Doping-Verdacht Größter Geschäftsunfall für den Fußball

Anabole Steroide - auch im Bundesliga-Fußball?

(Foto: dpa)

Die Indizien sind erdrückend: Auch im reichsten Sport der Welt wurden offenbar jahrelang Anabolika eingesetzt. Erweisen sich die Vorwürfe als wahr, hat der Fußball den Sprung unter die dopingintensiven Sportarten offiziell geschafft.

Kommentar von Thomas Kistner

Die Freiburger Dopingforscher haben die Büchse der Pandora geöffnet. Hand an diesen Schreckensbehälter hatte bereits eine Forschergruppe der Berliner Humboldt-Uni gelegt, die in einer Studie weitflächige Betrugssytematiken im westdeutschen Sport zutage förderte; nun ist offenbar der Verschluss aufgeschnappt. Ein über klandestine Versorgungswege angelegter, jahrelanger Anabolika-Einsatz in Fußball-Profiklubs wäre ja exakt das Gegenteil von dem, was die Branche seit jeher beteuert: Dass Doping im Fußball nichts bringe und es allenfalls ein paar Einzeltäter gäbe, gewiss aber kein System.

Treffen die neuen Vorwürfe zu, hat der Fußball den Sprung unter die dopingintensiven Sportarten auch offiziell geschafft. Dass er dort hingehört, steht für Fachleute außer Frage. Natürlich bringt Doping jede Menge in diesem kontaktintensiven Zweikampfsport, in dem man nach 90 Minuten und elf, zwölf oft im Spurt zurückgelegten Kilometern noch immer zehn Zentimeter vor dem Gegner am Ball sein muss, die halbe Sekunde, die das Tackling vom Foul trennt. Und tatsächlich tut die Branche ja in jeder nicht verbotenen Form alles Erdenkliche, um just die Kraft- und Ausdauereffekte herzustellen, auf die auch verbotene Praktiken mit Anabolika bis Epo zielen.

Rasanter, athletischer, spektakulärer

Über viele Spielerbetten spannen sich Niedrigdruck-Zelte, die ein Höhenklima von 3000 Metern simulieren und die roten Blutzellen im Schlaf erhöhen; das erspart die Epo-Spritze. Und wer glaubt, dass ein Muskelkörper beim Kicken stört, der sollte bei den Spitzenklubs in Europa nachfragen, bei denen feingliedrige Zugänge in kürzester Zeit zu Modellathleten mutieren.

2006 brachte der berüchtigte Eufemiano Fuentes den Fußball an den Rand des Abgrunds. Doch klarste Hinweise zur Klientel des Dopingdoktors im spanischen Spitzenfußball wurden beiseitegeschoben, die Ermittlungen wie von Zauberhand abgewürgt. Was gedroht hätte, wenn eine unabhängige Justiz Fuentes Tretminen zur Zündung gebracht hätten, lässt sich aber erahnen. 2008 begann der größte Siegeszug, den der Weltfußball je sah: Spaniens generacion de oro, die goldene Generation, wurde Europa-, Welt- und wieder Europameister; auch den Klubfußball dominierte sie.

Die Wahrheit ist: Im reichsten Sport der Welt, der ständig rasanter, athletischer, spektakulärer wird, wäre Doping der GAG: größter anzunehmender Geschäftsunfall. Getestet wird im Fußball so, dass sich oft von Mogelpackungen reden lässt. Und wenn WM ist, müssen die Experten von der Welt-Anti-Doping-Agentur Wada leider zuhause bleiben. Die Fifa testet lieber selber, und gäbe es einen Sündenfall, dann landet der bei Sepp Blatter und Freunden. Überdies gibt es Hightech-Dopingformen zuhauf, die vom limitierten Kontrollsystem des Sports nicht erfasst werden können.

Aus all dem vermag vielleicht nicht der glühende Fan, wohl aber der Vernunftsmensch einen Systemzwang abzuleiten. Dass der gerade im Fußball energisch geleugnet wird, macht die Sache verdächtig, und Angriffe wie der aus Freiburg wiegen dann besonders schwer. Die Branche wird sich genau überlegen müssen, wie sie mit den Vorwürfen umgeht. Die Fallhöhe ist nicht nur im, sondern auch für den Fußball gewaltig.