SZ: Sie kennen ihn. Uns geht es hier nur um Ihre persönliche Position.

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Heinrich: Ich kann nur sagen, wie mich Leute ansprechen, hier und zu Hause: Die wenigsten sind verärgert, die meisten sind einfach nur traurig. Traurig darüber, dass das, was sie die letzten Jahre sahen und dieses Jahr gern gesehen hätten, nicht stattfand. Und unbestritten hat Jan immer dann am meisten Größe gezeigt, wenn er verloren hat.

SZ: Meinen Sie nicht, dass die Leute deshalb traurig sind, weil sie in diesem Jahr erkennen mussten, dass sie all die früheren Jahre betrogen wurden?

Heinrich: Es gibt natürlich Unterschiede. Ich denke, es fehlt am meisten diese menschliche, nicht maschinenhafte Identifikationsfigur. Dieses Verlierenkönnen gegen Lance Armstrong, mit Größe.

SZ: Wäre das Größe, ohne Murren eine Niederlage hinzunehmen, wenn man selbst betrogen hat? Es ging ja stets gegen Lance Armstrong - wäre es nicht einfach, sich unter Betrügern zu arrangieren?

Heinrich: Mag sein, dass Sie recht haben und einige sehr enttäuscht darüber sind, dass sich jetzt vielleicht raus-stellt, dass er gedopt hat.

SZ: In Ihrem persönlichen Empfinden ist Ullrich kein Doper?

Heinrich: Für mich persönlich ist Jan als Mensch wichtig. Und als Mensch bin ich wirklich traurig für ihn.

SZ: Das müssen Sie uns mal erklären. Es gibt so eindeutige Fakten, dass sie zu Ullrichs Rauswurf bei T-Mobile führten. Und es gibt keine Gegenwehr von ihm.

Heinrich: Ja, richtig, das ist der Dopingfall Jan Ullrich...

SZ: ...wieso sind Sie nicht in der Lage zu sagen: Ich bin enttäuscht, dass Jan mich betrogen hat?

Heinrich: Natürlich bin ich enttäuscht.

SZ: Sie sehen eine Restmöglichkeit, dass Ullrich Opfer einer Intrige ist?

Heinrich: Ich halte von Legendenbildungen wenig. Über die bisher vorliegenden Fakten bin ich enttäuscht und auch traurig. Alles andere wird ermittelt.

SZ: Uns geht es ums Thema Glaubwürdigkeit. Also in dem Fall darum, ob Sie als Arzt und langjähriger Betreuer von Ullrich ihn für einen Doper halten?

Heinrich: Vielleicht möchte ich mir einfach noch ein klein wenig Hoffnung bewahren. Mag sein, dass auch dies von Ihnen als Naivität bezeichnet wird.

SZ: Dürfen Sie sich diese Naivität noch leisten als Arzt eines schwer belasteten Athleten, in einem bis in die Grundfesten erschütterten Berufssport?

Heinrich: Vielleicht ist der Grund, dass ich seit 1995 mit den Radfahrern zusammenarbeite, und seit 1995 ist Jan Profi. Und Jan ist für mich nicht nur Sportler, sondern auch ein guter Mensch. Mit allen Fehlern und allen Vorzügen. Deshalb will ich es vielleicht noch nicht an mich ranlassen. Vielleicht ist es ein Verdrängungsprozess, mag sein. Das lasse ich mir dann auch gern vorwerfen. Er wird höchstwahrscheinlich gesperrt und ich werde mit ihm als Sportler nie mehr zu tun haben. Was für mich viel wichtiger ist als die Retrospektive: Wie passiert mir so eine persönliche Enttäuschung nicht mehr? Kann man so etwas überhaupt ausschließen? Und wenn jemand einen Fehler begangen hat, muss man ihn dann in aller Öffentlichkeit verteufeln?

SZ: Auch das irritiert uns. Ullrich wird kein Fehler vorgeworfen, sondern jahrelanges Doping auf perfide Art. Er hat viele Millionen verdient, weil ihn die Menschen für diese Leistungen achteten. Braucht nicht gerade der Arzt, der es künftig besser und glaubwürdiger machen will, die nüchterne Analyse von all dem, was er vorher falsch gemacht hat?

Heinrich: Richtig, aber mit einer klaren Intention, was man besser machen kann. Und auch deshalb nutzt es nichts, wenn da zu viel Emotionalität reinkommt. Ich halte wenig davon, in der Vergangenheit zu leben. Jetzt zwölf Jahre zu hinterfragen, ob ich hintergangen worden bin oder nicht, bringt mich also nicht weiter. Entscheidend ist, dass es nicht mehr passieren kann. Wenn ich mich als Teil des Kontrollsystems sehe, dann habe ich auch versagt. Nur: Meine Arbeit ist Teamarzt, nicht Dopingkommissar. Dafür gibt es unabhängige externe Tests. Und genau die wollen wir jetzt verstärken. Wir wollen die höchstmögliche Sicherheit, dass nur gesunde, ungedopte Fahrer am Start sind. Und wenn doch einer positiv ist, will ich mir nicht anhören: du hättest es wissen müssen.

SZ: Wo steht der Sportarzt: Voll beim Athleten - oder bei seiner ethischen Verantwortung? Sie sagen, Sie sind kein Dopingkommissar. Aber ist nicht in Ihrer ärztlichen Berufung drin, strikt zu überwachen, dass gesunde Menschen keine rezeptpflichtige Arznei einnehmen?

Heinrich: Unter medizinischer Ethik verstehe ich, dass ich für die Gesundheit des Menschen zuständig bin. Dass ich versuche, seine Gesundheit zu erhalten oder ihn wieder in gesunden Zustand zurückzuführen, wenn er krank ist. Da gehört Prävention dazu. Aufklärung über die Risiken von Dopingsubstanzen, z.B. potenzielles Tumorwachstum bei Einnahme von Wachstumshormonen.

SZ: Epo?

Heinrich: Ist es ähnlich. Auch da kann man Langzeitfolgen schwer abschätzen. Es ist gesundheitlich im Vergleich zu vielen anderen Mitteln auf der Dopingliste unbedenklicher, aber es hat Folgeeffekte wie zu hohe Hämatokritwerte mit möglicher Thrombosegefahr und so weiter. Und es ist ein Medikament, und nicht für den Einsatz am Gesunden entwickelt.

SZ: Thema Floyd Landis. Kam es Ihnen nicht spanisch vor, wie der auf dieser einen Bergetappe das gesamte Feld abgehängt hat und davongeflogen ist?

Heinrich: Ich habe es natürlich für mich hinterfragt. Aber wenn man Sport schaut, hofft man auch immer ein bisschen auf Wunder. Oder? Man hofft als Zuschauer, der ich auch bin, darauf, an etwas Geschichtsträchtigem teilzuhaben. Dass man das immer hinterfragen kann, klar. Aber dann kommt man als Zuschauer an den Punkt, wo man sich entscheiden muss, schaut man sich das noch an.

SZ: Dann wollen wir zitieren, was Sie in einem Internetbeitrag zu jener sensationellen Etappe geschrieben haben, bei der Landis gedopt war: ,,Wie er es macht, spricht für seine Professionalität. Da kann man jede Menge lernen.'' Sie erklären dann in vier Punkten, wie das möglich war: Fahren nach Leistung, ständiges Essen und Trinken, ständige Kühlung durch Wasser und aerodynamische Haltung. Nirgendwo steht, dass Sie vielleicht noch eine andere Erklärung für so eine Irrsinnsleistung haben.

Heinrich: Da widerspreche ich. Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Er hat professionell auf dem Rad ,,gearbeitet'' wie beschrieben. Das war auffallend. Das andere ist Vermutung. Dass ich das nicht thematisiere, heißt nicht, dass ich es nicht hinterfrage.

SZ: In dem Artikel hinterfragen Sie es eindeutig nicht. Mit keiner Silbe.

Heinrich: Man kann nicht erwarten, dass ich in diesem tagebuchartigen Artikel schreibe, was mir suspekt vorkommt.

SZ: Warum nicht? Man kennt Sie als Arzt, und man muss doch heute sagen, im Profiradsport, wo die Besten wegen Dopings fehlen, radelt der Verdacht immer mit. Oder hatten Sie Vereinbarungen?

Heinrich: Die hatte ich nicht.

SZ: Dann wäre es machbar gewesen.

Heinrich: Ich bin wissenschaftlich an die Sache rangegangen: Wie ist so etwas möglich? Ich habe die außergewöhnlichen Sachen, die ich bei Landis gesehen habe, aufgeschrieben. Der Journalist kann seine Zweifel aufschreiben. Aber ich bin auch als Leistungsphysiologe tätig und beschreibe, wie so was möglich sein könnte. Und: Am Testosteron allein kann es nicht gelegen haben.

SZ: Sicher nicht. Aber hätte das Misstrauen, das nach Ullrichs Fall gewachsen ist, nicht zu einer anderen Herangehensweise bei Ihnen führen müssen?

Heinrich: Jetzt muss ich eine Frage stellen: Wenn es um Glaubwürdigkeit geht, und Sie sagen, am Testosteron allein lag es Ihrer Meinung nach nicht, warum schreiben Sie das nicht?

SZ: Das tun wir jederzeit. Am Testosteron allein lag es bestimmt nicht, sondern, wie auch anerkannte Sportmediziner schon vermuten, am Zusammenspiel mit weiteren, nicht entdeckten Manipulationen. Sie würden also weiter sagen, der Auftritt war nicht dopingverdächtig?

Heinrich: Wir reden über Glaubwürdigkeit. Dazu zählt, zumal als Arzt, keine spekulativen Behauptungen aufzustellen.

SZ: Das andere ist auch Spekulation. In diesem Fall sogar eine falsche: Es lag eben nicht an der Kühlung und der aerodynamischen Haltung bei Landis, wie Sie vermuteten - stattdessen wären Sie mit dem Dopingverdacht richtig gelegen.

Heinrich: Ich habe weder das eine noch das andere gemutmaßt. Das steht mir als Arzt in diesem Fall nicht zu. Und ich denke nicht ständig dran: ist der gedopt oder nicht. Sonst brauche ich mir gar keinen Sport mehr anzugucken, keine Leichtathletik, kein Schwimmen, Fußball, nichts.

SZ: Was ändert sich nun alles mit dem künftigen Antidoping-Arzt Heinrich?

Heinrich: Ich bin kein Biochemiker. Ich werde mich in einige Sachen einarbeiten, wie das Thema Blutvolumen, weil es wissenschaftlich sehr interessant ist und gut ins Antidopingprogramm passt. Wir werden Proben einfrieren, weitere Vorsichtsmaßnahmen treffen. Aber ich bin kein Antidoping-Arzt, da gibt es Experten, die wir einbinden können.

SZ: Der Fall Armstrong zeigt, dass manchen nicht mal das Einfrieren von Urinproben schreckt. In dessen gekühlten Proben von 1999 ist 2005 gleich sechsmal Epo gefunden worden, trotzdem kam er aus der Sache raus.

Heinrich: Man konnte ihn juristisch nicht belangen.

SZ: Ist Armstrong für Sie, als Arzt und Szenekenner, ein sauberer Toursieger?

Heinrich: Man muss es hinterfragen. Aber er gewann sieben Mal, hat keine Schwäche gezeigt. Das ist außergewöhnlich und für mich nicht durch Doping zu erklären.

SZ: Trotz der Fülle von Belegen, Aussagen Dritter, trotz der sechs klaren Befunde?

Heinrich: Die sechs Befunde sind sechs Befunde. Offenbar war das Kontrollverfahren juristisch nicht haltbar. Wäre er 1999 überführt worden, hätten wir diese Diskussion nicht.

SZ: Es geht um Glaubwürdigkeit. Wir wollen doch keine juristische Expertise, sondern Ihre Einschätzung als ärztlicher Fachmann. Vertrauen Sie Armstrong?

Heinrich: Ich kenne ihn nicht, wie sollte ich ihm da mein Vertrauen schenken?

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