SZ: Seltsam, wenn solche Warnungen des Teamarztes nichts gelten. Schlagen Sie als Mediziner nicht die Hände über dem Kopf zusammen, wenn Ihre Fahrer mit solchen Leuten kooperieren?
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Heinrich: Die Situation war ja eine andere damals, als mir die Sportler nach Vertragsunterschrift erzählten: Ich arbeite mit Ferrari oder Cecchini zusammen. Ich fragte, warum? Die konnten mir das detailliert erklären und Trainingspläne zeigen - und die Pläne sind: gut. Keine Frage, die Trainingspläne sind sehr gut.
SZ: Wir reden über Glaubwürdigkeit. Und dass Fahrer nicht sagen: Außerdem dopen wir, um das leisten zu können - ist doch klar. Müssten Sie als Arzt, egal wie die Pläne ausschauen, da nicht ,,Stopp!'' rufen? Ferrari ist faktisch ein Fachdoper.
Heinrich: Woran machen Sie das fest?
SZ: Klären wir auf, wo es nicht nötig sein sollte: Ferrari ist des schweren Sportbetrugs und Arzneimissbrauchs schuldig gesprochen und zu einem Jahr Gefängnis auf Bewährung und zu einer Geldstrafe verdonnert worden. 2006 wurde das, wie in Italien üblich, wegen Verjährung aufgehoben. Der Winkelzug ändert nichts an den Fakten und Aussagen der Gedopten.
Heinrich: Mit Michael Rogers habe ich über Ferrari geredet. Er hat mir gesagt: ,Ich kann unterscheiden zwischen Medikamenten und Training, und ich nehme keine Medikamente. Er hat mir auch nie welche angeboten.' Sagen Sie mir bitte, was ich da machen soll! Soll ich zurücktreten und sagen, Rogers kriegt seine Trainingspläne von Ferrari, deshalb beende ich meine Tätigkeit im Team? Im Nachhinein weiß ich aber, dass ich es so nicht mehr akzeptieren werde, und lege Wert darauf, dass es in den Verträgen so mit drinsteht. Denn der Sportler kann mir ja viel erzählen. Er könnte auch leugnen, mit Ferrari zusammenzuarbeiten - davon gibt es jede Menge in anderen Teams, Personen, die es bewusst nicht sagen. Ich bin der Mannschaftsarzt und Ansprechpartner, nicht Richter. Zukünftig lege ich mehr Misstrauen an den Tag. Ich weiß, dass Fehler gemacht worden sind. Vielleicht hatte ich auch zu viel Vertrauen in die Fahrer. Das können aber nur die beurteilen, die dieses Vertrauen missbraucht haben. Beweise dafür gibt es offenkundig wenig bis keine. Und klar ist auch: Sportler, die von ihren Betreuern ständig unter Generalverdacht gestellt werden, werden erst recht nicht vertrauensvoll mit ihnen zusammenarbeiten.
SZ: Was war für Sie die Initialzündung? Wann haben Sie erkannt, dass Sie selbst zu blauäugig waren?
Heinrich: Es war schon die Erkenntnis, dass Jan darin verwickelt sein könnte. Ich will sicherstellen, dass mir im nächsten Jahr keiner sagen kann, du als Teamarzt hättest es sehen müssen.
SZ: Hätten Sie nicht?
Heinrich: Wie gesagt, die meisten der Mittel, um die es geht, sind in keiner Dopingkontrolle nachweisbar.
SZ: Das totale Ohnmachtsgefühl? Sie wissen, die Tests bringen nichts und Sie selbst können es nicht, weil Ihr Labor nicht ausgestattet ist oder es zu teuer ist? Heinrich: Ohnmacht - oder Vertrauen. Ein Arzt-Patienten-Verhältnis kennzeichnet Vertrauen.
SZ: Aber hier doch nur vom Patienten zum Arzt?
Heinrich: Ich als Arzt vertraue auch dem Patienten.
SZ: In einem so schwer belasteten Profisportmilieu?
Heinrich: Dass dem Sportler dran gelegen ist, mir alles Wichtige zu sagen, davon muss ich ausgehen. Auch bei Normalpatienten gibt es ein paar Rentenschwindler und Versicherungsbetrüger.
SZ: Aber geht es im Profimilieu nicht vorwiegend um Versicherungsbetrüger?
Heinrich: Nein, darum geht es nicht! Ohne Zweifel gibt es Sportler, die betrügen. Aber ich kann und darf mir das Vertrauensverhältnis zu den Sportlern, die ich betreue, nicht nehmen lassen. Das würde mir nicht nur den Spaß an der Arbeit nehmen, sondern mich in ihr sogar einschränken. Aber was ich kann: Ich will mir und dem Team Sicherheit geben. Wir haben schon während der Tour überlegt, was wir machen, wen wir ins Boot holen können. Ich habe auch schon Antworten bekommen, von Experten, die sehr restriktiv vorgehen würden. Ich habe der neuen Teamleitung gesagt: So sind die Bedingungen, dass wir in Freiburg weiterhin die medizinische Betreuung übernehmen, oder wir sind raus. Weil natürlich unsere Glaubwürdigkeit auf dem Spiel steht. Nicht nur die der Sportler, auch die persönliche.
SZ: Uns bleiben Zweifel. Warum bringt Sie der Fall Ullrich denn so radikal zum Umdenken, wenn Sie zugleich noch so unentschlossen sind in der Kernfrage, ob er gedopt hat? Warum macht Sie seine verhaltene Reaktion nicht stutzig? Und raten Sie ihm, da ja sein Blut bei Fuentes gefunden wurde, zu einer DNS-Analyse? Ein Härchen von ihm, und alle Zweifel wären beseitigt, und der Weg frei, alle Angreifer zu verklagen?
Heinrich: Wir haben in diesem Fall viele Indizien. Auch wurde ihm dazu geraten, einen Test zu machen. Aber mit verbalen Verurteilungen muss man sehr vorsichtig sein. Und es läuft hier auch ein juristisches Verfahren.
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Freundschaft zwischen den Geschlechtern