Inmitten der Biathlon-Festwochen ringt der Weltverband um einen neuen Blick auf das Dopingproblem. Die Anzahl der Tests steigt, die Sünder sollen zittern.
Jedes Jahr kommt hier und da ein Stückchen dazu, und man hat das Gefühl, Ruhpolding wächst. Vor Jahren schon leuchteten die großen Lichtballons, mit deren Hilfe Biathlon in die Nacht verlegt wurde. Und in der Nacht wird ja ein Treffen erst zur Party. Danach machten sich die Ruhpoldinger vom Winter unabhängig, indem sie Schnee aus dem Vorjahr einlagerten, es gibt da in der Nähe des Zirmbergs ein schattiges Plätzchen, da halten 30.000 Kubikmeter glatt den Sommer über durch.
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Die Grundstimmung der Biathleten hat sich geändert: Es stellt sich die Frage, wie ehrlich spektakuläre Siege sind. (© Foto: dpa)
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Für den Weltcup 2009 hat man die Loipe verbreitert, an einem Anstieg stauten sich früher die Biathleten, weil die Spur so eng war. Nun können die Schnellen die Langsamen locker umfahren, ähnlich wie neuerdings die Busse den Ortskern. Denn Ruhpolding hat jetzt eine Umgehungsstraße. Die Busse werden ab Mittwoch wieder täglich bis zu 16.000 Zuschauer transportieren, vielleicht auch mehr, die Zahlen steigen ebenfalls an in Ruhpolding.
Die Gemeinde ist, mit Oberhof, führend unter den Wintersportveranstaltern, sie organisiert Rennen für die höchsten Fernsehquoten und Publikumsmassen für die Hotelbranche in einem immer größeren Umkreis. Das ergibt einen Haufen Verantwortung und Stolz. Ruhpolding richtet 2012 auch die WM aus, man könnte also glauben, dass auch die Vorfreude alle Grenzen sprengt. Aber die Grundstimmung unter Aktiven und Organisatoren hat sich geändert, sie hält mit dem Tempo des Booms nicht ganz mit. Immer noch ist der abhängig von spektakulären Siegen - und immer mehr stellt sich die Frage, wie ehrlich die sind.
Das liegt nicht nur am Hämoglobinfall Tscheressow, der Russe musste mal wieder wegen zu dicken Blutes gesperrt werden. Mancher Trainer studiert schon seit längerem die Rennanalysen mit anderen Gedanken, jene Computerauswertungen, in denen auf die Zehntelsekunde genau erklärt wird, welcher Läufer in welcher Runde welche Zeit geschafft hat. Aus Leistungsschüben und -abfällen vor und nach Großveranstaltungen ergibt sich zunehmend Argwohn, und weil es keine Beweise gibt, wächst das Unbehagen.
Im Dezember beantragte eine Mehrheit der Trainer in Östersund beim Weltverband IBU Nachtests. Alle noch vorhandenen Dopingproben von den Olympischen Spielen 2006 und den nachfolgenden Weltmeisterschaften sollen neu untersucht werden. Die Athletenkommission schloss sich an. "Die sollen zittern", sagt Wolfgang Pichler über mögliche Doper. Pichler ist Ruhpoldinger und trainiert die Schweden.
Allmählicher Sichtwechsel
Die Tage im Januar werden im Biathlon gerne als Festwochen bezeichnet, die Musik wird aufgedreht, und es fließt eine Menge Alkohol. Für die Offiziellen sind es arbeitsreiche Tage und diesmal wohl richtungsweisende. Bislang galt die IBU als letzter Ausdauersportveranstalter, bei dem man noch ans Gute im Menschen glaubte. Doping wurde als ganz schlimm angeprangert, aber weil das Kontrollsystem kaum Fälle ergab, wähnte man sich sauber.
Die erste systematische Manipulation deckte nicht die IBU auf, sondern die Turiner Staatsanwaltschaft, die bei Olympia 2006 die Österreicher filzte. Heute spricht manches dafür, dass im Weltverband allmählich ein Sichtwechsel stattfindet. Bislang hieß es: Wir haben kaum positive Tests, also sind wir sauber. Stattdessen muss es heißen: Wir sind nicht sauber, also müssen wir die Betreffenden finden.
Die Menge der Wettkampftests scheint angestiegen zu sein. Der Russe Maxim Tschudow beklagte sich über eine Mitternachtskontrolle. Und IBU-Medizinchef James Carrabre kritisierte - früher kaum denkbar! - die mauernde Haltung des russischen Verbandes. Der Östersunder Antrag auf Nachtests wird gerade bearbeitet. IBU-Chef Anders Besseberg sagt, es müssten rechtliche und praktische Aspekte geprüft werden, eine Entscheidung gebe es nicht vor Ende Januar. Etwas anderes als eine gründliche Nachbearbeitung aller Proben darf eigentlich nicht herauskommen.
Tausend unbezahlte Helfer
Es geht ja um die Existenz. In diesen Festwochen verhandelt die IBU auch über einen neuen Fernsehvertrag, man erwartet Zuwächse. Das Fernsehen hat aber angedeutet, im schlimmsten Falle auch aus dem Biathlon auszusteigen. Und der schlimmste Fall wäre kein Dopingskandal, sondern ein Verband, der diesen nicht aufdecken will. Claus Pichler, Wolfgang Pichlers Bruder und neuer Ruhpoldinger Bürgermeister, sorgt sich, "dass der Missbrauch hier alles aus dem Gleichgewicht bringt, ich hoffe die IBU hat eine klare Linie".
Als OK-Chef kann er nur appellieren, ansonsten muss er den Weltcup organisieren. Schon immer, sagt Pichler, sei dieser eine Gemeinschaftsproduktion von tausend unbezahlten Helfern gewesen. Ohne sie geht nichts, sie reißen Karten ab oder schaufeln Schnee, damit am Mittwochabend (17.40 Uhr, ARD und Eurosport) die Frauen-Staffel mit Magdalena Neuner, Kati Wilhelm, Andrea Henkel und Simone Hauswald (oder Kathrin Hitzer) die Tage von Ruhpolding eröffnen kann.
Die Ehrenamtlichen und ihre Leidenschaft sind auch so ein Rätsel. Von den Rennen kriegen sie oft nichts mit vor lauter Arbeit, und doch sind sie dem Sport mehr verbunden als die Gäste. Aber so ist das eben, je lauter eine Party wird, desto weniger fällt auf, was hinter den Kulissen abläuft.
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(SZ vom 14.01.2009/mikö)
Erster Arbeitstag als Chef der Deutschen Bank
ich schaue gern und viel Biathlon, sehe es aber genauso. Früher habe ich auch regelmäßig die Tour de France verfolgt, aber das interessiert mich kaum noch. Da nun klar ist, daß seit Jahren alle Top-Fahrer gedopt waren ...
So wird es beim Biathlon wohl auch kommen, und gerade bei uns wird der Katzenjammer am größten sein, da ja auch die Erfolge am größten sind. Schade drum.
Der Artikel kann auf jede Sportart gemünzt werden. Es kaum eine Sportart, in der Doping nicht den Erfolg garantiert. In allen Ausdauersportarten gibt systematisches Doping hin zu den Grenzwerten.
Dem Zuschauer bleibt nur übrig, sich entweder das naive Staunen zu bewahren oder sich mit Grausen abzuwenden. Beim Biathlon bin ich immer noch beim Staunen (die Rennen sind gut präsentiert und sehr kurzweilig), während ich den Radsport meide (andauernde und massenhafte Teilnahmen von Dopern und Hochverdächtigen ist mir einfach zuviel).
Andererseits frage ich mich, was - angesichts der Tatsache, dass alle Ausdauersporarten dopingversucht sind - diese ständige Wiederauftachen von Dopingartikeln zu fast jeder Spoartart in der SZ soll? Die Welt wird dadurch nicht besser. Höchstens durch Spekulationen anrüchiger.
Besser wird sie durch die wirtschaftlichen Aengste der Veranstalter, die vermehrt bessere Dopingproben durchzusetzen versuchen. Nur gibt es zuviele Veranstaltungen, bei denen dieser Druck nicht herrscht. Allen voran olympische Spiele oder Weltmeisterschaften. Dort gibt es kein finanzielles Risiko.
Ja, so einfach geht das wohl (mat76) (Doping)Zustände aus anderen Sportarten werden übertragen auf das beliebte Biathlon, und die Deutschen mittendrin. Sie scheinen ja über detaillierte Informationen zu verfügen, so deutlich wie Sie den (insb. deutschen) Biathlonsport anprangern.
Wer sich mit Biathlon etwas genauer beschäftigt (und auch Vergleiche mit den Vorjahren heranzieht) stellt schon gewisse Auffälligkeiten bei der Leistung von bestimmten Sportlern (Nationen) fest. Z.B. wie ist das hohe Leistungsniveau bei den Russinnen zu erklären? Nur hartes Training und begabte Schützinnen? Oder ist die Leistung einer Iourieva / Sleptsova / Medvetseva / Akhatova auch anderen Umständen geschuldet? Auch die Ukraine hat in diesem Winter bisher eine erstaunliche Leistungssteigerung gegenüber früher gezeigt hat es bei denen auf einmal klick gemacht, und sie haben das Schießen und Laufen neu gelernt?
Im Gegensatz dazu sind die deutschen Damen (und Herren) in diesem Winter deutlich leistungsschwächer (wo sind eigentlich die Top-Stars am laufenden Band aus Deutschland irgendwie verwechselt mat76 da was) versagen bei denen etwa die Mittelchen? Oder betreiben sie doch einen ehrlichen Leistungssport? Von den Resultaten ausgehend sollte man also eher geneigt sein, die letztere Möglichkeit als die wahrscheinlichere anzunehmen. Und man sollte eben auch so fair sein dies zu tun, und nicht pauschal nur unter Hinweis auf Quote/Einnahmen/ehemalige DDR-Trainer alles unter Dopingverdacht zu stellen. Auch wenn es populär und einfacher ist
Unbestritten ist es überlebenswichtig, auch im Biathlon eine strikte Anti-Doping-Politik zu betreiben und die Verantwortlichen sind auf einem guten Weg dorthin. Geben wir Ihnen also die Chance, diesen wunderschönen Sport sauber zu halten (bzw. zu machen niemand ist so naiv und glaubt an nur saubere Athleten, s.o.)!
Man tausche alle Sportart spezifischen Begriffe aus, auch die handelnden Personen und ersetze sie durch Begriffe, Athleten, Veranstalter, Medien und Funktionäre aus dem Aufstieg und Fall rund um den Radsport und Team Telekom/T-Mobile. Seltsam, oder? Es ist die identische Entwicklung...es will nur keiner sehen.
Als wenn Biathlon sauber ist...vor allem die deutschen Top-Athleten. Der deutsche Markt ist so wichtig (man sieht es auch an den Sponsoren), dass man sich überhaupt keine Schwäche leisten kann. Nicht das Thema "Doping" schwebt wie ein Damoklesschwert über diesem Markt, sondern der Misserfolg. Alleine dadurch, dass keine deutschen Athleten mehr vorne mit dabei wären, würde das Konstrukt aus Identifikationsfiguren, Stars, Medien, Quote, Einnahmen zusammen brechen. Deswegen wird genau wie im Radsport (und anderen Sportarten) auch im Biathlon gedopt...um hart zu Trainieren, bestens zu Regenerieren und vor allem um Siege einzufahren.
Als wenn ein System, dass hauptsächlich durch ehemalige DDR-Trainer aufgebaut wurde, plötzlich von Doping Abstand nimmt. Komischerweise dopen natürlich nur die Anderen (wie bei Ullrich). Deutschland aber produziert Top-Stars am laufenden Bande - jeden Winter. Auch alle Aussagen und Sprüche die man hört, klingen sehr bekannt: "Die Athleten sind viel zu intelligent, um sich alles selbst zu zerstören"..."Wir sind nie positiv getetstet worden obwohl dauernd kontrolliert wird"...Ich war selber erfolgreich und weiss, dass es ohne Doping geht" (Petra Behle, die jetzt Manuela Henkel betreut)."
Irgendwann platzt die Bombe...und alle sitzen wieder da, weinen und entschuldigen sich...