Doping: Der Fall Matschiner Prominente Sportler im Visier

Im Zusammenhang mit der österreichischen Dopingaffäre könnten noch einige prominente Namen an die Öffentlichkeit geraten - auch die deutscher Sportler.

Von Thomas Hahn und Thomas Kistner

Am Schluss seiner Offenbarungen über die Blutdopingmachenschaften im Klüngel des österreichischen Sportmanagers Stefan Matschiner muss Bernhard Kohl sogar ein bisschen lachen. Es ist ein blitzlichtumwitterter Abend im Wiener Café Landtmann, der wie der Epilog auf die schillernde Radsportkarriere des überführten früheren T-Mobile- und Gerolsteiner-Profis wirkt. Mit unbewegter Miene ist Kohl die ganze Zeit dagesessen und hat nüchtern berichtet, assistiert von seinem Anwalt Manfred Ainedter.

Der Fall Matschiner

Bernhard Kohl gab an, sich bei "Human Plasma" Dopingmittel besorgt zu haben.

(Foto: Foto: AP)

Es wird klar, dass Matschiner Kohl von 2005 bis 2008 mit Epo, Testosteron, Wachstumshormonen und Insulin versorgte. Dass Kohl Kunde der Wiener Blutbank Humanplasma war, bis diese nach der Razzia der italienischen Polizei bei Olympia 2006 in Turin im österreichischen Biathlon- und Langlauf-Quartier ihre Pforten schloss und Matschiner deren Blutdoping-Apparaturen übernahm. Dass die Manipulationen Kohl etwa 50.000 Euro kosteten. Und nun fragt ein Journalist, ob er Namen von Sportlern nennen könne, die nicht gedopt und trotzdem Erfolg gehabt hätten. Die Frage findet Bernhard Kohl lustig. Er sagt: "Das wird schwierig."

In der internationalen Ausdauerszene muss die Angst umgehen in diesen Tagen. Lange konnten sich die Kunden von Humanplasma und anderen kommerziellen Blutauffrischern mit der Gewissheit beruhigen, dass Strafverfolgern und Sportgerichtsbarkeit die Mittel fehlten, um mit ihren Ermittlungen tiefer in den Sumpf vorzudringen und positiv Getestete zu enthüllenden Geständnissen zu bewegen. Verdachtsmomente versandeten, die Lügen der Doper funktionierten. Seit August 2008 aber ist in Österreich der Handel mit Dopingmitteln verboten, und die Staatsanwaltschaft greift Indizien beherzt auf, die sich aus dem Geschehen in der Welt des Sports ergeben.

Es hat Verhaftungen gegeben, unter anderem die von Matschiner sowie die des Langlauftrainers Walter Mayer. Und Zeugenvernehmungen laufen, deren Essenz die überführten Doper längst in spektakulären Interviews ausbreiten wie jetzt Kohl oder Ende vergangener Woche die Wiener Triathletin Lisa Hütthaler. Eine spannende Suche hat begonnen in einer Branche, die sich allzu lange auf den guten Glauben ihres Publikums verlassen konnte.

Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass in den nächsten Wochen noch einige prominente Namen mehr im Zusammenhang mit dieser Dopingaffäre an die Öffentlichkeit geraten. Schließlich geht es bei den Ermittlungen nicht um eine kleine Zelle von Einzeltätern, sondern um Dopinghandel im großen Stil. Humanplasma soll größer gewesen sein als die international genutzte Blutdopingpraxis des Madrider Gynäkologen Eufemiano Fuentes. Nach den jüngsten Zeugenaussagen sollen dort 1000 Blutbeutel angelegt worden sein: auf Hochleistung manipuliertes Blut für grob geschätzt 200 Sportler.

Kein Wunder, dass schon Mittwochfrüh die nächsten Namen kursierten. Kohl soll bei seiner Vernehmung durch die Sonderkommission Doping der Wiener Kriminalpolizei den früheren Gerolsteiner-Radprofi Georg Totschnig sowie Skilanglauf-Olympiasieger Christian Hoffmann genannt haben. Kohl sagt, er habe die Namen nicht öffentlich gemacht. Totschnig und Hoffmann dementieren die Vorwürfe.

Deutsche Biathleten dementieren

Es ist nicht nur eine österreichische Affäre. Humanplasma versorgte auch Athleten aus dem Ausland, Matschiner steht in Verbindung mit Sportlern wie dem dänischen Rabobank-Profi Michael Rasmussen, der 2007 als Tour-de-France-Führender wegen zu vieler Fehltests disqualifiziert wurde. Spätestens seit Anfang 2008 existiert auch ein Verdacht gegen den deutschen Biathlonsport. Damals ging beim Wiener Bundeskriminalamt eine anonyme Anzeige wegen Blutdopings und Versicherungsbetrugs gegen Ärzte ein, die Verbindungen zu Humanplasma hatten.

Der Anzeige lag eine Kundenliste bei, auf der auch die Namen ehemaliger und aktiver deutscher Wintersportler standen. Die deutschen Biathleten dementierten, der Deutsche Skiverband setzte eidesstattliche Versicherungen auf, ehe es wieder ruhiger wurde, weil die Anzeige gegen die Ärzte mangels Gesetzesgrundlage ins Leere lief. Jetzt könnte der Verdacht wieder aufleben.

Michaela Schnell, Sprecherin der Wiener Staatsanwaltschaft, will nichts dazu sagen, ob auch deutsche Sportler in den Doping-Ermittlungen als Zeugen vernommen werden: "Das könnten wir nicht bekanntgeben, ohne dass wir das Verfahren gefährden." Andreas Schwab, Geschäftsführer von Österreichs Nationaler Antidoping-Agentur (Nada), will erst mal das staatsanwaltschaftliche Verfahren abwarten, ehe er bewerten kann, ob diese irgendwann auch zu Dopingprozessen vor der deutschen Sportgerichtsbarkeit führen könnten. Die deutsche Nada verfolgt die Entwicklungen im Alpenland jedenfalls mit Interesse. Erst kürzlich hat sie mit den Kollegen in der Schweiz, Frankreich und Österreich eine Kooperation geschlossen. Nada-Sprecherin Ulrike Spitz ist deswegen guten Mutes, dass ihre Einrichtung alles erfahren wird, was Österreichs Kriminalpolizei auch über deutsche Blutdoping-Kunden aus dem Sumpf ans Licht fördert. "Und dann", sagt sie, "interessieren sich bestimmt auch die deutschen Ermittler dafür."