Doping im Radsport Angst vor der Causa Armstrong

Die amerikanische Anti-Doping-Agentur hat Lance Armstrongs sieben Titel bei der Tour de France aberkannt. Ignoriert der Radweltverband UCI dieses Urteil, käme der Fall vor den Sportgerichtshof Cas. Ein Prozess würde den Verband jedoch in seinen Grundfesten erschüttern: Es geht um Armstrongs Bande zum früheren UCI-Chef Verbruggen und dubiose Spenden des US-Amerikaners.

Von Thomas Kistner

Die Lage ist völlig verfahren für Lance Armstrong, an dessen Pharma-Lüge kein vernünftiger Zweifel mehr herrscht im globalen Sportbetrieb. Bös' in der Klemme steckt auch der Radweltverband UCI, dessen Funktionäre jeden Tag das Beweiskonvolut der US-Anti-Doping-Agentur Usada erwarten, das zur Aberkennung von Armstrongs sieben Tour-de-France-Titeln führte.

Aber auch für den weltweiten Anti-Doping-Kampf ist diese Phase heikel. Denn der Umgang mit der Causa entscheidet über Sinn und Substanz des frommen Ringens. UCI-Chef Pat McQuaid hat ja schon verraten, welche Lösung sein weitflächig verseuchter Sport anstrebt: Armstrongs Titelsammlung soll nicht umverteilt, Generalamnestie für geständige Doper ausgelobt, die ganze Armstrong-Zeit ausgeblendet und zur "schwarzen Ära" erklärt werden. Und McQuaid hat es eilig. Schon nächste Woche bei der WM in Valkenburg soll der Deal besiegelt werden: "Ich freue mich, dass wir das wohl umsetzen können", sagte McQuaid der AP.

Das wäre die Ideallösung für die UCI. Sobald das Usada-Material vorliegt, bleiben ihr nur 21 Tage Bedenkzeit, ob sie die Sanktionen (Sperre lebenslang, rückwirkend bis 1998) umsetzt. Tut sie es, sind Armstrongs Titel futsch. Nicht nur die US-Versicherungsagentur SCA wird eine Millionenklage erheben; das hat sie Armstrongs Anwälten schon avisiert. Ignoriert die UCI aber das Usada-Urteil, bringen die Anti-Doping-Agenturen den Fall vor den Sportgerichtshof Cas. Was dort alles aufgerollt würde, lässt sich schon heute erahnen.

Zum einen Armstrongs in Teilen publiziertes Doping-Regiment, das weitere Klagen auslösen könnte. Klagen, die er kaum riskieren kann. Sein Kernproblem sind ja nicht die Tour-Titel. Es geht um seine Krebsstiftung Livestrong, die wohl erst dann in die Debatte geriete, wenn der Boss selbst Doping zugeben würde. Das wird er niemals tun - es sei denn, eine Grand Jury zwänge ihn dazu. Unter Eid lügen, ist in den USA viel riskanter als hierzulande; die gedopte US-Olympiasiegerin Marion Jones hat der Versuch hinter Gitter gebracht.

Aber auch die UCI kann kein Interesse an einem Prozess haben. Würde dort nicht Armstrongs Bande zu Hein Verbruggen auffliegen? Verbruggen, UCI-Chef bis 2005, galt lange weiter als Lenker hinter dem Radcoach McQuaid, den er ins Amt hievte. Verbruggen adelte Freund Lance gern als "lebenden Beweis für einen Fahrer, der nicht betrügt", als einen, der "kein einziges Medikament nimmt, aber trotzdem als Doper verdächtigt wird". Noch 2011 warf sich Verbruggen wilder als jeder PR-Profi in die Bresche: "Armstrong hat nie gedopt. Niemals, niemals, niemals!" Spätestens jetzt gehört dieser halbreligiöse Glaube des Topfunktionärs untersucht. Zumal Verbruggen heute SportAccord leitet, den Dachverband der Sportfachverbände. Auch ist er IOC-Ehrenmitglied - und hinter den Kulissen der China-Tour aktiv. Diesem Projekt schadet das Theater ähnlich wie der Tour de France. Was sagen die Sponsoren zur Farce um den größten Radler von allen?

Anrüchige Geschäfte und Kontakte weisen ins finstere Herz dieser Radsportwelt. Was ist mit Armstrongs Spende an die UCI, nach einer umstrittenen Probe von 2001? Wofür genau flossen insgesamt 125 000 Euro des Texaners? Das wurde nie überzeugend dargelegt. Auch dieses bizarre Spendentum begann unter Verbruggen. Sein Thronerbe McQuaid verhedderte sich öfter beim Versuch, die Geldgaben des chronisch verdächtigen Tour-Rekordsiegers an jenes Organ zu erklären, das ihn eigentlich beaufsichtigen sollte. Als "Inkassoschutz" gilt das Geld in der Radszene, wo Greg LeMond, Ex-Tour-Sieger, befand: "Schweigen, zahlen - es ist fast wie bei der Mafia."

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