Doping: Fall Lance Armstrong "Er war total entspannt, er lachte darüber"

Tyler Hamiltons Enthüllungen stützen den Verdacht, dass ein IOC-Labor und der Weltradsportverband im Jahr 2001 einen Epo-Test von Lance Armstrong vertuschten. Damit steht die Glaubwürdigkeit des gesamten Radsport-Systems auf dem Spiel.

Von Andreas Burkert und Thomas Kistner

Es ist jetzt völlig klar, weshalb sich Johan Bruyneel derzeit eher missmutig beim 94. Giro d'Italia aufhält. Denn seine Reputation wird in diesen Tagen beschädigt wie selten zuvor; auch das Image des Radsports dürfte auf neue Tiefstwerte sinken, sofern das noch möglich ist.

Doch das, was den Belgier Bruyneel, den langjährigen Boss des US-Postal-Teams um den Tour-de-France-Rekordsieger Lance Armstrong und heutigen Chef des Nachfolge-Rennstalls RadioShack, offenkundig Sorgen bereitet, dürfte sogar die ganze Sportwelt irritieren, beunruhigen, ja entsetzen. Denn nun steht die Glaubwürdigkeit sämtlicher Protagonisten eines Systems zur Disposition, wenn angeblich selbst renommierte Kontrolleure im weißen Kittel kooperieren beim Betrug mit verbotenen Substanzen und Praktiken.

Die eine Nachricht, die Armstrongs früherer Teamkollege Tyler Hamilton am Sonntagabend zur besten Fernsehzeit im US-Sender CBS (60 Minutes) mit zum Teil brüchiger Stimme unter das Publikum brachte, war in Grundzügen bereits vorab publik geworden und überrascht kundige Beobachter nicht mehr: Ja, auch er habe seinen früheren Teamkapitän gesehen, wie er Epo nahm, wie er verbotene Bluttransfusionen erhielt, zudem habe ihm Armstrong in Notfällen Epo per Post zugeschickt.

Ähnliche Dinge hatte der einstige Gefährte Floyd Landis behauptet, dessen Aussagen im Vorjahr die akribischen Ermittlungen von US-Fahnder Jeff Novitzky ausgelöst hatten. Landis hatte auch von einem vertuschten Positivtest Armstrongs auf Epo von der Tour de Suisse 2001 berichtet.

Das tat Hamilton, 40, nun ebenfalls, aber seine Aussage - dies ist die andere Nachricht - ergänzte CBS um eine Ungeheuerlichkeit: Ein Schweizer Laborchef habe vor Ermittlern bestätigt, dass man eine von der Tour de Suisse 2001 stammende Probe des Texaners in der Tat "verdächtig" und als "mit dem Gebrauch von Epo übereinstimmend" beurteilt habe; eine schriftliche Einschätzung aus der Schweiz erhielt der Sender von der amerikanischen Antidopingbehörde Usada.

Der Laborchef habe vor der amerikanischen Bundespolizei FBI auch eidesstattlich erklärt, der in der Schweiz ansässige Radsportweltverband UCI habe dem eidgenössischen Institut seinerzeit nahegelegt, den verdächtigen Fall des Tour-Champions nicht weiter zu verfolgen. Stattdessen habe ein UCI-Repräsentant ein Treffen des Laborchefs arrangiert - mit Armstrong und Bruyneel.

Tyler Hamilton äußerte in dem insgesamt spektakulären TV-Interview, "Lance selbst" habe ihm von seinem Epo-Fall berichtet. "Aber er war total entspannt, er erzählte es nebenbei und beruhigte mich, er lachte sogar darüber. Denn Lance' Leute und die andere Seite, der Dachverband" hätten die Sache per Deal geregelt.

Diese Version hatte auch Landis abgegeben und dabei den damaligen UCI-Präsidenten Hein Verbruggen angegriffen, der die Vorwürfe zurückwies. Auch am Montagnachmittag wies der Weltverband in einer schriftlichen Erklärung "tief geschockt" alle Vorwürfe von sich.

Dass die UCI im Verdacht steht, ihre Helden zu schützen, ist nicht neu. Dennoch war es bisher kaum denkbar, dass ein Schweizer Labor einen offenbar positiven Test auf Epo zwar weiterleitet, letztlich aber mitgeholfen haben soll, ihn zu vertuschen. Bei dem Labor, das CBS nicht namentlich nannte, handelt es sich um das vom Internationalen Olympischen Komitee akkreditierte Institut in Lausanne (LAD), es gilt als Hauslabor der UCI und ist nicht nur während der Tour als Epo-Spezialist eingebunden.

Nach SZ-Informationen sprachen US-Beamte, die im Rahmen einer internationalen Untersuchung und im Auftrag des Dopingfahnders Novitzky gegen Armstrong wegen Betrugs ermitteln, bereits 2010 beim Lausanner Laborleiter Martial Saugy vor. Der Schweizer bestätigte dies am Montag allenfalls indirekt. "Kein Kommentar - das habe ich auch CBS gesagt", sagte Saugy der SZ: "Ich werde mit unseren Anwälten reden und die Reaktion der Wada abwarten." Dann ergänzte er aber einen Satz, der die Tragweite dieser Affäre für sein Labor und auch für das ohnehin umstrittene Kontrollsystem des Sports einordnete: "Das ist eine kritische Situation für uns."

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