Doping im Sport Glaube nicht, was Du siehst

Die Liste der leistungssteigernden Substanzen ist um ein neues Mittel reicher: Das Präparat S107 verhindert die Ermüdung der Muskulatur. Der Umgang mit dieser Substanz wird zeigen, wie stark der politische Wille zur Sauberkeit im Sport ist.

Ein Kommentar von Thomas Kistner

Dem Kölner Dopingfahnder Mario Thevis ist ein bemerkenswerter Fund geglückt: Wirkstoff S107 verhindert hocheffektiv die Ermüdung der Muskulatur. Bemerkenswert ist der Coup in zweierlei Hinsicht. Einmal, weil hier staatliche Verfolgungsorgane den Anstoß zur Betrugsermittlung gaben. Es war das BKA, das über sein ständiges Internet-Alarmsystem die neue Substanz in populärwissenschaftlichen Publikationen lokalisiert und den Fund nach Köln weitergeleitet hatte.

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Was einmal mehr belegt, wie hilfreich die umfassende Einbindung staatlicher Organe in die Betrugsbekämpfung wäre. Aber diese wollen maßgebliche Funktionäre des Weltsports ja um keinen Preis aus der Hand geben - sie müssten damit zwangsläufig die Kontrolle einbüßen über ihren Spitzensport, in dessen Kraft- und Ausdauersparten der Zwang zum Dopen längst strukturell verankert ist.

Zum anderen öffnet S107 den Blick auf eine neue Substanzklasse. Der Wirkstoff, der den Kalzium-Austritt in den Muskel verhindert, bereitet dem Listen-Komitee der Weltantidoping-Agentur Wada bereits heftiges Kopfzerbrechen; er fällt weder unter Stimulantien noch unter Steroide, Blutdoping oder Maskierungsmittel. Er ist eben: etwas Neues.

Das dürfte erfahrungsgemäß die Kräfte innerhalb des organisierten Sports auf den Plan rufen, die sich mehr um die Absicherung des Pharma-Tunings sorgen als um effektive Bekämpfung des ohne Zweifel spektakelfördernden Übels: Wenn S107 nirgendwo fest einzuordnen ist, ließe sich daraus nicht folgern, dass es gar nicht unter verbotene Mittel fällt?

Die Gefahr ist groß, dass es bei der Bewertung der hochwirksamen Substanz, für die der Kölner Experte auch gleich ein praktikables Nachweisverfahren anbietet, zu einem branchentypischen Kompromiss kommen wird: Okay,wir setzen S107 auf die Verbotsliste - doch weil es dort bisher ja nicht stand, dürfen gespeicherte Proben nicht rückwirkend darauf untersucht werden. Also auch nicht die Proben von Olympia in Peking, wo allerlei menschliche Überflieger zu bestaunen waren: Superathleten, deren Muskeln niemals zu ermüden schienen.

Wie stark der politische Wille zur Sauberkeit im Sport ist, wird der Umgang mit S107 zeigen. Dem Publikum aber belegt der neue Fund, garniert mit der Tatsache, dass seit einem Jahr Gendopingmittel auf der Verbotsliste stehen, die bisher auch noch nicht nachweisbar sind, Grundregel eins des modernen Spitzensports: Glaube nicht, was Du siehst.

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