", erzählt er. Die Eltern halten inzwischen rund 40 Pferde. Aus dem Bauern- ist ein Ponyhof geworden.

„1,84; beidfüßig, bullig, unbeweglich, Ballverteiler, Pressingopfer“ – so beschrieb Leipzigs Trainer Ralf Rangnick Unterhachings Ulrich Taffertshofer.

(Foto: Johannes Simon/Getty Images)

Früher, während seine Geschwister Kühe melkten oder Heuballen pressten, bolzte Emanuel gegen Blumenkästen. Stundenlang. Als David Beckham. Der Mann von Manchester United war sein Vorbild. "Schon alleine wegen der Freistöße", verrät Emanuel. Und Ulrich erinnert sich, wie sich Emanuel selbst kommentiert habe, als sei er Radiojournalist: "Van Nistelrooy auf Beckham, Drehung, Schuss, Tor!"

Wenn auch Ulrich mitspielte, ging es ordentlich zur Sache auf dem Bauernhof. Ulrich fing als Torhüter an - allerdings nicht, weil sich die Nummer eins verletzt hatte und niemand zwischen die Pfosten wollte, wie oft erzählt wird. Im Fall Ulrich Taffertshofer ist es anders. "Wir haben immer Fußball gespielt - meistens solange, bis einer geweint hat. Vor allem ich habe zu viele Blutgrätschen ausgepackt", verrät er, "deswegen haben die anderen gesagt: Geh' ins Tor!" Auf dem Bauernhof haben alle gelernt, sich zu behaupten. "Ein Taffertshofer kommt in erster Linie über den Zweikampf", sagt Ulrich. Allerdings findet er auch, dass er technisch zugelegt hat. "Bei Haching", sagt er, "habe ich mich deutlich weiterentwickelt." Gruß an Rangnick.

Als Ulrich 16 Jahre alt war, wechselte er zum TSV 1860 München. Der Durchbruch blieb ihm allerdings verwehrt. Über Wacker Burghausen gelangte er im Sommer 2015 zur SpVgg Unterhaching. Dort ist er als Vizekapitän inzwischen ein Führungsspieler - so wie Emanuel bei den Würzburger Kickers. Er ging schon als Achtjähriger zu den Löwen, doch auch er konnte sich bei den Profis nicht behaupten. Deshalb verschlug es ihn im Januar 2016 nach Würzburg. Er ist technisch zwar versierter als Ulrich, aber auch er ist kein Spieler, wegen dem die Leute auf der Tribüne nach zwei Übersteigern "Taffiiii" jauchzen. Auch er gehört eher zu jener Spezies, die man als Symmetriespieler bezeichnen könnte. Oder zu jenen, die man erst dann wahrnimmt, wenn sie nicht zugegen sind.

In der vergangenen Saison war Taffertshofer der wohl beständigste Kickers-Spieler - trotz des Abstiegs aus der zweiten Liga. Taffertshofer hatte einige Anfragen, doch er sagt: "Es war klar, dass ich mit den Kickers über die dritte Liga wieder nach oben will." An diesem Samstag trifft der Wahl-Würzburger erstmals im Profigeschäft auf seinen Bruder Ulrich. Im Mittelfeld dürfte es zu einigen Zweikämpfen kommen - und Emanuel, ganz Ulrich, kündigt an: "Ich ziehe nicht zurück, nur weil es mein Bruder ist."