Ein Kommentar von Thomas Kistner

Das Team Telekom soll gedopt haben, ganz systematisch. Der deutsche Sport verweist auf die Unschuldsvermutung. Das ist armselig und irreführend.

Es ist haarsträubend, wie in Freiburg bisher verfahren wurde mit dem ungeheuerlichen Dopingvorwurf des ehemaligen Telekom-Pflegers Jef D'hont. Substantiell kam nichts von den Beschuldigten, und dass seit Wochen keine juristische Reaktion erfolgte, spricht schon für sich selbst. Immerhin sollen die Rad-Teamärzte Schmid und Heinrich Dopingmittel besorgt, verteilt und injiziert haben, und das mit einer Systematik, die man hierzulande nur aus dem DDR-Staatsdoping kannte.

Doping Jef D'hont

Der ehemalige Telekom-Pfleger Jef D'hont erhebt schwere Doping-Vorwürfe. (© Foto: Reuters)

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Mit der Kategorie Staatsdoping übrigens liegt man in der Affäre, sollten sich die Vorwürfe erhärten, nicht ganz falsch. Seit Jahrzehnten beruht die nationale Spitzenportmedizin neben der Kölner auf der so genannten Freiburger Schule, als deren Gründerväter die (hoppla: einschlägig auffälligen) Doktoren Keul und Klümper gelten. Schüler oder Jünger in der nun zweiten, dritten Generation tummeln sich überall in den relevanten Sportverbänden, ob Leichtathletik, Fußball, Wintersport. Und mit pikanten Fragen kam mancher in Berührung, etwa über dubiose Testbefunde bei ihren Athleten; vom HES-Fall des Hindernis-Europameisters Kallabis bis zu den Blutwerten der Langläuferin Sachenbacher. Auch findet sich mancher als Verfasser von Hormon-Studien wieder, die - indianisches Ehrenwort! - nur die Wirkungslosigkeit von Hormondoping entlarven sollten. Im Gegensatz zur geltenden Kenntnis. Und dann gibt es die Verharmloser, die gern wie der Olympiaarzt Huber 2003 im Welt-Interview, Nebenwirkungen des Dopens runterspielen: Unerforscht sei, befand er da, ,,ob Epo oder Anabolika Langzeitschäden hinterlassen'' - dies Jahre nach den DDR-Prozessen.

Die Mentalitätsgeschichte dieser Sportmedizin ist bekannt. Sie ist detailliert dargelegt in gewissenhaften Publikationen von Experten wie dem Heidelberger Pädagogen Treutlein. Dass sie vom organisierten Sport hartnäckig ignoriert wurden, ist alarmierend und gibt spätestens jetzt Anlass zu üblen Vermutungen: Von der Qualität, wie sie im Fall Freiburg konkret im Raum stehen. Wenn Ärzte über die Affäre stürzen, muss auch auf Funktionäre durchgegriffen werden. Auf den organisierten Sport, der alle Zeichen übersehen wollte, und der sich nie die einfache Frage stellte, wie blauäugig seine Fachärzte eigentlich sein dürfen.

Dies zu klären, ist schon jetzt Aufgabe der Politik, der ja als Hauptgeldgeber des Sports aus Freiburg eine besondere Verpflichtung erwächst. Zu eruieren wäre zudem, warum vom Dachverband DOSB noch nichts zu hören ist. Kein substantieller Beitrag, so wenig wie zur Fuentes-Affäre, die unseren Helden Jan U. verschluckte, und deren medizinische Ausläufer direkt nach Deutschland führen, ins stille Nordhessen. DOSB-Chef Thomas Bach aber profiliert sich lieber als Richter Gnadenlos über Österreichs Olympiasünder - auch das spricht für sich selbst.

Zu erwarten steht vom deutschen Sport vorerst nur das übliche Mantra: Verweise auf die Unschuldsvermutung. Das ist armselig und irreführend. Die Unschuldvermutung fordert ja nicht zu vorsätzlicher Dummheit auf, jemanden für unschuldig zu halten, der unter erdrückenden Indizien schier kollabiert. Vielmehr hat sie mit Eingriffen gegenüber der Verdachtsperson zu tun: Diese dürfen nur soweit gehen, dass sie, falls einer am Ende doch unschuldig ist, noch zu verantworten sind. Strafen also dürfen nicht vorweg genommen werden. Kausale Schlüsse sind davon unberührt. Aktueller Stand ist also: Eine liederliche Medizin kreiert einen liederlichen Sport. Und umgekehrt.

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(SZ vom 3.5.07)