Deutsche Sportverbände unterstützen deutlich Claudia Pechstein und erwecken wieder den Eindruck, dass sie am Anti-Doping-Kampf nicht interessiert sind.
Gibt es ihn, den Morbus Pechstein?
Bild vergrößern
(© Foto: AP)
Anzeige
Dass diese Frage noch nicht die Wissenschaft beschäftigt, liegt daran, dass Claudia Pechstein bisher selbst auf die Suche nach einer krankhaften Ursache für ihre Blutwerte oder einer genetischen Anomalie verzichtete. Auch deshalb verurteilte sie der Weltverband ISU, die Befunde stammen ja schon von Februar. Es spricht also für sich, wenn Pechstein jetzt behauptet, man habe ihr zu wenig Zeit für Untersuchungen gelassen.
Pechstein und der deutsche Sport schüren subtil den Verdacht, es laufe eine Intrige der ISU gegen die höchstdekorierte nationale Wintersportlerin. Das ist Unsinn. Die ISU, im Antidopingkampf stets unauffällig, kann sich gar nicht leisten, ihre Helden zu zerstören und dabei auch noch millionenschwere Schadensersatzklagen zu riskieren. Sie soll sogar versucht haben, die Sache regelwidrig wegzudrücken. Sie bot Athletin und Verband einen "Kuhhandel" an, den Pechstein jetzt zu Recht als Fehler beklagt. Nur: Sie hat ja mitgemacht, über Monate die Lüge verbreitet.
Auch sonst war alles im Sinn der Athletin verlaufen, deren sportliches Umfeld nicht über Zweifel erhaben war und die mit 37 enorme Leistungssprünge hinlegte. Ihr Prozess zog sich still über Monate und schloss viele Experten ein. Und jetzt? Das Übliche: Pechstein legt keine Werte offen, hat aber trotz fünf Monaten Bedenkzeit nicht die leiseste Erklärung für das ihr Leben umwälzende Ereignis. Sie argumentiert wie andere vor ihr: Sie sei nie positiv getestet worden.
Das ist sachlich richtig, als Argument aber untauglich eingedenk der kurzen Abbauzeiten, all der Maskierungsmittel und der gar nicht testbaren Betrugspräparate. Wie untauglich, daran erinnern all die anderen Sünder, die nie positiv waren. Allein Marion Jones huschte 160 Mal durch die Dopingtests. Ein Kinderspiel.
Das Kinderspiel hat die Welt-Anti-Doping-Agentur Wada bewogen, Indizienprozesse einzuführen. Abnorm starke Blutbildungen sind so ein knallhartes Indiz; es kann widerlegt werden, aber nur über eine Krankheit. Ansonsten zeigt der Tanz der Retikulozyten Doping an. Der Indizienprozess ist neu, doch unerlässlich für eine Betrugsbekämpfung, die den weit enteilten Dopern auf den Fersen bleiben will. Das gibt der Sache die besondere Brisanz.
Alarmierend ist daher das Verhalten deutscher Funktionäre. Der Eislaufverband DESG ist absolut Partei, das zeigt der Kuhhandel von Hamar. Wenn also bald wieder die Steuermittelvergabe für Reiter und Radler debattiert wird, darf die DESG nicht fehlen. Dass aber der Dachverband, der Deutsche Olympische Sportbund, mit aller Kraft ins selbe Horn stößt und nichts als die Unschuldsvermutung zitiert, wo immerhin das Urteil eines Weltverbands vorliegt, zeigt, wie es um die Mentalität bestellt ist im Sport hierzulande.
Den DOSB irritiert weder die erdrückend starke Indizienlage noch der Umstand, dass Pechstein die Chance ausschlug, sich ärztlich zu entlasten. Das hilft, nebenbei, zu erklären, warum der DOSB nichts mehr fürchtet als ein strenges Antidopinggesetz. Und wirft pikante Fragen auf: Wann und worüber wurde der DOSB informiert? Trug er den Kuhhandel mit?
Torwartlegende Sepp Maier im Interview. SZ am Wochenende Jetzt lesen ...
- Thema
- Wintersport RSS
- Pechstein: Streit mit Verband Blutdoping - Aussage gegen Aussage 05.07.2009
- Doping-Affären Pechstein und Werth "Bedrohung für den Sport" 04.07.2009
- Doping-Affäre um Claudia Pechstein "Ich habe nicht gedopt!" 04.07.2009
- Doping im deutschen Spitzensport Gefallene Ikonen 04.07.2009
- Eishockey: DEL-Halbfinale Die Welle der Panther 12.04.2010
- Eiskunstlauf-WM in Turin Der mit dem Pfau tanzt 24.03.2010
- Paralympics 2010 Gefeiert wie die Helden 22.03.2010
(SZ vom 06.07.2009)
Berliner Zeitung
hier die angeklagte Person "mit Sicherheit geklaut".
Sie haben natürlich Recht, solange einer nicht verurteilt ist, gilt er als unschuldig, und ich bin sicher, dass der Begriff "Unschuldsvermutung" für uns beide denselben (höchsten) Wert hat.
Allerdings, wenn man beim Ladendieb bleibt, wird die gestohlene Ware am Ausgang elektronisch erkannt und wird ein Alarm ausgelöst, und in der Tasche findet sich Ware mit den Fingerabdrücken des Täters (oder hohe Retikulozyten-Anteile im Blut), ist eine Verurteilung sicher. In einem ähnlichen Zustand befindet sich jetzt Frau Pechstein. Dies und NUR dies wollte ich zum Ausdruck bringen, es ging mirNUR um die Ausrede (noch nie vorher erwischt).
weil ja die ISU kein Dorfschützenverein ist - soso ...
Das ist ja mal ne Superlogik. Also wenn ein Landesgericht einen Prozess gegen jemanden eröffnet, in dem diese Person z.B. angeklagt wird geklaut zu haben, weil viele Indizien dafür sprechen, dass es so ist, dann hat nach der Lesart einiger Kommentatoren hier die angeklagte Person "mit Sicherheit geklaut".
Ich kann Ihnen allen bloß wünschen, dass Sie für den Fall, dass sie mal unschuldig vor Gericht landen, einen Richter finden, dem der Begriff "Unschuldsvermutung" noch was sagt. Wobei, vielleicht denken Sie dann ja auch einfach "hey, die Jungs & Mädels hier sind solche Profis und die Beweise sind sowas von knorke - wahrscheinlich war ich's doch".
P.S.: Damit keine Missverständnisse aufkommen - ich denke auch, dass die Pechstein gedopt hat ...
Schaunmermal:
"Ich nehme mal an, Sie haben die gesamte Akte bei der ISU angefordert, ausgewertet, sowie juristisch und medizinisch überprüfen lassen. Oder was befähigt Sie sonst zu dieser Aussage?"
Genau wie bei einem erwischtem Taschendieb, braucht man nicht die gesamte Polizei-Akte zu überprüfen, es reicht eine Bekanntmachung des Gerichts.
Der Eisschnelllauf-Weltverband ISU ist kein Dorfschützenverein und hätte niemals den Abschluss ihres Verfahrens öffentlich gemacht, wenn es nicht sicher stünde, das Frau Pechstein gedopt hat. Zu hoch wären die ev. Regressforderungen, dass der ISU das es sich leisten könnte.
Im ZDF hat sie es so formuliert :"Ich hatte die Retikulozyten nicht auf dem Radar". Mit anderen Worten, sie wusste nicht, dass man sie auf diese Weise überführen konnte.
Alles klar?
Vorschlag zur Güte. Es dopen eh alle - zumindest die Erfolgreichen. Konsequenz: Freigabe. Dann könnte man ganz offen die Leistung medizinisch optimieren und auch viel besser Nebenwirkungen erforschen als heute und der ganze Kontrollfirlefanz wäre überflüssig.
Es ist wie bei den illegalen Drogen - viele sogenannte Drogentote sind eigentlich Verbotstote (z.B. Heroin: da sterben viele an Streckmitteln oder unkontrolliertem / schwankendem Wirkstoffgehalt bzw. den hygienischen Bedingungen). Beim Doping wird es nicht viel anders sein ...
Paging