Von Thomas Hahn

Der umstrittene deutsche Langlauf-Trainer Jochen Behle bekennt sich plötzlich zu Bluttests. Er fordert individuelle Grenzwerte für die Sportler.

Es ist einer dieser Sonntage, die man umtauschen möchte. Betongraues Licht lastet über Rukas Loipen, wie in den Albträumen vom Klimawandel tragen feuchte Winde den finnischen Winter fort, und die Weltcup-Rennen haben auch nichts schöner gemacht.

Jochen Behle; ddp

Langlauf-Trainer Jochen Behle (© Foto: ddp)

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Jochen Behle, der deutsche Langlauf-Bundestrainer, hat sich ein Butterbrot aus dem Pressezentrum mitgenommen und wieder diese unverbindliche Beschwingtheit an sich, mit der er Freud wie Leid in Statements zu verpacken pflegt. Bereitwillig bleibt er noch mal stehen.

Es ist jetzt leicht, nichts schön zu reden: Seine Männer hatten Mühe im Nassschnee, seine Frauen sind noch nicht in Bestform. "Da muss man auch mal den anderen gratulieren." Immerhin war das Team vernünftig.

Axel Teichmann, tags zuvor Siebter im Sprint, klagte vor dem Rennen über Kopfweh und Halskratzen. Also startete er nicht, seiner anfälligen Gesundheit zuliebe. "Wir können uns bei ihm keine großen Trainingspausen mehr erlauben", sagt Behle freundlich.

Jochen Behle ist wieder im Weltcup-Alltag angekommen mit seinen Langläufern, und man fragt sich, welche Rolle dabei das Negativ-Thema von Olympia 2006 noch spielt: der erhöhte Hämoglobinwert der 2002-Staffel-Olympiasiegerin Evi Sachenbacher-Stehle, ihre fünftägige Schutzsperre und der dazugehörige Dopingverdacht.

"Wir leben mit dem Zustand"

Vor allem bei Behle fragt man sich das, der bei den Spielen den Verdacht schürte, indem er genauso wie Teamarzt Ernst Jakob gegen das Bluttestsystem von Bengt Saltin, dem damaligen Antidopingchef des Internationalen Skiverbandes Fis, wetterte.

Vor vier Wochen ist Behle noch mal laut geworden, als die Fis Sachenbacher-Stehle wegen ihrer Hämoglobin-Werte im so genannten hochnormalen Bereich erneut nicht vom Grenzwert (16,0 g/dl) befreite. Und jetzt?

Vielleicht hat er intern ein paar ernste Worte zu hören bekommen, vielleicht hat er sich selbst besonnen. Jedenfalls bricht Behle nicht mehr aus wie ein Vulkan bei dem Thema.

Zu der Fis-Entscheidung gegen Evi Sachenbacher-Stehle sagt er für seine Verhältnisse versöhnlich: "Also leben wir jetzt mit dem Zustand." Es ist, als hätte er einen Schlussstrich gezogen, um den Kopf frei zu bekommen für die neue Saison.

Blutpass für Athleten

Gerecht behandelt sehen sie sich deshalb noch lange nicht beim Deutschen Ski-Verband. Der DSV hat reagiert auf die Ereignisse, einen Blutpass für die Athleten auf den Weg gebracht, und Evi Sachenbacher-Stehle hat ihre persönliche Werte-Sammlung öffentlich gemacht.

Aber Verständnis für die neutrale Antidopinginstanz kommt den DSV-Vertretern nur schwer über die Lippen. Sie bekennen sich zu Saltins strategischen Bluttests, mit denen der Kopenhagener Uniprofessor ab 2001 den Durchschnittswert für die Hämoglobin-Konzentration der Langlauf-Elite deutlich senkte - aber nie ohne die Beschwerde darüber, dass andere Sportarten höhere oder keine Grenzwerte haben (was eher kein Fehler der Fis ist).

Außerdem tadeln sie, dass Saltin immer nur die Werte aus seiner Datenbank nannte, um die Schutzsperre für Evi Sachenbacher-Stehle zu rechtfertigen, und nicht die wenigen erhöhten Werte aus ihrer Sammlung seit '97.

Tatsächlich kann man die Schutzsperre selbst anhand des privaten Blutdiagramms Sachenbacher-Stehles nachvollziehen. Unrecht ist dem DSV nicht widerfahren, allenfalls eine Härte durch ein wirksames, wenn auch ausbaufähiges System.

Aus Enttäuschung überreagiert

Die Fis kann nicht Ausschläge für Evi Sachenbacher-Stehle verwenden, die er bei anderen als Verdacht auf Blutdoping werten muss, sie würde sonst ihre eigenen Regeln brechen. Aber das gilt für Behle offenbar nicht.

"Man muss die Möglichkeit ausschließen, dass es einen sauberen Athleten trifft", sagt er und übersieht, dass der Test ohnehin nur als Indikator auf Blutdopingarten dient, die keiner nachweisen kann, und in erster Linie als Gesundheitstest nach der Erkenntnis, dass zu hohe Hämoglobin-Konzentrationen zu Blutverklumpungen führen können.

Behle und Jakob haben in Turin den Eindruck erweckt, als habe Sachenbacher-Stehle Hämoglobin-Werte, die ständig grenzwertig wären. An Evi Sachenbacher-Stehles eigenen Werten sieht man, dass sie damit den Sachverhalt vereinfachten. Sie waren zu sehr bemüht darum, einen Verdacht von sich zu weisen, den es offiziell gar nicht gab.

Aus gutem Grund? Behle sagt, dass er damals aus Enttäuschung überreagiert habe: "Da muss man dann auch mal den Trainer verstehen." Ausgerechnet auf dem Gebiet öffentlicher Auftritte fiel der begnadete Selbstvermarkter Behle aus der Rolle. Olympia brachte ihn in die schwierigste Situation seiner bisherigen Amtszeit, und er kann nicht behaupten, dass er sie gemeistert hat.

Festlegung individueller Grenzwerte

Bengt Saltin war auch in Ruka. Er stellte seine Blutstudie vor, die er nach Turin für die Weltantidoping-Agentur Wada gemacht hatte. Im Ergebnis gestand er Sachenbacher-Stehle zu, dass ihre Werte unterhalb des Grenzwerts stark schwanken, was zwar für eine Ausnahmegenehmigung nicht reicht, aber Behle als kleinen Sieg feierte.

Außerdem regte Saltin an, individuelle Grenzwerte festzulegen, was Behle auch gefiel. Er will nichts mehr davon wissen, dass er kürzlich noch in der ARD und in einem autorisierten Interview mit der Netzeitung für die Abschaffung der Grenzwerte plädierte und damit indirekt Freiheit für Eigenblutdoper forderte.

"Die individuellen Grenzwerte müssen her", sagt Behle und hofft, dass er dahinter all die früheren Ansagen verbergen kann, die seine Glaubwürdigkeit geschwächt haben.

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(SZ vom 28.11.2006)