Doping im Sport Offenbarungseid des Sports

Der Fall Armstrong hat mit allen großen Dopingaffären eines gemein: Sporthelden fliegen nur auf, wenn die Justiz eingreift. Der Sport ist der Betrugsbekämpfung nicht gewachsen, denn Doping ist ein Strukturproblem: Es muss ja überall immer schneller, höher, weiter gehen.

Von Thomas Kistner

"Ich log, um zu schützen, wofür ich so hart gearbeitet habe. Und ich log, um mich selbst zu schützen. Es war eine unglaublich dumme Entscheidung!" Als Marion Jones zu dieser Einsicht kam, war es zu spät. Kenneth Karas, Richter am US-Distriktgericht in White Plains, schickte die Mutter eines Babys und eines Vierjährigen sechs Monate in Haft; im März 2008 fiel die Gefängnistür ins Schloss hinter der dreimaligen Sprint-Olympiasiegerin von Sydney 2000.

Justiz- und Dopingexperten sehen in Jones' Sündenfall wegweisende Bedeutung für den Fall Armstrong. Sie musste ja nicht ins Gefängnis, weil sie gedopt, sondern weil sie dies vor einer Grand Jury abgestritten hatte. Die US-Justiz bestraft Falschaussagen viel härter als deutsche Gerichte.

Wie der Fall Jones, so war auch die Causa Armstrong vor einer Grand Jury gelandet. Der kalifornische Bundesanwalt stellte die Ermittlung im Februar ein, ohne Begründung; die Verwunderung darüber ist nun allerdings groß in den USA. Armstrongs frühere Helfer hatten ja bereits ausgepackt - unter Eid, vor einer Grand Jury.

Armstrong gibt sich öffentlich cool. Zugleich geht er jeder Gefahr aus dem Weg, vor einem Richter oder einer Jury zu landen. Dorthin will ihn die Anti-Doping-Agentur Usada auf Umwegen zwingen: Er soll in einem Schiedsverfahren gegen drei langjährige Mitstreiter als Zeuge aussagen. "Unter Eid", erklärt Usada-Chef Travis Tygart, "wenn er lügt, wird es ernst."

Der Fall Armstrong hat mit allen großen Dopingaffären eines gemein: Sporthelden fliegen nur auf, wenn die Justiz eingreift. Der Sport ist der Betrugsbekämpfung nicht gewachsen, denn Doping ist ein Strukturproblem: Es muss ja überall immer schneller, höher, weiter gehen. Außerdem sind Spitzenfunktionäre in attraktiven Sportarten nur offiziell Ehrenamtliche, tatsächlich pflegen sie einen Jet-Set-Lebensstil. Große Affären stören ihre Geschäfte rund um den Sport.

Ben Johnson verkörperte bei den Spielen 1988 in Seoul den großen Sündenfall des Sports, das Publikum reagierte entsetzt. Im Sport löste er eine Initialzündung aus: Wir müssen so tun, als kontrollierten wir - sonst werden wir irgendwann kontrolliert.

Den früheren IOC-Präsidenten Juan Antonio Samaranch schockte die Empörung des Publikums und mancher Geldgeber so sehr, dass er am liebsten die Dopingverbotsliste bereinigt hätte. Zu dieser Haltung gesellte sich bald die Angst von Funktionären und Teams, nach einer Dopingaffäre lange Zeit den Anschluss zu verlieren. Das widerfährt den meisten Sündern, denn sie stehen besonders im Fokus.

In den Neunzigerjahren dominierte Juventus Turin die heimische Liga und die Champions League. Dann flog auf, dass der Fußballklub ein Dopingprogramm betrieb, das laut Justiz den Klinikbedarf einer mittleren Kreisstadt gedeckt hätte. Von Juve war danach viele Jahre so wenig zu sehen wie von Frankreichs Radprofis, die bis 1998 bei der Tour an der Spitze fuhren.

Dann gab es Razzien, Festnahmen, 60 Verurteilungen - und ein hartes Anti-Doping-Gesetz. Seither fahren die Gastgeber hinterher. Auch große deutsche Rennställe gibt es nach den Affären um die Teams Telekom und Gerolsteiner nicht mehr.

In Spanien schloss die Justiz die Dopingakte des berüchtigten Sportarztes Eufemiano Fuentes. Doch prompt lauerten französische Dopingfahnder, bis Alberto Contador den nächsten Fehler beging: Spaniens Radheld wurde zwei Jahre gesperrt. Jetzt hat er nur noch zwei Tour-Titel. Wert sind sie so viel wie die sieben, die Armstrong nun verlieren soll.

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