Von Thomas Kistner

Der Radsport steht wieder vor einer Dopingwelle, der BDR mit dem Fall Schumacher vor drastischen Folgen. Es droht ein Rattenschwanz mit immer neuen Enthüllungen.

Zu den ersten Maßnahmen der Nationalen Antidopingagentur Nada am Montag zählte eine Anzeige beim Bundeskriminalamt. Radprofi Stefan Schumacher steht unter Dopingverdacht, zu prüfen ist, ob gegen den Nürtinger vorgegangen wird. Es gibt seit 2007 einen Doping-Appendix zum Arzneimittelgesetz, den der deutsche Sport erst trickreich zu verhindern versucht hatte, nun aber, da er bislang wirkungslos war, als enormen Fortschritt in der Betrugsbekämpfung preist. Ebenfalls Montag, Schumachers Fall war noch gar nicht amtlich, brach dessen Teamchef Michael Holczer bereits den Stab über den langjährigen Zögling. Der Gerolsteiner-Boss drohte mit schärfsten juristischen Konsequenzen.

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Am Ende der Fund: Stefan Schumacher, doppelter Etappengewinner bei der Tour 2008, ist schon öfter auffällig gewesen. (© Foto: AP)

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Viel Arbeit wartet auf Schumachers Anwalt Michael Lehner, der seinem Mandanten nach einer schlaflosen Nacht riet: "Keine Äußerungen, solange nicht die offiziellen Unterlagen vorliegen." Die sind unterwegs, und es erscheint unwahrscheinlich, dass der zweifache Tour-Etappensieger 2008 noch lange bei seiner aktuellen Version bleibt: Dass der Dopingvorwurf gegen ihn Schwachsinn sei.

Schumacher ist ja schon häufiger aufgefallen. Kurz vor der Rad-WM 2007 in Stuttgart ergab ein Trainingstest einen Hämatokritwert von 50,5, was Schumacher mit einer Durchfallerkrankung begründete - passenderweise hatte er die selbst veranlassten Blutwerte zur Hand. Sie wurden von den Verbänden gerne akzeptiert, obwohl Experten da schon vom branchenüblichen "Herandopen" an den Grenzwert 50 sprachen. Stattdessen testete der Rad-Weltverband UCI zwei Tage später nochmal, negativ, frei war der Weg zu WM-Bronze.

Bereits einige Male auffällig

Tage später fand sich nach einem Autounfall bei der Polizeikontrolle Amphetamin im Blut des Profis. Schumacher hatte keine Erklärung, entging aber einer Sperre, weil das kein Dopingtest war. Anders 2005 bei der Rheinland-Pfalz-Rundfahrt, da war er positiv getestet worden auf das Stimulans Cathin. Schumacher verwies auf Pollenallergie und Asthma, weshalb ihm die Mutter, eine Ärztin, die Substanz verabreicht habe. Der Bund Deutscher Radfahrer (BDR) sprach ihn frei.

Diesmal ist der Fund, das Epo-Mittel Cera, gut abgesichert. Die Fahnder leisteten doppelte Arbeit. In Windeseile hatten sie neue Testverfahren entwickelt, nachdem sie bei der Tour de France zufällig auf Cera gestoßen waren, im Urin des führenden Italieners Riccardo Ricco, zugleich aber erfuhren, dass es in weiteren Proben enthalten sein musste, dort aber nicht auffindbar war: Ricco gab nämlich zu, dass er bei weiteren Etappen gedopt hatte, und Landsmann Piepoli, Sieger einer Bergetappe, räumte in Panik Cera-Doping sogar ohne Positivbefund ein.

"Im Urin", so der Pariser Laborchef Pierre Bodry am Dienstag zur SZ, "ist Cera schwer zu finden. Also fingen wir im Juli an, einen Bluttest dafür zu entwickeln." Parallel tat es das Labor in Lausanne, in Kooperation mit Cera-Hersteller Hoffmann-La Roche. "Anfang September hatten wir den Test", sagt Bodry. Seitdem werden aufbewahrte Blutproben von der Tour nachuntersucht - per Zielfahndung. Denn schon vor dem Tour-Start war allen 180 Fahrern Blut abgezapft worden, "damals", so Bodry, "fanden wir 30 auffällige Werte. Ich schrieb jedem dieser Fahrer einen Brief, dass er hohe Werte habe und seinen Arzt aufsuchen solle."

Gezielte Tests zur Überführung

Auch Schumacher dürfte diesen Brief erhalten haben, Bodry sagt, dass die 30 Profis mit den hohen Werten nun im Visier der Cera-Nachanalyse stehen. "Die Labortests liefen noch", sagt Bodry; nur wer in beiden Labors positiv ist, gilt als Dopingfall. Für Schumacher und Piepoli ist der Tatbestand erfüllt, andere sollen folgen. Wobei Bodry eher nicht glaubt, dass alle Fahrer auffliegen: "Wir suchen nur Cera. Wer anderes nimmt, könnte durchschlüpfen."

Ein vernichtendes Urteil stellt Bodry dem gefeierten neuen Blutpass der UCI aus. "Was sagt der aus über Schumacher, Ricco, Piepoli, Duenas? Sie alle haben ihn, aber er funktioniert nicht." Man sehe zwar, ob etwas mit den Werten nicht stimmt, "man kann es aber nicht sanktionieren". Was, nebenbei, auch zur Absicherung von Doping taugen würde - derlei Instrumente in Händen der fragwürdigen Verbände sind so glaubwürdig wie die beliebten teaminternen Dopingtests.

Olympische Denkpause für Radsport?

Während IOC-Vize Thomas Bach nun reflexhaft die Frage aufwirft, ob dem Straßenradsport eine olympische Denkpause zu verordnen sei - die in Krisenfällen übliche Reformrhetorik, die keinerlei Umsetzung erfährt - , setzt der Sport für Peter Danckert "leider erwartungsgemäß seine Affärenserie fort".

Der Chef des Bundestags-Sportausschusses ("Es sieht ja so aus, dass noch sieben, acht weitere Namen kommen") fordert ARD/ZDF auf, "dass sie von einem wie Lance Armstrong verlangen müssen, dass er alle vorhandenen Proben untersuchen lässt - wer damit nicht einverstanden ist, hat etwas zu verbergen". Spätestens dann sei die Tour de France nicht länger zu übertragen. Zugleich stellt Danckert die Radsportförderung in Frage: "Ich bin der Meinung, das muss jetzt zu einer Haushalts-Sperre führen. Da hilft nur ein radikaler Neuanfang. Anfang der neunziger Jahre hat das ja schon die Union mit der FDP im Fall Katrin Krabbe angeordnet."

Anwalt Lehner, der schon die Kronzeugen Jaksche/Sinkewitz verteidigte, will Schumacher - "wenn es so wäre" - von der Kronzeugenrolle abraten. "Wir haben ja gesehen, wie das im System gehandhabt wird: Wer quatscht, fliegt lebenslänglich raus. Die Kronzeugenregelung ist gescheitert, der Radsport braucht sowieso eine größere Lösung." Die dort anfangen müsse, wo der Systemzwang Doping beginnt: "Bei Verbänden und Funktionären."

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(SZ vom 08.10.2008/JBe)