Doping in Russland "Über mich wurde tonnenweise Scheiße ausgeschüttet"

  • Der Leichtathlet Andrej Dmitrijew hat als Kronzeuge gegen das Doping-System in Russland ausgesagt.
  • Er wurde medial und persönlich angefeindet. Er sagte der ARD, dass sogar seine Großeltern behelligt worden seien.
  • Das Klima wurde derart rau, dass er nun an einen unbekannten Ort geflogen ist. Was macht das IOC?
Von Thomas Kistner

Der nächste Kronzeuge, das gleiche Schicksal: Nach seinen Aussagen im Januar zum unveränderten Stand der Dopingproblematik in der russischen Leichtathletik ist Andrej Dmitrijew aus der Heimat geflohen. Der 1500-Meter-Läufer fürchtet um seine Sicherheit; zu viele Anfeindungen hat er in Russland erlebt, nachdem die Dopingredaktion der ARD mit seiner Hilfe eine kritische TV-Dokumentation erstellt hatte. In dieser war zum Beispiel der weltweit gesperrte Trainer Wladimir Kasarin bei der Arbeit mit einem Spitzenläufer zu besichtigen, in einer Sporthalle in Tscheljabinsk. Die ARD hat Dmitrijews Dilemma am Samstag publik gemacht.

Der Whistleblower hatte, wie vor ihm die in die USA geflohenen Julija und Witalij Stepanow, mit versteckter Kamera Beweise für eine offenkundig ungebrochene Betrugsmentalität in Russland gesammelt. Neben Kasarin, der einst auch Stepanowa mit Dopingmitteln versorgt und 800-Meter-Olympiasiegerin Maria Sawinowa betreut hatte, belastete er weitere Spitzentrainern der russischen Leichtathletik. Günter Younger, Chefermittler der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada), fand Dmitrijews Arbeit "unheimlich mutig". Sein Ermittlerstab hielt seitdem Kontakt zu dem Whistleblower, der 2009 in Russlands Juniorenkader gestanden und einige Jahre in den USA studiert hatte; auch der Leichtathletik-Weltverband IAAF unterstützte ihn. Trotzdem, so Dmitrijew in der ARD, sei die Luft für ihn in der Heimat zu dünn geworden.

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Erst war er, gleich nach der TV-Dokumentation Ende Januar, in zwei Trainingszentren in der Region Krasnodar gefeuert worden, für die er ein Athletenstipendium besaß. War damit noch zu rechnen, hätten ihn reale Ängste befallen, als er am 22. Februar von zwei Vertretern des Rekrutierungsbüros des russischen Militärs aufgestöbert wurde; an einer eigentlich unbekannten Adresse in einem Hostel in Anapa, am Schwarzen Meer. Es soll sogar zu Rangeleien gekommen sein, weil er den Pass nicht abgeben wollte, sagen Vertraute.

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Auch das öffentliche Klima wurde rau. Neben medialen und persönlichen Anfeindungen - "über mich wurden, ich muss es so drastisch sagen, tonnenweise Scheiße ausgeschüttet", sagte er der ARD - sollen sogar seine Großeltern behelligt worden sein. Dass er das Land verlassen müsse, habe er dann endgültig begriffen, nachdem ihn am 6. März ein staatliches Ermittlungskomitee unter Ludmilla Krasnowskaja als Zeuge geladen habe. Bei der Anhörung sei er "wie ein Verbrecher behandelt" worden.

Am vergangenen Montag unternahmen Wada und IAAF einen letzten Vorstoß für Dmitrijew. Am Rande eines Fachsymposiums in Lausanne soll der russische Sportminister Pawel Kolobkow gebeten worden sein, den Athleten besser zu schützen. Kolobkow hatte bei jenem Treffen vor 700 renommierten Anti-Doping-Experten selbst gegen Whistleblower und den McLaren-Report gewettert, der ein mit staatlicher Hilfe orchestriertes Doping in Russland aufzeigt. Auch dieser Auftritt Kolobkows nährte Zweifel, ob in der russischen Anti-Doping-Politik wirklich umgedacht wird.

Dmitrijew floh Mitte der Woche an einen unbekannten Ort, er fühlt sich vorläufig sicher. Doch wie den Stepanows, blüht wohl auch ihm eine internationale Odyssee auf der Suche nach einer neuen, festen Heimat. Während sich im Web erste Unterstützer formieren, blickt der Sport nun auf das Internationale Olympische Komitee (IOC). Wada und IAAF haben keine Zweifel an den Darlegungen des Whistleblowers, der seine Vorwürfe ja unter anderem mit Filmmaterial belegt. Die Hüter der globalen Sportmoral im IOC können sich also jederzeit selbst ein Bild machen. Etwa von der Sequenz, wie Mitte Januar ein weltweit gesperrter Coach einen russischen Sporthelden trainiert.

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