Die Einzahlungen auf das Konto von Dopingarzt Eufemiano Fuentes gewähren pikante Einblicke - nicht nur in den Profiradsport.
Der Professor hatte Recht: Jan Ullrich war Shoppen beim spanischen Dopingdoktor Eufemiano Fuentes, nach Aussagen der Bonner Staatsanwaltschaft sogar länger und ausführlicher, als von Dopingexperte Werner Franke behauptet. Was heißt behauptet, der Zellforscher gab unlängst nur wider, was in Fuentes' eigener Buchhaltung steht. Weil aber Ullrich, der seine Wahrheiten gern an Eides statt versicherte, dem Professor juristisch den Mund verbieten ließ, und der Wissenschaftler dies nicht hinnahm, fällt nun der gesamte Fuentes-Komplex wie ein Bumerang auf Ullrich zurück.
Jan Ullrich hat durch sein Leugnen paradoxerweise die Ermittlungen vorangebracht. (© Foto: dpa)
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Und es ist ein Bumerang geworden, der Dutzende weitere Akteure in den Abgrund zu reißen droht, und nicht nur Radprofis. Denn deutsche Ermittler prüfen nicht nur Überweisungen von Ullrich und Mentor Rudy Pevenage, die sie bei Razzien in deren Domizilen in der Schweiz und Belgien fanden. Sie haben nach SZ-Informationen auch die Eingangsliste von Fuentes' Genfer Konto vorliegen. Zwar wollte der Bonner Staatsanwalt Fred Apostel dies so wenig bestätigen wie die tags zuvor von einem Kollegen genannten Beträge. Aber das ist eine Grundsatzfrage. "Wir gehen jeder einzelnen Zahlung nach", sagt er, "am Ende sagen wir, was wir wissen."
Die Steuerfahndung ist wachsam
Bei der Genfer Filiale der Hongkonger HSBC-Bank haben auch andere Fuentes-Klienten wie Jörg Jaksche ihre Behandlungskosten beglichen. Der Profi beichtete der Staatsanwaltschaft Ansbach, er habe Fuentes bar oder über Genf bezahlt. Gleiches dürfte für viele andere gelten. Etwa für Ivan Basso, der laut Jaksche selbst lange dachte, er sei einziger Kunde des geschäftstüchtigen Fuentes.
In Deutschland geht es nicht mehr nur um Dopingfragen. Jaksche hat auch diverse Bluttransfusionen durch Fuentes' Deutschland-Statthalter, den Narkosearzt Markus Choina, über das Genfer Fuentes-Konto bezahlt, nicht an Choinas Heimadresse Bad Sachsa überwiesen. Das macht die Steuerfahndung wachsam, Geldwäsche- und Hinterziehungsdelikte könnten im Raum stehen. Und dass Fuentes ein Millionengeschäft be-wegte, ist klar. Er selbst hat nur für die Behandlung von gut zwei Dutzend Radprofis im ersten Geschäftsquartal 2006 handschriftlich eine Gesamteinnahme - "total ingresos" - von 470.000 Euro errechnet. Jaksche lieferte den deutschen Ermittlern Details: Das "Komplettprogramm mit allem Drum und Dran" für die Tour de France 2006 hätte ihn 30.000 Euro gekostet, zahlbar in drei Raten. Gezahlt hat Jaksche aber nur die erste von 10.000 Euro. Dann flog Fuentes auf.
Die zweite gute Nachricht ist, dass die Aufklärung nicht mehr von spanischen Behörden abhängt. Diese haben die Affäre aufreizend offen unter den Teppich gekehrt. Die auch von der Guardia Civil intern gerügte, defensive Vorgehensweise des Untersuchungsrichters Serrano gipfelte in atemberaubenden Unterlassungen: Noch immer harren fünf Laptops, die bei Fuentes und Mitverschwörern konfisziert wurden, ihrer Durchsuchung. Auch diese Computer interessieren die Bonner Ankläger. Apostel: "Wir würden einen Fehler machen, wenn wir nicht an alle Beweismitteln gelangen wollten."
Und in Fuentes Heimat Gran Canaria, wo offenbar Medikationspläne für Fußball und anderes lagerten, wurde erst gar nicht gefahndet. Sicherheitshalber, um den Skandal fern von Fußballstars, Tennishelden und einer Milliardenindustrie zu halten, in der Klubs den Titel "königlich" (Real) tragen? Nicht nur Jaksche fiel auf, dass spanische Radprofis wie von Geisterhand aus den Akten verschwanden. Wie Señor "A.C.", der neben "J.J." (Jaksche) auf Fuentes' Kundenliste firmierte und nach Lage der Dinge als Alberto Contador zu identifizieren ist. Contador ist mit abstrusen Schussfahrten bergauf Tour-Sieger 2007 geworden und ein Held der Sportnation.
Um so wichtiger, dass die nichtspanische Justiz eine eigene Einstiegsluke in den Fall hat: das Schweizer Konto von Fuentes. Es habe auf den Namen Codes Holding gelautet, sagte Jaksche den Ermittlern, die Geldeingänge dürften als Kundenliste interpretiert werden. Codes Holding wird zur wichtigsten Informationsquelle der Ermittler werden. Der Fall Ullrich bietet sich als Nagelprobe an. So verbuchte Fuentes am 9. Januar 2006 35.000 Euro als Zahlbetrag von Nummer1 (wurde als Ullrich identifiziert). Basso, ist dem selben Papier Nummer 104 zu entnehmen, hatte schon am 23. Dezember 2005 die fälligen 10.000 Euro berappt. Von Jaksche sind Zahlungen ohnehin belegt, aber auch bei anderen Athleten lassen sich Gegenproben machen.
80.000 Euro für die "Atombombe"
Man nehme Olympiasieger Tyler Hamilton, dessen Lebensgefährtin Haven Parchinski per Fax eine Fuentes-Berechnung nach Colorado erhielt. Einzelbeträge von insgesamt 31.200 Euro sind aufgelistet, angefallen unter anderem für die "Siberia"-Methode. So nennt sich die aufwändige Lagerung von Blutbeuteln in einer riesigen Cool- und Rock-Maschine, in der die zu kühlenden Substanzen ständig leicht geschüttelt werden. Das verhindert Verklumpungen. Auch solcher Luxus machte den Unterschied zwischen Fuentes und anderen Zauberlehrlingen von Freiburg bis Ferrara; Fuentes zog daher besonders betuchte Klientel an. Für eine "Atombombe", wie Jaksche sagt, also ein Intensivdoping mit allen Schikanen der nicht nachweisbaren Betrugswissenschaft, seien 80.000 Euro fällig gewesen. Dafür, meint Jaksche, hätte Fuentes "jeden talentierten Fahrer unter die ersten Fünf bei der Tour" gebracht.
Abzuwarten bleibt, ob die deutsche Justiz den ganzen Schmuddelkomplex aufrollen will. Zum Beispiel, wenn es um Fußball ginge, um Behandlungen internationaler Stars aus Deutschland womöglich, vielleicht sogar im WM-Zeitfenster, nach bewährtem Radsportmuster in Hotelzimmern - kurz: Wenn es um Sportgefilde geht, die Einfluss auf höchster politischer Ebene haben, wird sich zeigen, wie es mit der Betrugsaufklärung hierzulande steht, oder ob einem die Affäre am Ende spanisch vorkommt.
Jan Ullrich gebührt jedenfalls schon Dank: Er hat dem Profisport durch sein Leugnen einen echten Dienst erwiesen. Vermutlich ungewollt.
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(SZ vom 15.9.2007)
Harte Kritik des Bayern-Präsidenten
wenn ich lese dass z.b. bei knochenbruechen oder muskelfaser-rissen es zu "einer unerwartet schnellen heilung" kommt, bin ich schon skeptisch.
man sieht am beispiel ballack dass heilung von verhaeltnismaessig einfachen operationen sehr lange dauern kann bis der sportler auf natuerlichem wege wieder hoechstleistung bringen kann, trotz bestmoeglicher pflege.
Vielleicht ist ja Deutschland nach der Definition Ullrichs demnächst reif genug, um seinen Worten gebannt zu lauschen.
... der/die etwas anderes glaubt, als daß der gesamte Profi-Radsport verdopt ist? unter anderem, versteht sich ...
Es bahnt sich an und es bleibt nur zu hoffen, dasss Jan das mal ordentlich vorbereitet.
Ob er so `ne Lawine beherrscht?
oder weiter.
Wer glaubt denn noch das beim Team Telekom/T-Mobile niemand was von der ganzen Malaise gehört haben will....!
Jan Ulrich ist kein Waisenknabe und sein Verhalten ist Mega Dilettantisch, aber es dürfte selbst der letzte Tretrollerfahrer in diesem Lande gewußt haben, das alle im Radsport dopen/gedopt haben.
Und es ist zu befürchten das, wenn Ulrich spricht so ziemlich der ganze Radsport tot ist!
Paging