Von Thomas Kistner

Deutsche Dopingkontrollen sind ein Muster ohne Wert: 400 Tests, auch bei Dutzenden Meistern, gehen ins Leere.

Im Spitzensport kommt es oft nur auf die Wirkmacht von Fernsehbildern an.

Anzeige

So dürfte sich erklären, dass ein ARD-Filmbeitrag zum deutschen Dopingkontroll-System, der am Mittwochabend ausgestrahlt wird, die Leibeskultur in den Grundfesten erschüttert, obwohl die Kernaussagen bereits vor Wochen in Printmedien nachzulesen waren: Rund 400 unangekündigte Trainingstests im Olympiajahr 2006 fanden nicht statt, weil die Athleten von den Kontrolleuren trotz entsprechender Meldepflichten nicht angetroffen wurden.

Triste Realität

Dazu zeigt eine Universitätsstudie an mehr als 500 deutschen Kaderathleten, dass 48,1 Prozent während ihrer Karriere mit Doping in Berührung kamen (SZ, 23. 12. 2006). Nun die TV-Bilder zur tristen Realität der hochgelobten deutschen Dopingbekämpfung - und die Nationale Antidoping-Agentur Nada gerät unter Druck, der grobes Versagen anzulasten ist.

Laut Nada muss der Verband eines Athleten, der beim Test nicht angetroffen wurde, von der Agentur benachrichtigt und zu Sanktionen aufgefordert werden. Beim ersten "Missed Test" ist eine öffentliche Verwarnung fällig, beim zweiten eine "mindestens dreimonatige" Sperre, beim dritten die rote Karte für ein Jahr, beim vierten zwei Jahre Sperre. So ist die Regel, steht es auch im Musterbrief der Nada an alle Verbände.

Nur ist der ein Muster ohne Wert. Der Brief geht erst dieser Tage raus samt der entlarvenden Ankündigung, "dass die Nada ab 1. Januar 2007 die Missed Test Policy realisieren und umsetzen wird." Wären die Richtlinien vorher schon realisiert worden, wäre so manchem der rund 250 betroffenen Athleten, darunter laut ARD sieben Olympiasieger, 32 Welt- und 28 Europameister, viel Ärger erwachsen.

"Dagegen machtlos"

Immerhin, räumt Nada-Geschäftsführer Roland Augustin ein, gibt es genug Sportler, "die uns an der Nase herumführen, dies aber so geschickt, dass wir dagegen machtlos sind". Nur ein Trick von vielen: Mancher lege sich ein Handy zu, dessen Nummer nur an die Nada zwecks Meldepflicht ergeht - so ist man bombensicher gewarnt, wenn der Kontrolleur anruft.

Der tut das leider öfter, wie etwa Hockey-Olympiasiegerin Marion Rodewald beklagt: "Das deutsche Antidoping-System ist nicht so sicher, dass man es nicht umgehen könnte." Augustin bestätigt, dass entnervte Kontrolleure zuweilen beim Gesuchten anriefen, dies sei aber erst der "dritte Versuch", wenn einer zuvor nicht erreichbar gewesen sei.

Die Meldepflicht erweist sich als so vertrackt, dass zu fragen ist, aus welchem Wissen heraus Sportfunktionäre und Politiker der Öffentlichkeit bisher weismachen konnten, ihre Kontrollen seien hocheffektiv. Laut Augustin herrscht reines Chaos, manche Athleten meldeten sich bei ihren Fachverbänden ab, andere beim internationalen Verband, dazu bei der Nada oder der Weltantidoping-Agentur Wada. Jede Organisation habe ihre Datenbank, die Systeme aber korrespondieren nicht miteinander.

Hunderte Missed Tests

Deshalb müsse nach jedem Fehlbesuch geprüft werden, "ob wirklich ein Missed Test vorliegt oder andere Umstände. Übertragungsfehler, Zahlendreher in den Daten." Was die Frage erhellt, weshalb es hunderte Missed Tests gibt, aber kaum Sanktionsempfehlungen an die betroffenen Verbände.

Die Missed-Test-Liste führt der Deutsche Leichtathletik-Verband an, Dutzende Fehlversuche liegen vor. Allein Diskus-Olympiasieger Lars Riedel war in vier Monaten fünf Mal nicht anzutreffen - doch den Verband erreichte nicht eine Sanktionsaufforderung. Die Nada teilte damals nur mit, der deutsche Kraftsport-Held sei einmal nicht angetroffen, inzwischen aber doch getestet worden.

Tatsächlich gab es Verwechslungen mit dem Straßennamen, der fünfmalige Weltmeister hatte den Wohnort gewechselt. Der DLV nahm dies trotzdem zum Anlass für eine schriftliche Verwarnung gegen Riedel, der selbst einräumt: "Einen Fall nehme ich auf meine Kappe."

Eine solche - interne - Verwarnung ging auch an Zehnkämpfer André Niklaus, dessen Abmeldung nicht allen Stellen vorgelegen habe, der aber, am Aufenthaltsort erreicht, gleich einen Test anbot. Aus Sicht der Nada auch dies kein Missed Test.

So blieb es 2006 für den DLV bei einem echten Missed Test (800-Meter-Läufer Waldmann). Drei weitere Fehlbesuche betrafen unterklassige Athleten. Doch während registrierte Spitzensportler Ortswechsel über 24 Stunden melden müssen, beträgt diese Zeitspanne bei den anderen satte 72 Stunden. "Wer die Oma am Wochenende besucht, ist raus", sagt Augustin. Effektive Kontrolle ist bei solchen Zeitfenstern gar nicht möglich.

Auch andere Verbände bekamen trotz Fehlversuche bei ihren Athleten keine Missed-Test-Meldungen der Nada. Diese Realität im deutschen Sport hat den Chef der Wada aufgeschreckt. Er sei überrascht, sagte Dick Pound der ARD, weil er stets "dachte, das deutsche System sei erstklassig". Nun vermerkt er eine "sehr ernste Situation, das muss Folgen haben."

Gefährdete Radler

So sieht es auch DLV-Chef Clemens Prokop, der wie die stark dopinggefährdeten Radler und Triathleten für ein Strafgesetz ficht. "Dies ist ein weiterer Beleg dafür, dass der Sport aus sich heraus keine effizienten Kontrollen schafft." Er fordert die Abschaffung der Zufallstests, jenes Schrotschuss-Prinzip, das schon naturgemäß selten die Richtigen - sprich: Verdächtige - trifft. "Es sollte verdachtsabhängig gearbeitet werden", so Prokop, "im Idealfall mit individuellen Profilen von Athleten." Bei Veränderungen ließe sich gezielt fahnden.

Die Fehler für das desaströse Gesamtbild sind nicht allein bei der Nada zu suchen, wiewohl die nun auch in Erklärungsnot gerät, weshalb sie die Zahlen verheimlicht. Winfried Herrmann, Sportsprecher der Grünen im Bundestag, versucht nun, eine Initiative für ein Dopinggesetz in seiner Fraktion zu schmieden. Er sagt: "Die Zuwendungen des Staats an den Sport erfolgen unter der Maßgabe, dass alles getan wird, Doping zu bekämpfen. Jetzt sehen wir, dass nicht alles getan wird. Im Sinne der Richtlinien muss Inneminister Schäuble nun handeln."

Leser empfehlen 
Lesetipp aus der aktuellen SZ: "Ich war nie schuld. Nie. Nie. Nie."

Torwartlegende Sepp Maier im Interview. SZ am Wochenende Jetzt lesen ...

(SZ vom 17.1.2007)