Kommentar: Thomas Kistner

Kurz vor Beginn der Olympischen Spiele in Peking drohen die Funktionäre mit Kontrollen wie noch nie. Gefühlt vierhundertfünfzigtausend Dopingtests sind zu erwarten, zumindest aber die offiziell 4500 Proben.

Kürzlich hat der deutsche Sport wieder brutalstmögliche Betrugsbekämpfung für Peking avisiert, das IOC stößt ständig ins selbe Horn. Die Funktionäre drohen, in amüsantem Kontrast zu dem Umstand, dass vor den Festspielen in Sparten wie Leichtathletik oder Schwimmen munter die Rekorde purzeln, mit Kontrolle wie noch nie. Oha! Gefühlt vierhundertfünfzigtausend Dopingtests sind zu erwarten, zumindest aber die offiziell 4500 Proben: Diese Zahl tragen sie stolz vor sich her wie Kruzifixe gegen die Macht des Bösen.

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Für die Sommerspiele in Peking sollen die Dopingkontrollen verschärft werden. (© Foto: dpa)

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Leider ist es so, dass dieser rituelle vorolympische Mummenschanz hauptsächlich dem Zwecke dient, das über Gebühren und Steuern ja immer stärker am Antidopingaufwand beteiligte Publikum zu besänftigen und zu täuschen. Dies belegt der spektakuläre Vorstoß von Rasmus Damsgaard. Dem dänischen Blutdopingspezialisten liegen fünf Positivfälle von Spitzenathleten vor, an der Korrektheit zweifeln begutachtende Kollegen nicht - trotzdem sind die Betrüger nicht zu fassen. Weil es nicht geht? Nein, vermutet Damsgaard, weil es nicht gewünscht ist.

Erlaubt ist, was nicht verboten ist

Die Darlegung des Experten ist unerschütterlich. Weist eine Epo-Probe keine natürlichen Banden auf, ist dies ein kaum anders zu erklärender Beleg für das Vorhandensein von künstlichem Epo. Gleiches gilt für die Absenz von Reticulozyten, Vorstufe der roten Blutzellen, deren natürliche Produktion durch künstliches Epo unterdrückt wird. Ob bei solchen Befunden Krankheit oder genetische Disposition vorliegen (rätselhafterweise ist der Spitzensport ja voller chronisch Kranker und genetisch Besonderer), ließe sich dann im Einzelfall ohne Mühe eruieren.

Damsgaard, dem das Blutkontrollprogramm der Skiverbände und eines Radstalls obliegt, ist bei der Weltantidopingagentur Wada gegen Wände gelaufen. Nun macht er das Problem publik und klagt an: Wada und ihre Labore bummeln den Betrügern hinterher, die gefahrlos abkassieren, während die Experten ihr Wissen nicht voll preisgeben dürfen aus Angst, von Forschungstöpfen abgeschnitten zu werden.

Alles Unfug? Aber nein. In Peking greift endlich ein Test auf Wachstumshormone, der Mitte der Neunzigerjahre entwickelt wurde. Auch der mäßig effektive Epo-Test hätte Jahre früher installiert werden können. Doch der Sport operiert lieber mit Grenzwerten, die aus juristischen Gründen die Extremwerte des menschlichen Organismus umfassen müssen - und deshalb eine aparte Verführung zum beliebten An-die-Grenze-Randopen darstellen: Erlaubt ist, was nicht verboten ist. Jedes Vertrauen ist ungerechtfertigt in die Selbstkontrolle dieses Sports, der bizarrer Weise auch die Wada mitregieren darf. Oder, wie Damsgaard meint: Solange der Sport nicht alles Machbare gegen Doping tut, sind nicht die Athleten, sondern die politisch und wissenschaftlich Verantwortlichen die Täter.

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(SZ vom 04.07.2008/mb)