Von Andreas Burkert und Thomas Kistner

Offensichtlich unterlaufen dem BDR in der Causa Patrik Sinkewitz gravierende Versäumnisse.

Der Bund Deutscher Radfahrer schlittert in die tiefste Krise seines Bestehens. Die Enthüllungen des Doping-Kronzeugen Patrik Sinkewitz in dieser Zeitung (24./25. November) belegen offenbar, dass bei dem Fahrer während der WM 2000 in Plouay/Frankreich mit Duldung der Verbandsspitze und von Teilen der Ärzteschaft ein Epo-Dopingfall zumindest vertuscht worden ist. Zwar hat Sinkewitz damals, wie er der SZ sagte, ,,nur mit Bundestrainer Peter Weibel'' über das von ihm angewendete Blutdopingmittel gesprochen. Weibel habe dann während der WM ständig den Hämatokritwert gemessen und den damals 19-Jährigen, weil die Werte nicht runtergingen, nach dem Zeitfahren heimgeschickt. Als Erklärung, so Sinkewitz, sei eine Erkältung vorgeschoben worden.

Patrik Sinkewitz

Schlecht beraten: Patrik Sinkewitz (© Foto: AFP)

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Peter Barth, Chef des Rad-Bundessportgerichts, bestätigt die Aussagen. Sein sehr korrekt arbeitendes Gremium hatte diese dank eines späten Tipps bei Sinkewitz eingeholt, nachdem die eigentliche Vernehmung schon durch war. Rätselhaft, dass hingegen der BDR selbst nie auf Aussagen des Fahrers zum Plouay-Komplex gedrängt hatte. Immerhin war der Vorfall in seiner Brisanz seit Sommer bekannt. Da hatte Sylvia Schenk, selbst BDR-Chefin von 2001 bis 2004, der SZ berichtet, sie habe nach der WM in Plouay von einem höchstrangigen Funktionär der alten Verbandsspitze erfahren, es seien überhöhte Blutwerte beim Rad-Junior gemessen worden, man habe ihn ,,wegen einer Erkältung nach Hause geschickt, um nicht die junge Karriere zu zerstören''. Nach SZ-Informationen musste Generalsekretär Martin Wolf schon im Juli dem BDR-Präsidium wegen der Schenk-Vorwürfe zu Sinkewitz in Plouay Bericht erstatten und den damaligen WM-Stab benennen - Wolf war damals als Leistungsreferent von Sportdirektor Burckhard Bremer dabei.

In Plouay könnten zudem neben dem damaligen Verbandschef Manfred Böhmer auch dessen Vize Fritz Ramseier und Schatzmeister Harald Pfab (heute erster Stellvertreter von BDR-Chef Rudolf Scharping) anwesend gewesen sein. Nicht involviert damals war der heutige Vorstandskollege Udo Sprenger, gegen den allerdings die Staatsanwaltschaft Wiesbaden ermittelt aufgrund Anfangsverdachts wegen der Führung von Schwarzgeldkassen zur Dopingmittelbeschaffung beim früheren Team Nürnberger. Sprenger ist immer noch in Amt und Würden, er organisierte sogar für den BDR die WM im Herbst in Stuttgart.

Peter Danckert ist die Sache suspekt. ,,Sollte sich herausstellen, dass der BDR seit Monaten von Schenks Vertuschungsvorwürfen in Sachen Sinkewitz wusste und bisher untätig geblieben ist, ist das nicht akzeptabel'', sagte der Chef des Sportausschusses im Bundestag, ,,dann ist das BMI gefragt.'' Indes sagte Scharping der SZ gestern: ,,Wir kennen Sinkewitz' Aussagen schon seit 14 Tagen, wir gucken gerade nach, wer von uns in Plouay dabei war.'' Die Gemütsruhe erstaunt. Und ungeklärt bleibt vorerst, warum der BDR den Fall Plouay, der ihn ins Mark trifft, nicht längst selbst anlässlich der vielen Sinkewitz-Vernehmungen bei BKA, Staatsanwaltschaft und letztlich sogar dem Radsportgericht aufzuklären suchte - wenn er sich doch schon im Juli selbst damit befasste. Alles nur ein Fiebertraum?

Zweifel sind angebracht, dass der Verband die eigene Malaise schonungslos aufklären will. Auch Sportgerichtschef Barth will den BDR sicherheitshalber noch mal auffordern, Sinkewitz' Plouay-Aussagen an den Weltverband weiterzureichen. Denn auch die UCI ist involviert, weil Sinkewitz Epo-gedopt einen der WM-Bewerbe 2000 bestritt, das Zeitfahren. Zudem können nur UCI oder BDR die Causa Plouay vors Sportgericht bringen. Einen Vorgeschmack, wie der BDR dies trotz aller frommen Beteuerungen angeht, gab Sportdirektor Bremer (,,Ich war nicht in Plouay'') am Sonntag: Sinkewitz' konkrete Aussagen seien ,,derzeit noch Vermutungen''. Na bitte: Vielleicht doch alles nur ein Fiebertraum? Mag sein, zu klären bliebe dann, wie Sinkewitz Frau Schenk anstecken konnte, mit der er nie ein Wort gewechselt hat.

Jedenfalls entfällt das ideale Verteidigungsszenario der Verantwortlichen: alles als Weibel-Solonummer darzustellen. Der Bundestrainer ist seit Mai 2007 suspendiert - er hatte, wie sein langjähriger Kombattant, der Freiburger Rad- und Olympia-Chefarzt Georg Huber, Testosteron-Doping bis Ende der 80-er Jahre eingestanden. Doch Weibel wehrt sich vom Krankenbett aus. ,,Alles unwahr'', sagte der herzkranke 57-Jährige der dpa und kündigte Schritte gegen Sinkewitz an: ,,Ich werde mit meinem Anwalt entscheiden, wie ich dagegen vorgehe.''

Dabei wirkt die bisherige Linie von Weibel/Huber ohnehin realitätsfremd. Nicht nur Sinkewitz' Aussage wirft den Verdacht auf, dass auch im BDR über die folgenden Jahre weiter gedopt wurde. Starke Zweifel an Hubers Version nährte Ende Juni auch ein früherer Nachwuchsfahrer - Markus Wilfurth erklärte einem Branchen-Magazin, Huber sei mindestens bis zur Rad-WM 1999 in Verona ,,für seine Doping-Vorliebe bekannt'' gewesen. Huber hatte sich dazu bisher nicht geäußert. In der Freiburger Uni-Klinik wurden die Dopingbekenntnisse des Olympia-Arztes, der das deutsche Team nach Turin 2006 führte und auch in Peking 2008 betreuen sollte, nicht sonderlich tragisch genommen, vereinbart wurde nur eine Art partielle Suspendierung.

Und dann ist da noch Sylvia Schenk. Die Frankfurter Juristin, heute Chefin der Antikorruptionsbehörde Transparency in Deutschland, war von 2001 bis 2004 selbst Verbandschefin. Sie stieg aus, als es in ihrer Amtszeit einen Vorfall gab, bei dem Funktionäre und Ärzte einen internen Umgang mit auffälligen Blutwerten pflegten, der ihr suspekt erschien. Erwartungsgemäß wird sie nun zur Zielscheibe frommer BDR-Funktionäre, Scharping deutet dies bereits an: ,,Wenn es damals so einen Verdacht gab, wäre es die verdammte Pflicht des Präsidiums gewesen, dem nachzugehen.'' Wie sein Präsidium dieser Pflicht nachkommt, ist schon seit Monaten zu bestaunen. Obwohl es wesentlich bessere Bedingungen hat: Ross und Reiter sind bekannt, die Zentralfigur ist geständig. Der BDR hat aber offenbar bis heute lieber nichts von ihr wissen wollen.

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