Doping in Deutschland Geschichten aus Monsterland

Nicht nur im Osten Deutschlands wurde jahrelang gedopt, auch der Westen hielt flächendeckend mit allen verbotenen Mitteln dagegen. Das zeigt eine Studie der Berliner Humboldt-Universität. Trotzdem lehnt der deutsche Sport harte Gesetze ab, die es anderswo gibt.

Ein Kommentar von Thomas Kistner

Auf 800 Seiten bemisst sich der Bericht einer Historiker- und Soziologengruppe zum Doping im deutschen Sport; die Kernerkenntnis lautet: Diese Geschichte muss umgeschrieben werden. Staatlich geförderte Leistungsmanipulation gab es nicht nur im Ostteil des Landes; dort ist flächendeckendes Doping seit Langem nachgewiesen und von Gerichten abgeurteilt. Auch der Westen hielt mit allen verbotenen Mitteln dagegen.

Sieht man den Aufwand an Steuermitteln, der in diese Art von Spitzensportförderung floss, begreift man, warum bei der Aufarbeitung des DDR-Dopings im vereinigten Land zwei Gruppen notorisch bremsten: die Funktionäre West, die ungern in einschlägige Stasi-Papiere schauten - und der für Medaillen zuständige Teil der Politik, der im Innenministerium siedelt, sich aber eher als eine Art patriotisches Energieministerium verstand.

Anabolika, Epo-Studien, Testosteron - für all diese Mittel gab es "Forschungsprojekte" mit der Begründung, angeblich die Wirkungslosigkeit allen Dopings beweisen zu wollen. Amphetamine waren sowieso jahrzehntelang in Gebrauch; man denke nur an die Helden von Bern, in deren Kabine nach dem WM-Sieg 1954 die Spritzkanülen herumlagen. Überhaupt, der Fußball: regelmäßig auffällig. In den Achtzigern packte der damalige Nationaltorwart Toni Schumacher in einem Buch aus. Er gestattete dem Publikum einen Blick in den Maschinenraum der Fußballzunft. Den Verrat musste er fortan fern der Heimat, bei Fenerbahce Istanbul, sühnen.

Rigoros ausgegrenzt wurde 20 Jahre später ein anderer Nestbeschmutzer, Jörg Jaksche. Nach Beichten sogar beim Bundeskriminalamt verstieß ihn 2007 nicht nur die Radprofiszene, sondern auch der deutsche Sport insgesamt. Lieber sonnten sich die Chefs des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) im Abglanz des Publikumslieblings Erik Zabel, der ihnen damals nur eine Mini-Beichte zumutete (bevor er vor wenigen Tagen wirklich auspackte). An Zabels Seite versprach der DOSB damals tolle Aufklärungsarbeit für die Jugend. Passiert ist nichts.

Da verwundert nicht, dass der Schlussbericht der Doping-Studie nun durchsickern musste, damit er bekannt wird; er ist bisher nicht offiziell präsentiert worden. Die Arbeit der Forscher verlief schwierig, wichtige Dokumente blieben verschollen. Und nun steht ein Streit um den Datenschutz im Weg; die Forscher und ihr Auftraggeber - der DOSB und das zum Innenministerium gehörende Bundesinstitut für Sportwissenschaft - streiten, an wem die Prozesskosten hängen blieben, sollten die Enttarnten sich wehren. Getrost unterstellt werden darf zudem, dass die Initiatoren der Studie nicht glücklich sind mit dem Bericht. Es wird daraus schließlich nicht erkennbar, wann und weshalb das systematische Doping abgestellt worden sein soll - und der deutsche Sport verfügt über eine nur sehr überschaubare Anzahl an Führungsfiguren aus Verbänden, Medizin und Politik.

Der Befund hat auch eine internationale Dimension. Vieles von dem, was den globalen Spitzensport in eine obskure Unterhaltungsindustrie verwandelt hat, wurzelt in Deutschland. Im Korruptionsbereich wirken noch immer die von Adidas-Gründer Horst Dassler kreierten Netzwerke (und der Mann starb 1987). Doping wurde zwar von niemandem perfekter betrieben als von der Monsterschmiede DDR. Jetzt weiß man, dass der Westen heimlich dieselben Monster wollte.

Der deutsche Sport lehnt harte Gesetze ab, die es anderswo gibt. So lässt sich weiterhin kein Spitzenbetrüger erwischen. Im Herbst will DOSB-Präsident Thomas Bach Chef des Internationalen Olympischen Komitees werden. Eine Empfehlung ist seine Anti-Doping-Politik nicht.