Von Thomas Kistner

Zwei medizinische Studien vergangener Jahre deuten auf eine Dopingmentalität im deutschen Sport hin.

Nachdem Georg Huber, der leitende deutsche Olympia-Arzt, am Samstag seine Beteiligung an Dopingpraktiken im Radsport gestanden hat, haben die Ausläufer des nationalen Dopingtiefs den gesamten olympischen Sport erfasst. Die Sportmedizin in Freiburg - das ist: Huber, Heinrich, Schmid, dazu die Doyens der deutschen Sportmedizin, Keul und Klümper, "echte Freunde des Anabolika-Dopings" (Zellforscher Werner Franke).

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Man würde jetzt doch gerne mal eine Breisgauer Sportkapazität hören, die opponiert hat gegen den dort herrschenden Geist. Aber man hört nichts. Und die Überraschung der Sportfunktionäre ist auch nicht sehr groß angesichts der Enthüllungslawine, die über Freiburg niedergeht. Gerüchte gab es immer, bloß hat sich nie jemand darum gekümmert. Die Verbandsfürsten sonnten sich lieber im Medaillenglanz ihrer Helden und klammerten sich an ihr Credo, dass Deutsche sauber seien im globalen Vergleich.

Zwei dürre Hinweise

Vermutlich findet sich deshalb auf der Website des Deutschen Olympischen Sportbunds (DOSB) zwar ein Link Alles über Doping, darauf aber stehen nur zwei dürre Hinweise: November 2006 wurde das famose Zehn-Punkte-Programm initiiert, mit dem der DOSB die von der Politik geforderte Besitzstrafbarkeit für Doper kurzzeitig abschmetterte. Und 2002 wurde die Nationale Antidopingagentur Nada gegründet - so weit Alles über Doping aus DOSB-Sicht.

Setzt man dagegen, dass Verbandschef Thomas Bach bei der DOSB-Taufe im Mai 2006 vier Fünftel seiner Festrede auf das Thema verwendete, setzt man dagegen, dass Bach als Großinquisitor des IOC gerade sechs österreichische Dopingsünder lebenslang von Olympia verbannte, fällt eine Schieflage auf: Offenbar hielten die Sportfunktionäre Doping hierzulande für ausgerottet.

Zurück zu Olympia-Arzt Huber und Kollegen, die den deutschen Sport seit Jahrzehnten durchwirken. Huber führte Jahrzehnte lang die "Olympia-Apotheke". Er saß in der Nada-AG "Medizin und Analytik", anders gesagt: an der Quelle. Ende 2003 erklärte er, Langzeitfolgen bei Epo und Anabolika seien gar nicht gesichert. Was nicht nur falsch ist, sondern ein dürftiges Problembewusstsein zeigt - auch in der nationalen Bruderschaft der Sportärzte, die dazu geschwiegen hat.

Wie immer. Insofern wird Hubers Fall nur ein Anfang sein. Drängende Fragen gehören geklärt von den Funktionären, pardon - von der Politik rund um den immer nervöseren Innenminister Schäuble: Wie verhält es sich mit all den Antidoping-Forschungsprojekten renommierter Sportärzte, deren Zweckbestimmung sich bis heute keinem ethisch geleiteten Wissenschaftler erschließt? "Testosteronapplikation bei Langläufern" hieß so ein Großprojekt der (west-)deutschen Sportmedizin, gedacht als direkte Antwort auf die Sportsbrüder Ost, deren Umtriebe in Fachärztekreisen längst kein Geheimnis mehr war.

1987 fand die erste von zwei Studien statt, offizielles Ziel waren Erkenntnisse über die Auswirkung von Testosteron auf die "Leistungsfähigkeit bei Skilangläufern". Weder Keul noch sein Schüler Ernst Jakob stießen sich an der originellen Forschungsbedingung, Hochleistungssportlern Hormone in die Muskeln zu spritzen.

"Vor Schlimmeren bewahren wollen"

Huber aber, der nun gesteht, er habe seine Rad-Amateure mit Testosteron-Gaben nur vor "Schlimmerem" bewahren wollen, hat die Studienergebnisse nicht ernst genommen. Jakob, Keul und andere fanden nämlich heraus: Eine Veränderung der Leistungsfähigkeit gibt es nicht. Zudem - vermerkt als "wesentlich" - stellten sich beunruhigende Begleiteffekte bei den Athleten ein: "die Störung der Regelkreisfunktion Hypophyse/Testes, die im Einzelfall bis zu vier Wochen nach einer Injektion besteht".

Von diesem alarmierenden Befund also ließ sich Huber so wenig abschrecken wie vom Kernbefund der Kollegen: dass Testo-Doping im Ausdauersport nichts bringe. Seltsam: Huber speiste seinen Schützlingen in just jener Zeit Testosteron ein, Andriol; riskiert man das, wenn man davon überzeugt ist, es bringe nichts? Warum griff er nicht zu Plazebos, Deutschlands "Sportmediziner des Jahres 2005"?

Nun ist es leider so, dass Huber es wohl besser wusste als die Forscherkollegen. Dies legt der Umstand nahe, dass beim olympischen Radrennen in Seoul 1988 gleich drei Deutsche aufs Podest strampelten: Hinter DDR-Held Olaf Ludwig (Doping-Zwangsprogramm, später angeblich Epo bei Telekom) die Westdeutschen Bernd Gröne (bestreitet Doping bei Telekom) und Christian Henn (Testosteron durch den BDR, später Epo bei Telekom). Dieser Umgang mit Testosteron in der Realität des von Freiburg geleiteten Sport gehört vom Sportausschuss im Bundestag geklärt: Stand Huber allein mit seiner mit seiner in der Praxis belegten Einschätzung, dass Testosteron im Ausdauersport sehr wohl etwas bringt?

Eine Menge Klärungsbedarf

Falls ja: Dann hat sich die Elite der deutschen Sportmedizin als unfähig erwiesen und als Steuermittelverschwender. Beteiligt an der Studie waren Wilfried Kindermann und Heinz Liesen, weitere Kapazitäten der Sportmedizin. Jakob ist ein anerkannter Betreuer im Radsport und im Langlauf. In Turin hatte er die heikle Aufgabe, mysteriöse Blutwerte bei Evi Sachenbacher zu erklären.

Es gelang nie überzeugend. Falls die Antwort nein lautet: Dann war die fromme Antidopingforschung ein handfestes Betrugsprojekt auf Steuerzahlerkosten. Ganz abwegig erscheint der Schluss ja nicht: Damals tobte der Wettstreit der Systeme, das Ruder führten Spezialisten wie Keul, Klümper oder Huber - sollte aus diesem Kreis ein Argumentationshilfe-Projekt gegen das erwachsen, was man im Verborgenen betrieb?

Hans-Hermann Dickhuth, Chef der Freiburger Sportärzte, erklärte der SZ im Herbst 2006, auch er sei damals gefragt worden, hätte sich aber geweigert, an der Studie teilzunehmen. Jakob hatte weniger Berührungsangst, mit Keul forschte er auch zur Frage "Beeinflussen Testosterongaben die Immunitätslage bei intensiv trainierenden Ausdauer-sportlern?" Für die Studie firmiert auch Bernd Wolfarth, heute Ski-Verbandsarzt. Sechs Wochen lang wurde in Sieben-Tage-Abstand den Probanden 250 Milligramm Testosteron injiziert.

Der SZ sagte Jakob, heute wäre so etwas obsolet, Forschung zum Nachweis medikamentöser Leistungssteigerung sei nicht mehr erforderlich. Doch er steht zu seinen Projekten. "Das Ergebnis unserer Studie zeigte keinen Wirksamkeitsnachweis von Testosteron auf die Leistungsfähigkeit. Auch wenn es positive Testosteronfälle gibt, die auf eine Wirksamkeit hindeuten, weil die Betroffenen das Präparat sonst nicht eingenommen hätten, bleibe ich bei der Richtigkeit unseres Studienergebnisses."

Über die Frage hinaus, welches Problembewusstsein sich hier zeigt, gibt es eine Menge Erklärungsbedarf. Die Ethikkommission der Uni Freiburg hat die Projekte abgesegnet, das Kölner Bundesinstitut für Sportwissenschaft die fromme Sache mit Geld und Vorgaben gepuscht. Und schon 1977 hatte sich im Sportausschuss ein junger CDU-Abgeordneter bei der ersten großen Dopingdebatte sehr um die westdeutsche Wettbewerbsfähigkeit gesorgt und sogar gefragt, ob es nicht unklug sei, sich harte Antidopingnormen zu verordnen, die alle Türen zuwerfen: Wolfgang Schäuble.

Dieser hat nun mit Thomas Bach erste Schritte zur Läuterung präsentiert: DOSB und BMI wollen "die strikte Einhaltung aller Anti-Doping-Regeln und der Förderrichtlinien des Bundes als Voraussetzung für die Verbandsförderung sicherstellen". Bisher hatte man gedacht, dies sei die Grundbedingung für eine Sportförderung mit Steuergeldern.

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(SZ vom 29. Mai 2007)