Doping im Radsport Der mutige Herr Schulz

Ein Radsport-Amateur erweckt den Eindruck, der Bund Deutscher Radfahrer sei unter der Führung von Rudolf Scharping Dopingsündern bei der Vertuschung behilflich. Der Verband weist die Vorwürfe zurück.

Von Andreas Burkert

Die Stellungnahme des Bundes Deutscher Radfahrer ist verbindlich und am Ende fast versöhnlich, man werde "versuchen, die polizeilichen und staatsanwaltschaftlichen Informationen zu erhalten und Philip Schulz zu einer Anhörung einladen", schreibt Generalsekretär Martin Wolf. Philip Schulz wird also demnächst Post vom BDR im Briefkasten finden, sofern dieses Gespräch wirklich zustande kommt. Es wäre ein interessantes Gespräch zu einer Causa, die offenbar nicht nur den Amateurradsport und den Fahrer Schulz aus Krickenbach betrifft. Sondern auch den BDR.

Doch mit dem Aufklärungseifer in eigener Sache ist es ja so eine Sache beim BDR, seitdem ihn eine Dopingaffäre nach der anderen erschüttert und Rudolf Scharping den Verband führt. Jörg Müller etwa, jener frühere Kaderfahrer, der den damaligen Bundestrainer Peter Weibel sowie den langjährigen Freiburger Olympiaarzt Georg Huber mit Aussagen zu deren offenkundiger Dopingtolerierung zu Fall brachte, wurde ehedem ebenfalls vom BDR eingeladen. Im Juni 2007 ist das gewesen, berichtet Müller am Montag, "aber nach Scharpings Anruf ist da nie mehr etwas von ihm gekommen".

Der mutige pfälzische Amateur Philip Schulz, 29, ist nun offenbar der nächste, der womöglich Erhellendes zu einer speziellen Handhabung des BDR beim Thema Doping liefern kann. Denn er erweckt den Eindruck, als würden positiv getestete Sportler vom BDR-Personal ermutigt, bei der Vertuschung behilflich zu sein.

Zwei Ebenen im Fall Schulz

Konkret berichtete Schulz im WDR-Fernsehen von einem ihm bekannten Fahrer, der 2007 positiv auf das Hormon hCG getestet worden sei. Am Telefon habe dann jemand von der BDR-Geschäftsstelle gesagt, er solle "einen Befund von einem Doktor" besorgen, der belege, "dass dieser erhöhte Testosteronwert aus Hodenkrebs (...) resultiert". Während Schulz offenbar einen weiteren Zeugen des Vorgangs benennen kann, wies der BDR seine Darstellung zurück und prüft angeblich rechtliche Schritte gegen ihn.

Es gibt demnach zwei Ebenen im Fall Schulz. Die eine sind jene Anschuldigungen, die sich nach SZ-Informationen gegen eine Person aus dem BDR-Referat Sportlerbetreuung richten sollen. Die zweite Ebene ist der im Jahr 2008 vom grassierenden Doping-Missbrauch selbst im Amateurlager verführte Fahrer Schulz.

Er wurde im November nach einem Positivtest bei den Landesmeisterschaften in Rheinland-Pfalz für zwei Jahre gesperrt. Nachdem ihm zudem der dortige Titelgewinn aberkannt wurde, entschloss sich Schulz, in Revision zu gehen - inklusive einer umfassenden Aussage zu den Hintergründen des florierenden Dopinggeschäfts im Amateurbereich. "Wir gehen in die zweite Instanz", sagt sein Anwalt Marius Breucker, "und wir denken, dass seine Aussagen - sofern sie zutreffen - geeignet sind, um die Kronzeugenregelung zur Anwendung kommen zu lassen." Breucker schiebt umgehend hinterher: "Wenn wir Zweifel hätten an den Aussagen, hätten wir den Fall nicht angenommen."

"Probleme, solche Infos zu verarbeiten"

Der Stuttgarter Sportrechtler Breucker kennt allerdings "auch die Probleme von Sportverbänden, solche Infos richtig zu verarbeiten". Deshalb habe sich sein Mandant entschlossen, Strafanzeige beim Bundeskriminalamt zu stellen - "um seinen Aussagen Nachdruck zu verleihen". Hintergrund seien Verstöße gegen das Arzneimittelgesetz, die Aussagen bezögen sich unter anderem "auf weitere Athleten".

Ein BKA-Sprecher bestätigte den Eingang, Schulz sei " angehört worden" und habe "glaubhafte Anhaltspunkte für Ermittlungen geliefert"; mit möglichen Hintermännern, die im Amateurbereich Dopingmittel vertreiben (Schulz: "Da gibt es quasi schon die komplette Palette"), beschäftigt sich nun die Staatsanwaltschaft Kaiserslautern.

Den BDR wiederum sollte weit mehr interessieren, ob interner Handlungsbedarf besteht. Doch zum Kartell des Schweigens im Radsport zählten in der Vergangenheit auch Teile des BDR. So soll Sportdirektor Burckhard Bremer bei der WM 2000 laut des Trainers Weibel unzulässige Blutwerte des späteren Kronzeugen Patrik Sinkewitz mit vertuscht und zudem 2004 der damaligen BDR-Präsidentin Sylvia Schenk auffällige Werte eines Olympiafahrers verschwiegen haben; er bestritt das.

"Lediglich eine Empfehlung"

Zur Sache Schulz erklärt nun der BDR, man habe einem Fahrer "lediglich die Empfehlung ausgesprochen, weitere Untersuchungen zu veranlassen, um eine Tumorerkrankung auszuschließen"; das Hormon hCG kann auch bei Hodenkrebserkrankungen gebildet werden, weshalb weitere Analysen vorgeschrieben sind. Im aktuellen Fall habe der Athlet im Oktober 2008 "ein ärztliches Gutachten eingereicht, das von einem renommierten Facharzt verfasst war". Ein Attest für Hodenkrebs? Diese Antwort bleibt der BDR bisher schuldig

Die konkret beschuldigte Person von der Geschäftsstelle mochte sich auf SZ-Anfrage nicht zur Sache äußern und ließ "auf die offizielle Stellungnahme des BDR" verweisen. Dort hat man damit Routine.