Doping im Tennis Der Fehler der Perfektionistin

Ausgerechnet Maria Scharapowa, die reichste Sportlerin der Welt, will nicht mitbekommen haben, dass ihr Herzmedikament jetzt verboten ist? Der Russin droht eine mehrjährige Sperre.

Von Jürgen Schmieder, Los Angeles

Direkt nach der Oscar-Verleihung veröffentlichte Maria Scharapowa jüngst ein paar Fotos auf Twitter. Sie trug das kleine Weiße mit passenden Stilettos, sie war perfekt gestylt, und sie verkündete, nun von ihrem Haus in der Strandstadt Manhattan Beach zur Party des Magazins Vanity Fair nach Beverly Hills fahren zu wollen. Solche Mitteilungen gab es von ihr öfter. Maria Scharapowa ist viel mehr als nur eine erfolgreiche Tennisspielerin, sie ist Unternehmerin, Model und Stil-Ikone, Vorbild in Selbstbeherrschung und Selbstvermarktung. Scharapowa, das ist weniger ein Nachname als eine Marke.

Das Geständnis vom Montagabend, bei den Australian Open 2016 in Melbourne mit dem verbotenen Mittel Meldonium erwischt worden zu sein, beschädigt diese bislang so glänzende Marke, von ein paar Kratzern bis zum Totalschaden ist vieles denkbar. Denn so perfekt das Geständnis auch inszeniert war - es hinterließ doch zahlreiche unbeantwortete Fragen.

Scharapowa erschien in dem gar nicht glamourösen, mit einem erstaunlich hässlichen Teppich ausgelegten Hotel in Downtown Los Angeles im Büßerlook: schwarze Bluse, zerzauste Haare, kaum geschminkt. Sie gab die reuige Sünderin - wackeliger Gang, feuchte Augen, zittrige Stimme. Sie sagte Dinge wie: "Ich übernehme die volle Verantwortung, weil es mein Körper ist." Oder: "Ich habe meine Fans und meinen Sport im Stich gelassen." Oder: "Ich werde die Konsequenzen tragen."

Lady in Schwarz und in Büßerpose: Maria Scharapowa versucht, ihren Dopingfall zu erklären.

(Foto: Robyn Beck/AFP)

Maria Scharapowa war in Australien am Tag ihrer Niederlage gegen die US-Amerikanerin Serena Williams positiv auf Meldonium getestet worden. Das in Lettland hergestellte Herzmedikament ist in Deutschland und den USA als Arzneimittel nicht zugelassen, seit dem 1. Januar 2016 steht es auf der Verbotsliste der Welt-Anti-Doping-Agentur (mehr dazu hier).

Die russische Anti-Doping-Agentur hatte bereits im September eine entsprechende Ankündigung an die Sportler und deren medizinische Teams verschickt, am 22. Dezember folgte eine E-Mail der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) an die Sportorganisationen mit einem Link zu den verbotenen Substanzen für das Jahr 2016. Die Verbände wiederum informierten ihre Athleten. "Ich habe diese Liste nicht gelesen", sagt Scharapowa.

Sie nimmt Meldonium offenbar schon ewig: "Ich hatte im Jahr 2006 gesundheitliche Probleme: Ich hatte Magnesium- Mangel, es gab Auffälligkeiten beim EKG, in meiner Familie gibt es eine Historie von Diabetes. Ich habe das Mittel fast zehn Jahre lang eingenommen und nicht gewusst, dass es nun verboten ist."

Also ein Versehen? Eine Schusseligkeit? Zu Maria Scharapowa passen würde das eigentlich nicht. Sie hat im Laufe ihrer Karriere 36,5 Millionen Dollar an Preisgeldern gewonnen, zugleich aber ein Vermögen von 195 Millionen Dollar angehäuft, vor allem mit Werbeverträgen. Noch im Dezember sagte ihr Manager Max Eisenbud im Gespräch mit der SZ, dass Scharapowa eine Perfektionistin sei, die sich keine Fehler leiste und sowohl Karriere als auch Privatleben bis ins letzte Detail plane. Werbepartner und Fotografen schwärmten stets, wie überpünktlich und perfekt vorbereitet sie zu jedem Termin erscheine. Sie selbst nennt sich: eine "Pedantin".

"Maria hat heute sehr viel Anmut bewiesen, indem sie ihren Fehler zugegeben hat."

Steve Simon, Chef der Frauen-Profitour WTA, über den Auftritt von Maria Scharapowa in Los Angeles

Und genau an diesem Punkt beginnen nun die Fragen zu diesem Auftritt in Los Angeles: Wie kann es einer Perfektionistin passieren, eine Liste mit verbotenen Substanzen nicht zu lesen? Wie können ihre Ärzte diese Liste übersehen? Und wusste wirklich niemand in Scharapowas Team, dass durch Meldonium auch Ausdauer und Regeneration gefördert werden?

Diese Fragen werden gestellt, doch Scharapowa beherrscht auch verbale Ausweichmanöver: "Ich habe ein großartiges Team aus Trainern und Ärzten, doch am Ende bin ich dafür verantwortlich." Eine Antwort auf die Frage ist das ebenso wenig wie auf jene, ob sie gewusst hat, dass mit Meldonium auch die Leistung gesteigert werden kann: "Es hat mich gesund gemacht, also habe ich es weiterhin genommen."

Zu Scharapowas Team gehört der Anwalt John Haggerty, er sagt, was er wohl sagen muss: "Maria hatte keine Ahnung, dass dieses Mittel auch das Potenzial zur Leistungssteigerung hat." Haggerty hofft auf Milde: "Wir werden nun dem Tennisverband erklären, warum entweder eine kleine Strafe oder überhaupt keine Sanktionen nötig sind." Gewöhnlich werden Sportler, die zum ersten Mal erwischt werden, mit einer Sperre von zwei Jahren belegt - möglich sind auch vier Jahre. Haggerty spricht dennoch von einem möglichen Freispruch: "Angesichts der Tatsache, dass sie das Mittel schon so lange genommen hat." Freispruch, weil jemand ein Mittel besonders lange eingenommen hat? Das wäre zumindest eine neue Logik beim Sanktionieren von Dopingsündern.

Hingis und Co.

Die prominentesten Doping-Fälle im Tennis und die Sanktionen:

1995: Mats Wilander/Schweden

Kokain (drei Monate Sperre)

1998: Petr Korda/Tschechien

Nandrolon (ein Jahr)

2000: Juan Ignacio Chela/Argentinien

Methyltestosteron (drei Monate)

2001: Guillermo Coria/Argentinien

Nandrolon (sieben Monate)

2003: Mariano Puerta/Argentinien

Clenbuterol (neun Monate)

2007: Martina Hingis/Schweiz

Kokain (zwei Jahre)

2009: Richard Gasquet/Frankreich

Kokain (zweieinhalb Monate)

2012: Barbora Strycova/Tschechien

Sibutramin (sechs Monate)

2013: Marin Cilic/Kroatien

Nikethamid (neun Monate)

2013: Viktor Troicki/Serbien

verweigerte Blutprobe (ein Jahr)

2016: Maria Scharapowa/Russland

Meldonium (Länge der Sperre noch offen)

So oder so, der Schaden ist jetzt schon gewaltig. Nicht nur für Scharapowa selbst, auch für den Tennis-Zirkus, dessen am besten vermarktbares Gesicht sie ist. Als sie sieben Jahre alt war, zog ihr Vater mit ihr von Russland in die USA um, in Florida trainierte sie im Camp der Vermarktungsagentur IMG beim prominenten Trainer Nick Bollettieri. Im Alter von 17 Jahren hat sie Wimbledon gewonnen und seitdem auch alle anderen Grand-Slam-Turniere. Und auch wenn sie in den vergangenen acht Monaten aufgrund von Verletzungen gerade einmal drei Turniere gespielt hat: Die Sportart braucht sie, viele Sponsoren investieren nur wegen ihr.

Sollte sie nun tatsächlich zwei Jahre lang gesperrt werden, wäre sie bei ihrer Rückkehr fast 31 Jahre alt. Zu alt? "Ich will meine Karriere nicht so beenden. Ich hoffe, dass ich eine Chance bekomme, diesen Sport noch einmal zu betreiben, den ich so liebe und den ich seit meinem vierten Lebensjahr spiele", sagt Scharapowa. Die Aussage des Chef des Frauen-Tour WTA, Steve Simon, klingt wie eine Antwort darauf: Ihr Fall zeige, "dass dieser Sport rechtschaffen ist und dass kein Athlet über dem Gesetz steht", sagte er. Aber: "Maria hat heute sehr viel Anmut bewiesen, indem sie ihren Fehler zugegeben hat." Übersetzen darf man das wohl so: Wir zeigen jetzt mal, wie hart wir gegen Doping vorgehen, aber wir dürfen einen Star wie Maria auch nicht zu lange aus dem Verkehr ziehen.

Die ersten Sponsoren haben sich schon verabschiedet: Porsche und Nike lassen die Verträge mit ihr vorerst ruhen, der Uhrenhersteller TAG Heuer erklärte, der ohnehin ausgelaufene Vertrag werde nicht verlängert. Ein Millionenschaden, schon das. In Russland, wo sich Scharapowa de facto kaum aufhielt, hatte man sie eigentlich als Medaillenkandidatin für die Olympischen Sommerspiele im August in Rio de Janeiro eingeplant - und will diese Hoffnung auch noch nicht aufgeben. Ich denke, dass Scharapowa bei Olympia spielt", sagte der russische Verbandspräsident Schamil Tarpischtschew. Der Positiv-Befund? "Das ist alles Blödsinn", findet Tarpischtschew.

So einfach wird Maria Scharapowa wohl nicht davonkommen. Auch wenn sie nicht nur die Rolle der glamourösen Stilikone auf Oscar-Partys perfekt beherrscht, sondern auch jene der Sünderin.