Thomas Dreßen Bist du deppert!

Wer diesen Berg bezwingt, wird auf einen Schlag zur Skisport-Legende, in Österreich sowieso, aber auch darüber hinaus: Thomas Dreßen nähert sich bei seiner Fahrt auf der Streif dem Ziel.

(Foto: Lisi Niesner/Epa/Rex/Shutterstock)
  • Thomas Dreßen hat als erster Deutscher seit Sepp Ferstl 1979 die Abfahrt in Kitzbühel gewonnen.
  • Laut Cheftrainer Mathias Berthold ist er dabei noch nicht einmal an sein Limit gegangen.
Von Johannes Knuth, Kitzbühel

Das Besondere an dieser Abfahrt spürt man spätestens dann, wenn man den Tunnel unter der Haupttribüne passiert und in den Zielraum eintaucht. Kurz ein Blick zurück auf die Tribüne, DJ Ötzi sitzt links, Schwarzenegger in der Mitte, Vizekanzler Strache rechts außen, aber die Promis, das macht es nicht aus, das Besondere. Es ist der Hang, der vor einem gen Himmel wächst. Und der Lärm.

15 000 Zuschauer drängen sich in Kitzbühel im Zielraum, 30 000 weitere stehen an der Strecke; ihr Geschrei ist auch von dem Wissen erfüllt, dass die ganze Welt gerade zuschaut. Alles verstärkt sich, kurz bevor diese Abfahrt beginnt, der Lärm im Tal, die Ruhe im Starthaus, die noch ruhiger wirkt, weil rundherum alles vor Vorfreude dampft. Die Fahrer sehen noch ein bisschen ernster aus als sonst, sie wissen, dass sie jetzt eine Chance haben, ihre Karriere auf ein neues Niveau zu heben. Und 100 Gelegenheiten, es zu verhauen.

"Der Thomas ist nun ein armer Hund"

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Thomas Dreßen vom SC Mittenwald war am Samstag als 19. dran; viele hatten sich schon damit abgefunden, dass der Schweizer Beat Feuz gewinnen würde. Dreßen war im Vorjahr in Kitzbühel im Steilhang gestürzt und so heftig ins Netz gerauscht, dass es alle schüttelte, die danebenstanden. Im Super-G war er ausgeschieden. Das war alles an Wettkampferfahrung, auf die er sich berufen konnte, als er in diesem Jahr anreiste, es war sein zweiter Auftritt in Kitzbühel.

Die Fahrer brauchen eigentlich Jahre, ehe sie die Streif bändigen, die viele kleine Gemeinheiten zu einer riesigen Gemeinheit zusammenknüpft. Und Dreßen? Fuhr am Samstag nicht so, wie 24-Jährige hier fahren. Er rauschte unaufgeregt ins Tal, fuhr sauber im Steilen wie im Flacheren, auch in der Traverse, wo die Fahrer ins Ziel schießen wie lebende Kanonenkugeln. Dann schwappte ein spitzer Schrei durchs Tal. Der erste Weltcup-Sieg? Auf der Streif? "Ich dachte", sagte Dreßen später, "die wollen mich verarschen."

Oder, frei übersetzt ins Österreichische: Bist du deppert?!

Die Siegerehrung am Abend zeigte dann mal wieder, wie ein Traum zur Realität werden kann und die Realität zur Erinnerung, Verklärung. Auch die Siegerehrung ist in Kitzbühel größer, die Fahrer stehen auf dem Balkon eines erleuchteten Hauses, von dort schauen sie in die Nacht, auf eine berauschte Menge. 20 000 waren da, die Österreicher schwenkten Fahnen und brannten Fackeln ab. Ihre Fahrer waren Vierter (Vincent Kriechmayr) und Dritter (Hannes Reichelt), oder, nach Österreichs Maßstäben: nicht Erster. Beat Feuz, der Zweite, packte Dreßens Hand, dann zog Feuz ihn auf die höchste Stelle des Podiums. Dreßen stemmte seine Trophäe in die Nacht, wie ein Fußballer, der das WM-Finale gewonnen hat. Ganz langsam. Als wolle er den Moment einfrieren. Dann Hymne und Feuerwerk. "Ich habe versucht, alles aufzusaugen", sagte Dreßen, "ich will alles im Kopf haben, wenn ich mal zurückdenke."

Dreßen ist keiner wie Hermann Maier

Wenn man vor etwas Unerwartetem steht, klammert man sich erst mal ans Bewährte. "Ich fühle mich jetzt nicht unsterblich, ich fühle mich auch nicht anders als davor", sagte der Sieger. Er ist noch immer derselbe Dreßen, aber einer, an dem jetzt dieses mächtige Etikett baumelt: Streif-Sieger, der erste Deutsche seit Sepp Ferstl 1979. "Oafach geil", sagte Dreßen, immer wieder. Später befand er: "Kitschiger geht's eigentlich nimmer."

Dreßens Kniefall vor der Streif

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Thomas Dreßen ist keiner wie Hermann Maier, der sich animalisch in jede Abfahrt warf, keine Überfigur wie Felix Neureuther, der am Samstag Zaungast war ("Ich hatte noch nie so eine Gänsehaut"). Dreßen ist ein geerdeter Oberbayer, der in seiner Freizeit Motorrad fährt und mit seiner Freundin in Österreich am Traunsee wohnt, wegen der Ruhe und der guten Luft. Er lacht oft und viel, sagt oafach geil, wenn was oafach geil ist. Er ist einer, der motiviert ist, aber nicht überdreht, ruhig, aber nicht ängstlich. Er hat erfahren, dass das Leben manchmal größer ist als der Sport, auch wenn das eine Erfahrung war, die man niemandem wünscht. Sein Vater starb 2005 bei einem Seilbahnunglück in Sölden, aber Dreßen machte weiter, es war ja ihr gemeinsamer Traum gewesen: dass er irgendwann im Weltcup fährt. Seine Mutter blieb ein großer Rückhalt, sie sagte das, was auch der Vater gesagt hatte: "Du hast keinen Druck. Aber wennst was machst, machst es gscheit."

Als Dreßen Anfang 2015 in den Weltcup stieß, hatten sie beim Verband gerade neue Chefs bekommen, Mathias Berthold als Cheftrainer der Männer und Christian Schwaiger als Disziplintrainer Abfahrt. Zwei Österreicher, denen ihr Heimatverband ein bisschen zu groß war. Im Deutschen Skiverband konnten sie in Ruhe arbeiten; die Techniker um Neureuther waren stark, aber von den chronisch erfolglosen Abfahrern, sagte Sportdirektor Wolfgang Maier seinen Trainern damals, könne man in naher Zukunft nicht allzu viel erwarten. Einen Streif-Sieg eh nicht. Berthold und Schwaiger sahen das nicht ein. "Ich möchte die Jungs in vier Jahren so weit haben, dass sie um Olympiamedaillen mitfahren können", sagte Berthold, das klang so unglaublich, dass es fast den Tatbestand der Rebellion erfüllte. Na und? "In diesem Sport hast du immer eine Chance", sagt Schwaiger, er lebt das seinen Fahren täglich vor. Das kannten sie so nicht.