Doping Russland mit Sabotage-Theorie

Auch die B-Probe von Curler Alexander Kruschelnizki ist positiv. Russlands Sportminister Pawel Kolobkow glaubt nicht, dass der Athlet absichtlich Meldonium genommen habe. "Das ergibt keinen Sinn", sagt er.

Von Thomas Kistner

Auch die B-Probe von Alexander Kruschelnizki ist positiv, das wurde am Dienstag in Pyeongchang publik und vom russischen Olympiakomitee ROC bestätigt. Damit rückt auch bei diesen Winterspielen das Kernthema Doping endgültig in den Fokus. Dem Curling-Bronzegewinner im Mixed wurde Meldonium nachgewiesen, das Herzmittel steht seit Anfang 2016 auf der Verbotsliste. Bis dahin war es vor allem bei osteuropäischen Leistungssportlern sehr beliebt, unter anderem die ehemalige russische Tennis-Weltbeste Maria Scharapowa wurde mit Meldonium-Befund gesperrt. Und Curler Kruschelnizki, der seine Unschuld beteuert, hatte in der ersten Reaktion auf seine positive A- Probe mit einer Mär aufgeräumt: dass so ein den Blutfluss verbessernder Wirkstoff in einem Sport wie Curling nichts brächte. Er räumte ein, früher durchaus Meldonium gebraucht zu haben - aber nur, bis es verboten worden sei.

Während sich Welt-Anti-Doping-Agentur und Internationales Olympisches Komitee (IOC) bedeckt hielten, wurde in Moskau und bei den "Olympischen Athleten aus Russland" (OAR) an Erklärungsmodellen gefeilt. Sportminister Pawel Kolobkow sagte der Agentur Interfax: "Das ist zweifellos ein Fehler." Er glaube nicht, dass Kruschelnizki absichtlich gedopt habe: "Das ergibt keinen Sinn: Curling ist kein Sport, in dem gewissenlose Athleten zu Doping greifen."

Kruschelnizki ist zweimal positiv auf Meldonium getestet worden

Stärker in Richtung Verschwörungstheorie zielt die Erklärung der OAR-Delegation zum Probenbefund. Sie legt dar, Meldonium bewirke nur bei regelmäßiger Einnahme leistungssteigernde Effekte. Kruschelnizkis Laboranalyse lasse aber auf einen einmaligen Gebrauch schließen, was unter Dopingaspekten "absolut nutzlos" sei.

Indes gab es beim Curler offenbar gleich zwei positive Tests, erfolgt an zwei Tagen hintereinander. Schon seit Montag kursierte das Gerücht in Fachkreisen; am Dienstag berichteten der Webdienst InsidetheGames und die französische Nachrichtenagentur AFP unter Berufung auf Quellen nahe am Dossier, der Russe sei zweimal in zwei Tagen auf Meldonium getestet worden.

Die OAR klammern sich vorerst an ihre These, es könne ein Sabotage-Akt vorliegen. Deshalb habe das ROC nun ein "umfassendes Ermittlungsverfahren nach dem Strafrecht der Russischen Föderation" angeschoben, teilte das Gremium mit. In Pyeongchang ist das ROC wegen systematischen Dopings in Sotschi 2014 gesperrt.

Kruschelnizkis Anhörung am Sportgerichtshof Cas sei bislang nicht datiert, teilte Cas-Generalsekretär Matthieu Reeb mit. Der russische Curling-Verbandschef Dmitri Swischtschow sprach indes von einer Verhandlung am Donnerstag, zu der er mit Kollegen nach Südkorea fliegen wolle.

Abzuwarten bleibt, ob die Verbreitung von Anschlagstheorien dazu führt, dass das IOC die Spiele-Sperre der Russen vor der Schlussfeier wieder aufhebt. Vorläufig begutachtet eine IOC-Kommission, ob die Russen einen vereinbarten Verhaltenskodex beachten, der auch die strikte Einhaltung der Anti-Doping-Regeln beinhaltet. Russlands Sportfunktionäre, die nun einem Verschwörungsverdacht nachspüren wollen, haben für das systematische Staatsdoping der vergangenen Jahre bisher weder Reue gezeigt noch eine Entschuldigung ausgesprochen.