Doping-Kronzeuge Witali Stepanow "Berühmte Athleten hatten nie Positivtests"

Die 800-Meter Läuferin Julia Rusanowa hat Russlands Doping-System selbst kennengelernt. Inzwischen ist sie Kronzeugin.

(Foto: Olivier Morin/AFP)
  • Witali Stepanow erzählt im SZ-Interview, wie er als Mitarbeiter der russischen Anti-Doping-Agentur Sportler kontrollierte, aber niemanden überführen durfte.
  • Er und seine Frau sind die Kronzeugen der jüngsten Anklagen gegen ein angeblich systematisch organisiertes Doping im russischen Sport.
  • Stepanow spricht von einem System, das auf jeder Ebene gesichert werden sollte. Die Zielvorgaben würden "von ganz oben" kommen.
Von Thomas Kistner

"Es gab extra Bargeld für jeden Kontrolleur"

Als Dopingfahnder Witali Stepanow anfing, wurde ihm gesagt: Mach deinen Job, du bist nur hier, um Urin zu sammeln, mach dir keine weiteren Gedanken. Wenn der 32-Jährige in diesen Tagen von seiner Arbeit für die russische Anti-Doping-Agentur Rusada erzählt, muss er sich an einem geheimen Ort treffen. Witali Stepanow und seine Frau Julia sind die Kronzeugen der jüngsten Anklagen gegen ein angeblich systematisch organisiertes Doping im russischen Sport. Sie haben Russland verlassen.

Im Interview mit der Süddeutschen Zeitung (Mittwochsausgabe) erzählt Stepanow über seine Zeit als Dopingkontrolleur: "Es gab extra Bargeld, so zwischen 30 und 100 Dollar für jeden Kontrolleur." Stepanow sagt: "Deshalb mochten sie mich nicht. Weil ich das immer ablehnte."

Zwischen 2008 und 2011 war er Mitarbeiter der Rusada. Danach arbeitete er bis Ende 2011 für das Olympa-Organisationskomitee von Sotschi. Während Stepanows Frau, die Mittelstreckenläuferin Julia Stepanowa, ihre Aussagen mit versteckt angefertigten Videoaufzeichnungen für eine ARD-Dokumentation belegte, bezeugt der ehemalige Dopingfahnder, dass staatliche Stellen die Tests der Anti-Doping-Agentur unter Kontrolle hielten. Sein Vorwurf: Zwar dürften unbekannte Sportler überführt werden, nicht aber namhafte. "Berühmte Athleten hatten nie Positivtests", sagt der ehemalige Dopingfahnder.

Ehepaar Stepanow hat sich abgesetzt

Das Ehepaar Stepanow hat sich mittlerweile mit seinem Kind ins Ausland abgesetzt und lebt an einem unbekannten Ort. "Wir werden als Lügner gebrandmarkt, in den Medien heißt es zu 90 Prozent, dass wir keine guten Russen seien", sagt Stepanow, "und dass wir große Probleme bekämen, wenn wir zurückkommen würden". Alle von ihnen beschuldigten Institutionen, Funktionäre und Offizielle in Russland weisen die Vorwürfe zurück. "Wir werden vermutlich vom russischen Leichtathletik-Verband verklagt, obwohl wir Beweise für unsere Aussagen haben", sagt Stepanow.

Er meint damit Fälle wie jene, als er ein Trainingscamp kontrollieren wollte, und ihm ein Verbandsoffizieller sagte, er brauche seine Athleten nicht zu testen, sie seien sauber. "Das machte mich misstrauisch", sagt Stepanow. Prompt habe ein Funktionär die Rusada angerufen und sich über einen Kontrolleur beschwert, der Probleme mache.

Witali Stepanow im Wortlaut Das vollständige Interview lesen Sie in der Mittwochausgabe der Süddeutschen Zeitung oder in der digitalen Ausgabe auf dem Smartphone oder Tablet.

Stepanow spricht von einem System, das auf jeder Ebene gesichert werden sollte. Die Zielvorgaben würden "von ganz oben" kommen, um die Leute patriotisch zu stimmen, so Stepanow. Er sagt, er hätte zwar nichts gegen Wladimir Putin und könne nicht behaupten, dass die Anordnungen von ihm kämen. "Aber nachdem er die Macht übernahm, wollte Russland wieder zu Sport-Supermacht werden."