Dopingfälle in der Leichtathletik "Soll der Zuschauer für dumm verkauft werden?"

Starten in Zürich: Tyson Gay and Asafa Powell.

(Foto: dpa)

Weltrekordler Usain Bolt sagt seinen Start in Zürich ab, statt ihm sollen kurzfristig Tyson Gay und Asafa Powell einspringen. Das Problem: Beide haben gerade ihre Dopingsperren abgesessen. Zwei deutsche Topsprinter sind stocksauer.

Von Martin Schneider

Wenn die Leichtathletik das Oktoberfest wäre, dann wäre Usain Bolt der volle Maßkrug. Der Hauptgrund also, warum die meisten Menschen die Veranstaltung besuchen. Insofern saß das Leichtathletik-Meeting in Zürich seit dem vergangenen Sonntag auf dem Trockenen. Da sagte Bolt seinen Start für diesen Donnerstagabend ab und die Veranstalter um Direktor Patrick Magyar hatten ein Problem.

Was servieren wir den Gästen? Sie entschieden sich kurzfristig für Tyson Gay und Asafa Powell, immerhin Platz zwei und vier der ewigen Bestenliste über 100 Meter. Powell und Gay haben gegenüber Usain Bolt nur einen Nachteil: Sie haben gerade erst eine Dopingsperre verbüßt.

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Das wäre noch kein größeres Problem, allerdings wird der für die Einladung verantwortliche Magyar vor fünf Tagen noch mit dem Satz zitiert: "Wir wollen unser Geld nicht an Athleten verteilen, die den Ruf der Sportart beschädigt haben." Während es bei der Einladung zu den Diamond-League-Disziplinen Vorgaben des Weltleichtathletik-Verbandes gibt, waren die Veranstalter bei der Besetzung des 100-Meter-Laufes frei. Die beiden deutschen Topsprinter Julian Reus und Lukas Jakubczyk reagierten stocksauer.

Problem mit früheren Dopingsündern

"Soll der Zuschauer für dumm verkauft werden?", schrieb Reus auf seiner Facebook-Seite. Jakubczyk rutschte von den A- in den B-Lauf und schrieb ebenfalls auf Facebook, man habe ihm eine Entschädigung von 1000 Dollar und eine Platzierungsprämie angeboten. Er würde sich aber nicht kaufen lassen und das Geld an seinen Heimatverein spenden.

Magyar sagte am Mittwoch, die Aussage, keine ehemaligen Dopingsünder einzuladen, sei falsch zitiert und habe sich auf Athleten bezogen, die eine zweijährige Sperre abgesessen haben. Deshalb sei der Weltjahresbeste Justin Gatlin nicht dabei. Powell, der positiv auf ein Stimulanzmittel getestet wurde, wurde für sechs Monate gesperrt, Gays Strafe von zwei Jahren wegen Einnahme eines Steroids wurde wegen guter Zusammenarbeit mit den Behörden auf ein Jahr reduziert.

Die Politik, bei Meetings ehemalige Dopingsünder nicht mehr einzuladen, gibt es schon seit ein paar Jahren. Die Probleme, die sich daraus ergeben, sind aber nicht einmal im Ansatz gelöst. Ist nicht jeder Dopingfall einzeln zu betrachten? Ist ein Stimulanzfall, der mit verunreinigten Nahrungsergänzungsmitteln zusammenhängen könnte, mit einem Steroid- oder Epo-Fall vergleichbar? Hat ein Dopingsünder nach seiner Sperre wie ein Straftäter das Recht auf Rehabilitation? Warum hat in Zürich ein Athlet mit 18 Monaten Strafe diese Chance, einer mit 24 aber nicht? Magyar nannte die Kritik eine "Frechheit" und sagte: "Wir haben klare Vorgaben: Wer zwei Jahre gesperrt war, darf nicht starten. Das trifft auf Gay und Powell nicht zu, und sie haben ihre Strafe abgesessen. Ich finde es nicht gut, wenn andere Sportler auf diese Athleten herunterschauen."