Doping in Russland Testosteron beim Chef

Schattenspiele: IAAF-Präsident Diack (re.) und Staatschef Putin bei der Eröffnung der Leichtathletik-WM 2013 in Moskau, wo offenbar diverse Athleten starteten, die sich von Dopingsperren freigekauft hatten.

(Foto: Sergei Ilnitsky/dpa)

Russlands Leichtathletik hat auf dem versprochenen Weg zur Besserung offenbar einen schweren Rückschlag erlitten - oder die Ermittler einfach nur getäuscht. An diesem Freitag will sich die IAAF einer der wichtigsten Fragen des Sportjahres annehmen.

Von Johannes Knuth

Ein Gespräch zwischen einem führenden russischen Trainer und Sergej, einem Informanten, der sich am Telefon als Athlet ausgibt.

Sergej: "Wir brauchen Oxandrolon und Primobolan."

Trainer: "Das geht schon. Ich rufe Sie zurück, brauche nur Ihre Nummer."

"Was kostet's denn ungefähr?" - "Hängt vom Dollar-Kurs ab, so um die 75." - "Haben Sie auch sauberes Testosteron?" - "Ja." - "Und was kostet das?" - "350." - "Und haben Sie alles auf Lager?" - "Ja, schon. Aber lassen Sie uns jetzt echt nicht am Telefon weiterreden."

Es sind wegweisende Tage für die angeschlagene Leichtathletik, insbesondere für die russische. Während vielerorts neuer Schmutz hochgespült wird - neue Dopingfälle in Äthiopien und Schweden -, hofft Russland, demnächst wieder in die Welt-Leichtathletikfamilie eingegliedert zu werden. Der Weltverband IAAF hatte den russischen Verband im vergangenen November aus dieser verstoßen, die Athleten von allen Wettbewerben verbannt, Olympia inklusive. Die ARD hatte zuvor in einer Dokumentation eine tief verwurzelte Dopingkultur freigelegt, eine Kommission der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) war daraufhin auf ein Netzwerk aus Manipulation und Vertuschung gestoßen, bis in die IAAF hinein. Russlands Leichtathletik, folgerte die Kommission, sei ein schwerkranker Patient, der langsam gesunden müsse.

An diesem Donnerstag will sich das Council der IAAF einer der wichtigsten Fragen des olympischen Jahres annehmen. Es wird erörtern, wie es um den Patienten steht, kurz vor den Sommerspielen im August in Rio. Eine Task Force der IAAF war zuletzt für eine Anamnese durch das Land gereist; von neuen Leuten sprachen die Russen, einer erneuerten Leichtathletik. Man habe darauf hingewiesen, "dass Russlands Leichtathletik echten und dauerhaften Wandel einleiten muss", sagte Rune Andersen, Chef der IAAF-Inspekteure. Russlands Funktionäre hätten dies anerkannt.

"Russlands Täuschungsmanöver", die neue Dokumentation des ARD-Journalisten Hajo Seppelt, malt nun ein völlig konträres Bild: Sie zeigt einen Patienten, der einen schweren Rückfall erlitten hat, wenn er überhaupt je auf dem Weg der Besserung war.

Russische Kronzeugen berichten in geheimen Video- und Tonaufnahmen, wie suspendierte Trainer in der Provinz weiterarbeiten. Wladimir Motschnew zum Beispiel, der von der IAAF wegen massiver Dopingvorwürfe suspendiert wurde und dem eine lebenslange Sperre droht. Bei den russischen Hallenmeisterschaften in Moskau vor einer Woche wurde er auf Ergebnislisten als Betreuer geführt. Da ist ein gewisser Juri Gordejew, ein Cheftrainer, der Talente in einem olympischen Leistungssportzentrum betreut, aus Pensa im Südwesten Russlands. Er ist jener Trainer, der breitwillig den Doping-Auftrag des Informanten entgegennimmt, in der Woche vor den Meisterschaften. Und da ist Anna Anzeliowitsch, einst Abteilungsleiterin und mittlerweile Chefin der noch suspendierten Anti-Doping-Agentur Russlands. Anzeliowitsch soll für eine neue Hauskultur stehen. In der Dokumentation taucht sie in einem Audiomitschnitt von 2014 auf, in dem sie mit einer Athletin einen Dopingtest verabredet: "Möchten Sie Ihre Dopingprobe nächste Woche abgeben? Wir haben ja genügend Zeit bis Herbst, kein Problem."

Die ARD-Dokumentation schreibt also prominente Mitglieder des neuen Führungszirkels der Betrugsseite zu. So, wie die erste Dokumentation im Dezember 2014 die alte Führungsmannschaft des Systembetrugs überführt hatte. Sergej Portugalow zum Beispiel, der, ähnlich wie jetzt Gordejew, Dopingmittel an die Athleten brachte. Oder Walentin Balachnitschew, einst Chef des russischen Verbandes und IAAF-Schatzmeister in Personalunion, der beide Ämter recht gewinnbringend zusammenführte. Er spannte mit Lamine Diack, bis vergangenen August Präsident der IAAF, ein Netzwerk, in dem Trainer, Wissenschaftler und Funktionäre systematisch Athleten dopten und erpressten.

Die neuen Befunde zeigen, dass wohl kaum der Wind des Wechsels durch Russlands Leichtathletik weht, eher der Geruch der Verwesung. Und er lenkt den Blick erneut auf die Dopingproblematik im Weltsport. Russische Athleten wie Stabhochsprung-Weltrekordhalterin Jelena Issinbajewa hatten zuletzt wiederholt darauf hingewiesen, dass der Sport Dopingtäter aussperren müsse, nicht aber einen Verband samt unschuldiger Athleten. Was freilich den Fakt ignoriert, welche Netzwerke aus Trainern und Funktionären oft hinter einem positiven Dopingtest stecken - nicht allein in Russland, einem der erfolgreichsten Medaillensammler der vergangenen Leistungsmessen. In Kenia, Branchenführer der WM 2015, wurden in den vergangenen Jahren trotz poröser Kontrollsysteme Dutzende Athleten des Dopings überführt. Aus der ähnlich erfolgreichen Laufnation Äthiopien rollt eine ähnliche Welle heran.

Es dürfte also interessant werden, wenn das IAAF-Council jetzt zusammentrifft. Andersen sagte, der neue Film "belege eine klare Verletzung der IAAF-Anti-Doping-Regeln", man werde das "ausführlich gegenüber Russland zur Sprache bringen". Manches Mitglied, das bald über Russlands Resozialisierung richten wird, hat sich offenbar selbst im Gestrüpp des Betrugs verheddert. Karim Ibrahim aus Malaysia zum Beispiel war laut der ARD einst in den Dopingfall eines Athleten bei den Südost-Asien-Spielen verwickelt (was Ibrahim vehement abstreitet). Und das Internationale Olympische Komitee? Jenes IOC, in das Russlands Staatschef Putin zahlreiche Vertraute eingeschleust hat, dessen Präsident Thomas Bach gute Beziehungen zum Kreml pflegt? Bach pries Russlands vermeintlichen Wandel zuletzt noch als "starkes Signal".