Das Team Telekom soll gedopt haben, ganz systematisch. Der deutsche Sport verweist auf die Unschuldsvermutung. Das ist armselig und irreführend.
Es ist haarsträubend, wie in Freiburg bisher verfahren wurde mit dem ungeheuerlichen Dopingvorwurf des ehemaligen Telekom-Pflegers Jef D'hont. Substantiell kam nichts von den Beschuldigten, und dass seit Wochen keine juristische Reaktion erfolgte, spricht schon für sich selbst. Immerhin sollen die Rad-Teamärzte Schmid und Heinrich Dopingmittel besorgt, verteilt und injiziert haben, und das mit einer Systematik, die man hierzulande nur aus dem DDR-Staatsdoping kannte.
Der ehemalige Telekom-Pfleger Jef D'hont erhebt schwere Doping-Vorwürfe. (© Foto: Reuters)
Anzeige
Mit der Kategorie Staatsdoping übrigens liegt man in der Affäre, sollten sich die Vorwürfe erhärten, nicht ganz falsch. Seit Jahrzehnten beruht die nationale Spitzenportmedizin neben der Kölner auf der so genannten Freiburger Schule, als deren Gründerväter die (hoppla: einschlägig auffälligen) Doktoren Keul und Klümper gelten. Schüler oder Jünger in der nun zweiten, dritten Generation tummeln sich überall in den relevanten Sportverbänden, ob Leichtathletik, Fußball, Wintersport. Und mit pikanten Fragen kam mancher in Berührung, etwa über dubiose Testbefunde bei ihren Athleten; vom HES-Fall des Hindernis-Europameisters Kallabis bis zu den Blutwerten der Langläuferin Sachenbacher. Auch findet sich mancher als Verfasser von Hormon-Studien wieder, die - indianisches Ehrenwort! - nur die Wirkungslosigkeit von Hormondoping entlarven sollten. Im Gegensatz zur geltenden Kenntnis. Und dann gibt es die Verharmloser, die gern wie der Olympiaarzt Huber 2003 im Welt-Interview, Nebenwirkungen des Dopens runterspielen: Unerforscht sei, befand er da, ,,ob Epo oder Anabolika Langzeitschäden hinterlassen'' - dies Jahre nach den DDR-Prozessen.
Die Mentalitätsgeschichte dieser Sportmedizin ist bekannt. Sie ist detailliert dargelegt in gewissenhaften Publikationen von Experten wie dem Heidelberger Pädagogen Treutlein. Dass sie vom organisierten Sport hartnäckig ignoriert wurden, ist alarmierend und gibt spätestens jetzt Anlass zu üblen Vermutungen: Von der Qualität, wie sie im Fall Freiburg konkret im Raum stehen. Wenn Ärzte über die Affäre stürzen, muss auch auf Funktionäre durchgegriffen werden. Auf den organisierten Sport, der alle Zeichen übersehen wollte, und der sich nie die einfache Frage stellte, wie blauäugig seine Fachärzte eigentlich sein dürfen.
Dies zu klären, ist schon jetzt Aufgabe der Politik, der ja als Hauptgeldgeber des Sports aus Freiburg eine besondere Verpflichtung erwächst. Zu eruieren wäre zudem, warum vom Dachverband DOSB noch nichts zu hören ist. Kein substantieller Beitrag, so wenig wie zur Fuentes-Affäre, die unseren Helden Jan U. verschluckte, und deren medizinische Ausläufer direkt nach Deutschland führen, ins stille Nordhessen. DOSB-Chef Thomas Bach aber profiliert sich lieber als Richter Gnadenlos über Österreichs Olympiasünder - auch das spricht für sich selbst.
Zu erwarten steht vom deutschen Sport vorerst nur das übliche Mantra: Verweise auf die Unschuldsvermutung. Das ist armselig und irreführend. Die Unschuldvermutung fordert ja nicht zu vorsätzlicher Dummheit auf, jemanden für unschuldig zu halten, der unter erdrückenden Indizien schier kollabiert. Vielmehr hat sie mit Eingriffen gegenüber der Verdachtsperson zu tun: Diese dürfen nur soweit gehen, dass sie, falls einer am Ende doch unschuldig ist, noch zu verantworten sind. Strafen also dürfen nicht vorweg genommen werden. Kausale Schlüsse sind davon unberührt. Aktueller Stand ist also: Eine liederliche Medizin kreiert einen liederlichen Sport. Und umgekehrt.
Torwartlegende Sepp Maier im Interview. SZ am Wochenende Jetzt lesen ...
(SZ vom 3.5.07)
Berliner Zeitung
Wie, wenn nicht gedopt, soll man diesen mörderischen Sport durchziehen?
Im Spitzensport werden mittlerweile solch irrsinnige Leistungen erbracht, wie es kein ungespritzter mehr schaffen kann. Egal in welcher Sportart. Zu groß ist der Druck der Verbände, Werbefirmen, Sponsoren und Fernsehanstalten. Es geht seit Jahren einzig und allein darum, das Präparat zu geben, dass noch nicht gescreent wird oder werden kann.
Hochleistungssport wird immer mehr zum Ersatz-Krieg, in dem sich die Stämme und Völker der Welt messen. Man mag das, wie ich, infantil finden, aber es ist immer noch besser als richtiger Krieg.
Wenn nur das gewinnen zählt, wie in Kriegen üblich, dann muss man wohl mit Doping in allen verfügbaren Formen rechnen. Eigentlich können nur die gröbsten Auswüchse bekämpft werden, aber Uniärzte als Handlanger gehören mit Sicherheit in diese Kategorie.
Ganz wild wird es in Peking und später London werden: Beide Nationen wollen sich beweisen und ganz oben im Medaillenspiegel landen. Da dürfte dann wirklich jedes Mittel recht sein.
Vielleicht sollte man ganz einfach Pharma-Sponsoring für Athleten zulassen. Dann erfährt man wenigstens etwas über tolle neue Produkte und ihre Wirkung.
Ich kann mich als Student sehr gut an die damaligen Aussagen von Gerhard Treutlein erinnern. Er hat Recht gehabt!
Und hier der Lesetipp zum Artikel:
Doping im Spitzensport
von Andreas Singler (Autor), Gerhard Treutlein (Autor)
Schöne Grüße vom Bodensee.
Wer da noch glaubt, dass es Sportarten gibt in der die Besten nicht massiv gedopt werden, sollte sich auf seinen Geisteszustand untersuchen lassen. Zu was diese Sportler ihre eigenen Sportärzte haben ist doch klar. Die stellen sicher dass das Dopen immer auf dem neuesten Stand ist. Sprich, nicht nachzuweisen ist. Die Schwimmer sind wohl die grössten Schummler. Man braucht sich nur die immer neuen Welrekorde anschauen seit das Dopen Allgemeingut wurde. Dann die Radler. Armstrong's Mantra: "Ich wurde nie des Dopings überführt", wird hier immer noch in den US als Beweis angesehen, dass der Mann unschuldig ist. Warum er aber einen certifizierten Doperarzt als persönlichen Sportarzt beschäftigte, hat er nie beantwortet. In den US wo er sowieso ein Heiligtum ist, wird er danach natürlich nie befragt. Die einzige Antwort auf diesen Sumpf ist Sport systematisch zu ignorieren, weil es Betrug am gesunden Menschenverstand ist.
Paging