Doping in der Leichtathletik Jede dritte Medaille unter Verdacht

Die kenianische Läuferin Rita Jeptoo Sitienei wurde im September 2014 positiv auf Epo getestet.

(Foto: dpa)
  • Eine neue ARD-Dokumentation über Doping in der Leichtathletik weist auf systematische Manipulationen in Kenia hin.
  • In den Ausdauerdisziplinen steht womöglich jede dritte Medaille bei Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen zwischen 2001 und 2012 unter Dopingverdacht.
  • Der Weltverband IAAF tut dem Film zufolge bis heute viel zu wenig, um das Problem beheben.
Von Thomas Kistner und Johannes Knuth

Das Bild ist ein wenig unscharf. Eine Leichtathletin ist zu sehen, es ist eine heimliche Aufnahme, niemand soll hören, was hier gesprochen wird. Die Athletin dehnt sich, sie lächelt. Sie redet mit einer Beiläufigkeit, die fast von der mächtigen Wirkung ihrer Worte ablenkt. Die Athletin ist Anastasia Bazdirewa, eine russische 800-Meter-Läuferin, ein Talent. Sie erzählt von Parabolan, einer Anabolika-Substanz. "Von Anabolika kriege ich harte Muskeln", sagt Bazdirewa, "aber ich kann damit laufen. Das ist schwer, aber es geht."

Die Szene stammt aus einer neuen Dokumentation der ARD, "Geheimsache Doping, im Schattenreich der Leichtathletik". Sie schreibt quasi jene Geschichte fort, die der Sender im vergangenen Dezember vorgelegt hat, in einem Film über Dopingpraktiken in der russischen Leichtathletik.

Entlarvt im eigenen Sumpf

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Die mutmaßlichen Doper von einst laufen und manipulieren weiter

Die frühere Spitzenläuferin Julia Stepanowa und Ehmann Vitalij, ein ehemaliger Mitarbeiter der russischen Anti-Doping-Agentur Rusada, enttarnten damals ein System, in dem Ärzte, Betreuer und Sportler Dopingmissbrauch betrieben, staatlich abgeschirmt. Die neue Dokumentation zeigt, dass die mutmaßlichen Doper von einst weiter laufen und manipulieren, betreut von belasteten Trainern, protegiert von Kontrolleuren, die eigentlich ermitteln sollten.

Die Recherchen strahlen diesmal aber weit und kräftig über Russland hinaus. Sie weisen auf systematische Manipulationen in Kenia hin. Auf Ausdauerdisziplinen in der Leichtathletik, in denen womöglich jede dritte Medaille bei Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen zwischen 2001 und 2012 unter Dopingverdacht steht. Und sie zeigen einen Weltverband, der das Problem offenkundig kleinhält, bis heute.

Im April waren zuletzt bemerkenswerte Nachrichten aus der russischen Leichtathletik in die Nachrichtenspalten gedrungen. Juri Borsakowskij, den sie in Russland hastig als neuen Cheftrainer installiert hatten, verkündete: "Wir haben eine neue Mannschaft, in der sind alle sauber". Aufnahmen, die nun heimlich gefilmt wurden, zeigen, wie sehr der russische Reset gelungen ist. Tatjana Myazina erzählt dort über ihre Saisonvorbereitung ("Ich habe Epo genommen"), im Mai gewann sie Bronze bei der Staffel-WM. Maria Sawinowa, schwer belastet im ersten Film, berichtet, sie habe sich mit Wachstumshormon präpariert. Wladimir Kazarin, ihr nicht minder belasteter Trainer, ist ebenfalls zu hören, er ist weiter aktiv, nur eben im Hintergrund, zum Beispiel im Aufwärmbereich bei der Hallen-EM im vergangenen März, dort fingen ihn versteckte Kameras ein.

Dass Athletinnen wie Bazdirewa und Sawinowa nicht auffliegen, könnte auch daran liegen, dass Doping-Kontrolleure die Athleten in Russland vor den Tests anrufen, vorwarnen, das legt zumindest ein Telefonmitschnitt nahe. Swetlana Tschurowa, Aufsichtsratmitglied der Rusada, plauderte Anfang des Jahres zudem in einer russischen Zeitschrift offen darüber, wie Mitglieder des Nationalteams vorgewarnt würden. Wenn dann Doping nachgewiesen wird, können die Trainer die Athleten zu Hause behalten", sagte sie. Oder die Athleten werden behandelt, "bis die verbotenen Substanzen neutralisiert sind".

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Kenia: Hinweise auf Korruption an der Verbandsspitze

"Wenn sich herausstellt, dass das alles wahr ist, dann ist das Problem sicher größer, als man jemals zugegeben hat", sagt Richard Pound im Film; er sitzt einer Kommission der Welt-Anti-Doping-Agentur Wada vor, die das Material untersucht. Das Problem ist auch deshalb so groß, weil in den Recherchen diesmal Kenia ausgeleuchtet wird, wie Russland eine Laufmacht der vergangenen Jahrzehnte.

Es gibt unzählige Geschichten über die Läufer aus den Hochebenen Ostafrikas, denen die Natur leichte Körper und große Ausdauer schenkte. Diese Geschichten werden seit einer Weile allerdings abgelöst von diversen Dopingfällen und Gerüchten, und die ARD-Dokumentation malt dieses Bild nun weiter aus. Auch hier geht es um Athleten, die darüber reden, wie alltäglich manipuliert wird, wie der Sog des Betrugs alle mitzieht, arrivierte Athleten, Talente, während unzureichend kontrolliert wird.