Doping in der DDR "Eine reine Demagogen-Schrift"

Die Ausführungen des einstigen Spitzenfunktionärs Thomas Köhler zum DDR-Dopingsystem lösen heftige Reaktionen aus. Auch DOSB-Chef Bach gerät unter Druck.

Von Boris Herrmann

Das Buch "Zwei Seiten der Medaille" des ehemaligen DDR-Sportfunktionärs Thomas Köhler erscheint an diesem Donnerstag. Der Deutungs-Krieg ist bereits in vollem Gange. Und wenn es schon jetzt einen Kriegsgewinnler gibt, dann ist es der in Berlin ansässige und der Vergangenheit freundlich zugewandte Eulenspiegel-Verlag. "Wir freuen uns natürlich über die Aufregung. Thalia hat gerade 800 Exemplare bestellt", frohlockt eine Verlagssprecherin. Sie gibt zu: "Bislang hat sich, ehrlich gesagt, kaum einer für dieses Buch interessiert."

So schnell kann es gehen. Ein paar entschuldigende und geschichtsfälschende Thesen zum längst aktenkundigen DDR-Staatsdoping genügen auch heute noch, um aus einem angehenden Ladenhüter über Nacht einen Kassenschlager zu machen. Wer ein wenig durch die 240 Seiten der Autobiografie des Rodel-Olympiasiegers von 1964 und 1968 blättert, der erkennt tatsächlich schnell, weshalb dieses Werk im Grunde keinerlei literarische Relevanz hat.

Es ist in einer geradezu grotesken Plastiksprache geschrieben und langweilt über weite Strecken mit lustigen Schlittenfahrten, kalten Nasenspitzen sowie schmunzelnden Physiklehrern aus Köhlers Schulzeit im Erzgebirge. "Es ist herrlich, in einer solchen Republik zu leben! Es ist herrlich, in einer solchen Republik zu arbeiten! Und es ist noch viel herrlicher, für eine solche Republik zu siegen!", zitiert der Autor Köhler den Sportsmann Köhler aus seiner Rede auf dem VII. Parteitag der SED im Jahr 1967 - um nicht ohne Stolz anzumerken, dass sich Erich Honecker mit seinem treuen Medaillensoldaten "zwei volle Stunden lang ganz alleine" unterhalten habe.

Von Geständnis keine Spur

Der brisante, mithin verkaufsfördernde Teil des Buches beginnt dann auf Seite 187 mit der späten, aber deshalb nicht grundsätzlich falschen Einsicht: "Von einem, der für den Leistungssport in der DDR mitverantwortlich war, wird erwartet, dass er sich mit dem Thema Doping auseinandersetzt." Was dann folgt, hat mit einer ernsthaften Auseinandersetzung allerdings wenig zu tun.

Köhler, der frühere Vizepräsident des Deutschen Turn- und Sportbundes (DTSB) und Kronprinz des DDR-Sportchefs Manfred Ewald, erzählt vielmehr das Märchen vom "sachgerechten und medizinisch kontrollierten" Vorzeige-Doping, das selbstverständlich "im Einvernehmen mit den Sportlern" geschah - zur Wahrung der Chancengleichheit des DDR-Sports im internationalen Vergleich.

Entgegen einer am Dienstag "exklusiv" verbreiteten Agenturmeldung haben diese Passagen mit einem Geständnis nicht das Geringste zu tun. Sie sind vielmehr ein leicht zu durchschauender und geradezu zynischer Rechtfertigungsversuch eines 70 Jahre alten Pensionärs, der 1999 in seiner Abwesenheit wegen Beihilfe zur Körperverletzung zu einer Geldstrafe in Höhe von 26.400 Mark verurteilt worden war.

Die ehemalige DDR-Sprinterin Ines Geipel, ein anerkanntes Dopingopfer, geht sogar noch einen Schritt weiter: "Das ist doch gar kein Buch. Das hat keinerlei Neuigkeitswert. Das ist eine reine Demagogen-Schrift", sagte sie der SZ: "Hier versucht jemand eine Geschichte umzudrehen, die längst geklärt ist."