Doping im Spitzensport Nüchterner Blick auf eine mafiöse Parallelwelt

Fassungslos betrachtet die Sportwelt den Betrug von Lance Armstrong - dabei hätte man es eigentlich besser wissen müssen. Der Amerikaner hat keineswegs das Copyright auf das vermeintlich perfekte Doping-Verbrechen. Er ist nur der Prominenteste von vielen.

Ein Kommentar von Claudio Catuogno

Die Geschichte des Spitzensports ist eine Geschichte des Betrugs. Allzu oft werden Olympiasieger, Weltmeister, Tour-de-France-Sieger in Wahrheit nicht in den großen Arenen oder in den Pyrenäen auf Kopfsteinpflaster erschaffen. Sondern in Arztpraxen, hinter verschlossenen Hoteltüren, auf Autobahntoiletten, wo sie mit Spritzen, Blutbeuteln oder Urin hantieren. Weiß man das nicht eigentlich längst?

Aber die Geschichte des Spitzensports ist eben auch eine Geschichte der Bilder. Die Eruption der Supersprinter in einem 100-Meter-Finale. Die verzerrten Gesichtszüge der Radhelden, wenn sie hinaufklettern nach Alpe d'huez. Ein Athlet geht an seine Grenzen - und das Publikum ist live dabei. Dann alles noch mal in Superzeitlupe. Dann die Tränen bei der Siegerehrung. Die Macht der Bilder ist manchmal stärker als der Verstand.

Die Fassungslosigkeit, mit der die Welt gerade zur Kenntnis nimmt, dass sie sich sieben Radsportsommer lang von einem Betrüger hat narren lassen - natürlich erzählt diese Fassungslosigkeit zunächst einmal etwas über die Dimension des Dopingfalls Lance Armstrong. Ein Netz aus zwielichtigen Blutzapfern und Drogenkurieren, eine mafiöse Parallelwelt, deren Boss Armstrong war, dazu offenbar Protegés an höchster Stelle. Der Fall Armstrong, das ist einerseits: das (fast) perfekte Verbrechen. Andererseits sagt die Fassungslosigkeit auch etwas über die ewige Verführbarkeit eines Sportpublikums, das seine Helden erst jubeln, dann taumeln, dann fallen sieht - aber doch immer wieder bereit ist, neuen Helden einen Vertrauensvorschuss zu geben.

Dabei weiß man inzwischen zu viel, um noch an Helden zu glauben. Als 1988 der kanadische Sprinter Ben Johnson erwischt wurde, galt er vielen als schwarzes Schaf der olympischen Familie. Inzwischen weiß man: Er war nur ein schwarzes Schaf von vielen in einer ziemlich düsteren Ära des Sports. In der DDR wurde via Staatsplan gedopt, Minderjährige eingeschlossen, im Westen lief es diskreter, aber oft nicht weniger effektiv.

Zwanzig Jahre später: ein Madrider Blutpanscher, bei dem Athleten aus allen Herren Ländern ein- und ausgehen, ein Leipziger Leichtathletiktrainer, der sich dem Thema Gendoping annähert, eine diskrete Sportler-Blutbank in Wien, das Balco-Labor in Kalifornien, das Schnellmacher erschafft, die kein Test aufspürt. Und so weiter. Lance Armstrong hat keineswegs das Copyright auf das vermeintlich perfekte Doping-Verbrechen. Er ist nur der Prominenteste von vielen.

Aber mit jeder neuen Enttäuschung nähert sich der Blick auf den Spitzensport ein bisschen der Realität an. Das Sportpublikum hat die Sprinterin Marion Jones gehört, wie sie sich auf 160 negative Dopingtests berief - und dann doch in den Knast wanderte. Lance Armstrong führte Hunderte Dopingtests ins Feld. Nach Lesart des Sports: alle negativ. In Wahrheit: alle nichts wert. Das Kontrollsystem des Sports ist ein Feigenblatt. Wenn man das ab sofort mitdächte bei der nächsten Eruption, bei der nächsten Superzeitlupe - dann wäre schon viel gewonnen.

"Schändlicher Armstrong als Tyrann"

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