Von Hans Leyendecker

Die deutsche Spur in der Doping-Affäre, in der auch Jan Ullrich verdächtigt wird, führt nach Thüringen: Einer der Chefärzte einer Klinik steht im Verdacht, Helfer des spanischen Mediziners Fuentes gewesen zu sein.

Einer der Chefärzte einer thüringischen Klinik steht im Verdacht, Helfer des spanischen Mediziners Eufemiano Fuentes gewesen zu sein, der als Hauptfigur der Dopingaffäre gilt. Gegen den deutschen Mediziner, einen Anästhesisten, wurde ein Ermittlungsverfahren wegen Verdachts des Verstoßes gegen das Arzneimittelgesetz eingeleitet.

Ullrich, dpa

Jan Ullrich unter Dopingverdacht: die Spur führt nach Thüringen. (© Foto: AP)

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In die Doping-Affäre sind zahlreiche Spitzensportler, darunter auch der Radrennfahrer Jan Ullrich, verwickelt.

Die Aktion gegen den verdächtigen deutschen Arzt ist seit Wochen vorbereitet worden. Beamte des Bundeskriminalamtes (BKA) und der Staatsanwaltschaft Göttingen durchsuchten am Donnerstag das im Südharz gelegene Wohnhaus des deutschen Mediziners und sein Büro in einem Krankenhaus im nahen thüringischen Bleicherode.

Das BKA hatte vergangene Wochen im Austausch mit spanischen Kollegen quasi Vorermittlungen geführt, ein deutscher Journalist hatte die Wiesbadener Behörde auf die Spur des Arztes gebracht.

Schon vor einem Monat hatte es Hinweise darauf gegeben, dass Fuentes verbotene Substanzen aus Deutschland erhalten haben soll. Angeblich gibt es ein europäisches Netzwerk, das Fuentes mit illegalen Mitteln versorgte.

Ein Knoten im Netz soll ein deutscher Mediziner gewesen sein. Die spanische Zeitung El Pais, die den Fall intensiv verfolgt, hatte Ende Juli Mutmaßungen über einen deutschen Komplizen von Fuentes veröffentlicht.

Es handele sich um den ,,Arzt eines öffentlichen Krankenhauses in einer deutschen Kleinstadt''. El Pais hatte aber weder die Stadt noch die Klinik noch den Namen des Arztes genannt.

Die deutsche Spur fand sich auch in Akten spanischer Dopingfahnder. In den Unterlagen stand sogar eine verdächtige Telefonnummer, die nach Bad Sachsa im Südharz führte. Bei SZ-Recherchen stellte sich heraus, dass die Nummer falsch war. Mittlerweile steht fest, dass die spanischen Ermittler versehentlich einen Dreher eingebaut hatten. Die falsche Telefonnummer führte zunächst auch zu Verwirrung bei Ermittlern.

"Spezialität: Eigenblut"

Dass es eine deutsche Spur gab, stand früh fest: Bei Razzien im Fall Fuentes waren in Madrid deutsche Arzneimittel aus Klinikbeständen sichergestellt worden. Auch deutete ein abgehörtes Telefonat, in dem der mutmaßliche spanische Dopingarzt Fuentes nach seiner Festnahme seinen Kundenkreis beruhigte oder über einen Mitarbeiter beruhigen ließ, auf einen deutschen Statthalter hin.

Die Botschaft: So lange das Zentrum in Madrid geschlossen sei, werde die Versorgung über Deutschland aufrecht erhalten. Auf einer Internetseite wirbt der Arzt, dessen Wohnung und Büro durchsucht wurden, mit folgenden Diensten: "Spezialitäten: Patientenadaptierte Transfusionsmedizin (Eigenblut, Cellsaver...)"

Landis mit Verbindungen nach Deutschland

Auch im Zusammenhang mit Recherchen über den mutmaßlichen Dopingsünder und Tour-de-France-Sieger Floyd Landis aus den USA hatte es Hinweise auf Verbindungen nach Deutschland gegeben. Angeblich hatte Landis nach der Tour einen deutschen Arzt aufgesucht.

Laut El Pais berichteten Kameraden aus seinem Phonak-Team, Landis habe Kontakt zu einem Arzt in Deutschland gehalten. Ob es sich bei dem Unbekannten um jenen Mediziner handelt, gegen den jetzt die Göttinger Strafverfolger ermitteln, ist aber noch unklar.

,,Möglicherweise stellt sich der Verdacht als falsch raus'', sagt der Göttinger Staatsanwalt Hans Hugo Heimgärtner. Aus Ermittlerkreisen ist zu hören, es habe in den vergangenen Wochen umfangreiche Telefonüberwachungs-Aktionen gegeben, bei denen sich die Hinweise auf deutsche Helfer verdichtet hätten. Das Göttinger Verfahren wird unabhängig vom Fall Ullrich geführt.

In diesen Tagen ging bei der Staatsanwaltschaft Bonn eine Strafanzeige des Heidelberger Anti-Dopingexperten Professor Werner Franke gegen Unbekannt wegen Verdachts der Körperverletzung ein. Franke hatte darauf hingewiesen, dass deutsche Ärzte Fuentes mit illegalen Mitteln beliefert haben sollen.

Bei dieser Konstruktion wäre Ullrich nicht Täter, sondern Opfer, weil Dopingpräparate bei allergischen Asthmatikern wie ihm zu Schockzuständen hätten führen können. Möglicherweise wird die Staatsanwaltschaft Bonn Frankes Strafanzeige an die Göttinger Kollegen weiterreichen.

Unabhängig von den Ermittlungen in Niedersachsen gerät auch Jan Ullrich im Doping-Skandal immer stärker unter Druck. Wie aus nordrhein-westfälischen Justizkreisen verlautet, bereitet die Staatsanwaltschaft Bonn in Sachen Ullrich Rechtshilfeersuchen an verschiedene europäische Staaten - darunter Spanien - vor.

Seit mehr als vier Wochen laufen bei der Bonner Strafverfolgungsbehörde quasi Vorermittlungen gegen Ullrich und dessen langjährigen Betreuer und Mentor Rudy Pevenage.

Staatsanwaltschaft Bonn prüft

Schon im Juli hatte die Bielefelder Kriminologin Britta Bannenberg in Bonn Strafanzeige wegen Verdachts des Betruges und Verstoßes gegen das Arzneimittelgesetz gestellt.

Die Anti-Korruptionsexpertin ging in ihrer Anzeige davon aus, dass Ullrich seinen früheren Bonner Arbeitgeber T-Mobile über den Gebrauch unerlaubter Substanzen getäuscht hat.

Die Bonner Staatsanwaltschaft hat zwar Dokumente spanischer Ermittler gesichtet und ein Aktenzeichen angelegt, aber noch keine Außenermittlungen eingeleitet.

,,Wir prüfen immer noch den Fall und wollen uns zunächst ein Gesamtbild machen'', erklärt der Bonner Oberstaatsanwalt Friedrich Apostel. Intern aber geht die Behörde von einem Anfangsverdacht aus und erhofft sich vor allem durch Nachforschungen im Ausland Aufklärung.

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(SZ vom 18.8.2006)