Doping im Schach Die gespritzte Figur

Erstmals gibt es in Deutschland bei einem nationalen Wettkampf Dopingkontrollen. Manche Spieler treten deshalb nicht an, und die Schach-Welt diskutiert: Bringt Doping im Schach eigentlich was?

Von Johannes Aumüller

Eigentlich geht es nur um zwölf Kontrollen. Um zwölf Sportler, die nach einer Veranstaltung Urin abgeben müssen. Um zwölf Labor-Untersuchungen dieses Urins auf verbotene Substanzen. Doch diese zwölf Kontrollen und Labor-Untersuchungen sorgen unter den zirka 100.000 organisierten deutschen Schachspielern für hitzige Diskussionen.

Seit dem 1. Januar 2009 hat sich der Deutsche Schachbund (DSB) dem Code der Nationalen Antidoping Agentur (Nada) unterworfen. Sportfachverbände, die das nicht tun, nehmen gegebenenfalls in Kauf, Sportfördermittel durch das Bundesinnenministerium zu verlieren. Deshalb hat sich der DSB zu folgender Vereinbarung mit der Nada entschieden: Bei vier Veranstaltungen (den deutschen Einzelmeisterschaften der Männer, der Frauen sowie der Junioren und Juniorinnen bis 18 Jahre) gibt es je drei Dopingkontrollen. Trainingskontrollen sind nach Aussage des DSB-Sportdirektors Horst Metzing nicht vorgesehen, und in der Schach-Bundesliga gibt es vorerst auch keine Kontrollen.

Diese Entscheidung sorgt dafür, dass mindestens zwei Schachspieler nicht an den am 5. Februar beginnenden deutschen Meisterschaften teilnehmen wollen. Einer von ihnen ist Großmeister Robert Hübner. Hübner hält Dopingkontrollen im Schach für eine "Entwürdigung, Entmündigung und Entrechtung des Individuums". Der 62-Jährige gilt unter den deutschen Schachspielern als eigenwilliger Kopf. Beispielsweise möchte er, dass von ihm gespielte Partien nach dem Urheberrecht als geistiges Eigentum behandelt werden sollen. Und er proklamiert schon seit vielen Jahren, dass Schach eigentlich kein Sport, sondern eher mit dem professoralen Wettstreit um wissenschaftliche Erkenntnis zu vergleichen sei. Insofern klingt Hübners Argumentation auch logisch, wenn er gegen Dopingkontrollen im Schach plädiert.

"Wir wollen sensibilisieren"

Die meisten Schachspieler schließen sich dieser Auffassung nicht an. Sowohl wegen der Tradition - der Schachverband gehört seit 1950 dem deutschen Sportbund an - als auch wegen des Wettkampfcharakters bei Turnierpartien verstehen sie Schach als Sport. Dazu kommt die finanzielle Unterstützung durch den Bund. Deshalb grenzen sich die Funktionäre bei den Dopingkontrollen nicht von den klassischen Sportarten ab. "Wir wollen rechtzeitig damit anfangen, um die Sportler für dieses Thema zu sensibilisieren, vor allem auch die jungen Sportler. Und wir wollen mit diesen Kontrollen jetzt anfangen, weil wir wissen wollen, wo wir stehen, ob es Doping gibt", sagt Metzing.

Die Begriffe Schach und Doping haben eine längere Beziehung, als man vielleicht annehmen könnte. Der deutsche Großmeister Helmut Pfleger testete Ende der Siebziger in einer Partie gegen den früheren Weltmeister Boris Spasski, wie sich nach der Einnahme von Betablockern Schach spielen lässt, und gestand danach: "Ich habe daraufhin in aller Seelenruhe den größten Käse gespielt." In den Achtzigern unterstellte ein spanischer Journalist den russischen Spitzenspielern Anatolij Karpow und Gary Kasparow, sie würden sich vor ihren Partien aufputschen.

Kein reduziertes Antidoping-Programm

Bis etwa 2000 versuchten die Schachfunktionäre, sich um die Dopingproblematik zu drücken. Ganz besonders augenscheinlich wurde dies in den Niederlanden, wo Disziplinen wie Schach oder Bridge in eine eigene Denksport-Gruppe gefasst wurden, für die ein reduziertes Antidoping-Programm galt. Doch mit diesen Extra-Touren war Schluss, als die Funktionäre des Schachweltverbandes (Fide) den Status als olympische Sportart anstrebten - und fortan den Antidoping-Code in vollem Umfang umsetzen mussten.

Als deswegen vor der Schach-Olympiade 2002 Kontrollen angekündigt wurden, traten Hübner und Artur Jussupow aus der deutschen Nationalmannschaft zurück - den leidenschaftlichen Kaffeetrinkern wurde klar, dass sie bereits nach der dritten Tasse den zulässigen Grenzwert des Coffeins überschreiten. Der niederländische Großmeister Jan Timmen weigert sich seitdem, bei Fide-Turnieren zu spielen. Schon verschiedentlich gab es Sperren und Strafen, weil Schachspieler die Tests verweigerten. Erst 2008 kam es bei der Schach-Olympiade zu einem Eklat, als der Ukrainer Wassilij Iwantschuk die Dopingkontrolle verweigerte, was aber aus formalen Gründen folgenlos blieb.

Nun diskutiert die Schach-Welt, ob die Doping-Diskussionen nur eine Formalie sind - oder ob es auch wirklich was bringt. Spieler wie Hübner erklären, es gebe niemanden, der wirksames Doping im Schach für möglich halte. Auf der anderen Seite nimmt das sogenannte "Hirndoping" immer mehr zu: vor Prüfungen, in den Universitäten, in den Firmen. Wann immer es zu Stresssituationen kommt, können Mittel wie Ritalin oder Modafinil helfen, je nach Wunsch die Konzentration zu steigern oder sich zu beruhigen, sich aufzuputschen oder einen Wachmacher-Effekt zu erzielen. Und warum sollen solche Stimulanzen beim Schach nicht helfen?

Der Norweger Magnus Carlsen indes muss sich keine Sorgen machen. Bereits im Alter von neun Jahren spielte er sein erstes Schachturnier, heute gehört der 18-Jährige zur Weltspitze und ist der jüngste Schachgroßmeister aller Zeiten. Bei seinen Spiel steht immer neben ihm: eine Flasche, gefüllt mit Orangenlimonade.