Dortmund im Halbfinale der Champions League Als nur noch Glück und Gewalt halfen

Nach 94 Minuten und sechs Sekunden bebt der Beton im Westfalenstadion: Borussia Dortmund erreicht erstmals seit 15 Jahren das Halbfinale der Champions League. Nicht weil die Mannschaft gegen Málaga überlegen spielte, sondern weil es das Schicksal gut meinte.

Von Hendrik Buchheister, Dortmund

Das ehemalige Westfalenstadion in Dortmund schien zu explodieren, als Robert Lewandowski im ersten Vorrundenspiel der Champions League den Siegtreffer für die heimische Borussia gegen Ajax Amsterdam schoss. Ähnlich war die Stimmung nach Marcel Schmelzers entscheidendem 2:1 gegen Real Madrid. Beim 1:0 gegen Manchester City war die Freude verhaltener, weil das Spiel für beide Mannchaften nur noch von geringer Bedeutung war. Aber beim 3:0 gegen Schachtjor Donezk im Achtelfinale war der Prachtbau an der Strobelallee wieder ein Ort des Überschwangs.

Schon vor dem Viertelfinal-Rückspiel gegen den FC Málaga hatte die Dortmunder Arena also einige rauschende Abende erlebt in dieser Europapokal-Saison. Doch der atmosphärische Höhepunkt fand am Dienstagabend statt: Der Beton der Tribünen bebte, als Felipe Santana den Ball nach genau 94 Minuten und sechs Sekunden zum 3:2 für die Dortmunder über die Linie stocherte.

Lawinenartig fielen die Menschen übereinander. Auch auf den teuren Plätzen auf der Haupttribüne flogen Bierbecher durch die Luft. Und als Referenzgröße für besondere Lautstärken sollte von nun an nicht mehr der viel zitierte Düsenjet beim Start herangezogen werden, sondern der Lärmpegel im Dortmunder Stadion nach Santanas Treffer, der den BVB zum ersten Mal seit 15 Jahren wieder ins Halbfinale der Champions League brachte.

"Ich hatte gedacht, ich hätte schon alles erlebt", sagte Dortmunds Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke, "aber so etwas noch nicht." Trainer Jürgen Klopp stellte grundsätzliche Erwägungen über den Fußball an: "Die großen Spiele bleiben nicht in Erinnerung, weil sie phantastisch waren - sondern eng und dramatisch."

Und in dieser Hinsicht ist der Dortmunder Erfolg gegen Málaga schwer zu überbieten. Nach Eliseus 2:1 für die Gäste aus Spanien in der 82. Minute war der BVB im Grunde ausgeschieden. Es waren die Fans aus Spanien, die nach Ablauf der regulären 90 Minuten Freudengesänge anstimmten und ihre Fahnen im Gefühl des sicheren Triumphes schwenkten. Zwei Tore benötigten die Dortmunder in der Nachspielzeit noch, denn nach dem 0:0 im Hinspiel hätte dem BVB ein 2:2 nicht zum Weiterkommen gereicht. "Wir waren schon tot", erklärte Watzke. Doch Marco Reus gelang mit seinem Ausgleichstreffer in der 91. Minute die Reanimation.

Die Leute auf den Rängen begannen, an ein Wunder zu glauben. Und auch Stadionsprecher Norbert Dickel leistete seinen Beitrag zum Dortmunder Umschwung: "Weiter Jungs! Weiter Jungs!", brüllte er nach dem Ausgleich in sein Mikrofon. So wirkte Santanas Tor Sekunden vor Schluss beinahe wie eine logische Folge der Dynamik im Stadion.

Das Schicksal hatte sich doch noch gegen ein Dortmunder Viertelfinal-Aus entschieden. Dazu passte, dass der Siegtreffer irregulär war: Bei Robert Lewandowskis Vorarbeit zum 3:2 standen gleich vier Spieler des BVB im Abseits.

Zum ersten Mal in dieser Champions-League-Saison hatten die Dortmunder also richtig Glück. "Aber auch das Glück muss man sich erarbeiten", findet Trainer Klopp. So handelte es sich insgesamt um einen glücklichen Arbeitssieg (beziehungsweise einen hart erarbeiteten Glückssieg) für die Dortmunder, die gerade in der ersten Halbzeit nicht wie ein Kandidat fürs Halbfinale auftraten: "Das war heute unser schlechtestes Champions-League-Spiel", gestand Klopp.

Weiter dank zweier Tore in der Nachspielzeit: Die Spieler von Borussia Dortmund jubeln.

(Foto: AFP)

Málaga ging in der 25. Minute verdient in Führung durch den Treffer des hyperaktiven Joaquín. Doch mit dem ersten wirklich sehenswerten Angriff gelang dem BVB kurz vor der Pause der Ausgleich: Reus leitete den Ball mit der Hacke weiter zu Lewandowski, der den Verteidigern der Gäste entkam und zum 1:1 traf. Als das Dortmunder Viertelfinal-Aus mit fortlaufender Spieldauer konkrete Formen annahm, stellte Trainer Klopp auf Brechstangen-Taktik um: Die Fernsehturm-artigen Verteidiger Subotic und Santana gingen nach vorne. Mats Hummels kam ins Spiel und schlug einen Ball nach dem anderen hoch und weit in den Angriff. "Es blieb uns nichts anderes übrig, als es volle Pulle und mit allen Mitteln zu versuchen", sagte er hinterher.

Nachdem die Dortmunder das internationale Publikum in der Vorrunde und im Achtelfinale gegen Donezk mit künstlerisch hochwertigem Tempofußball begeistert hatten, bewiesen sie im Rückspiel gegen Málaga: Sie können es auch mit Gewalt.

Zur Belohnung gehören sie jetzt offiziell zu den vier besten Mannschaften Europas und halten damit den Traum ihrer Fans am Leben: Vor dem Spiel präsentierten die Menschen auf der Südtribüne eine ausgefeilte Choreografie. Das Motto lautete in Anspielung auf den Champions-League-Pokal: "Auf den Spuren des verlorenen Henkelpotts."