Doping-Debatte Dopen kann tödlich sein

Diskuswerfer Robert Harting fragt sich, ob es nicht besser wäre, Doping in irgendeiner Form zu erlauben. Immer wieder gibt es diese Debatte, doch der Vorschlag ist und bleibt inakzeptabel.

Ein Kommentar von Thomas Hahn

Falls jemand eine hinführende Debatte zur Leichtathletik-WM in Berlin vermisst haben sollte neben den ganzen Fanfarengesängen auf den Leistungsaufschwung der Sportler im gastgebenden Verband DLV - hier ist sie: Robert Harting, WM-Zweiter im Diskuswurf, Schüler des früheren DDR-Doping-Vollstreckers Werner Goldmann, findet den Anti-Doping-Kampf aussichtslos, weshalb er sich manchmal frage, "ob es nicht besser wäre, Doping in irgendeiner Form zu erlauben".

Glückwunsch, das musste nochmal gehört werden aus deutschem Athletenmund, sonst wäre fast der Eindruck entstanden, alle Aktiven stünden kompromisslos hinter der strengen Anti-Doping-Haltung ihres DLV. Und der Erfolg wird nicht schmäler durch den Versuch des Sportdirektors Mallow, Harting zu verteidigen. Er meine doch nur, dass es keine Chancengleichheit gebe. Ach so? Sagt Harting nicht eher, dass Doping schon okay sei?

DDR als abschreckendes Beispiel

Es ist nicht zu ertragen, dass manche Halbdenker die Freigabe der künstlichen Leistungssteigerung im Sport immer noch als Lösungsansatz gegen die Muskelmast anbieten. Als hätte die Geschichte nicht längst gelehrt, wohin es führt, wenn Sportsysteme, kommerzielle Chemiepantscher und Athleten sich vor der Dopingfahndung sicher fühlen: Hinter den Mauern der DDR bekamen schon Minderjährige Anabolika - mit bösen gesundheitlichen Folgen. Im Westen brillierten Privatsportler in der Disziplin Tabletteneinwurf, bis ihr Herz nicht mehr funktionierte, und erfahrenen Sportmedizinern entglitten ihre Gedopten auch mal aus Versehen ins Jenseits.

Im Ausdauersport der neunziger Jahre war das Blutdopingmittel Epo de facto frei, weil noch nicht nachweisbar. Die Folge: so sauerstoffsattes Blut bei Elite-Sportlern, dass es deren Adern zu verstopfen drohte und besorgte Mediziner Hämoglobin-Grenzwerte einführten, um die Erfolgsjäger vor sich selbst zu schützen.

Anstand und Moral

Vielen ist die Moral als Argument gegen den Sportbetrug zu weich, weil sie es irgendwie spießig finden, Anstand von einer Leistungsgesellschaft zu verlangen. Viele verstehen auch nicht, dass der Sport seine Bestimmung verrät, wenn die Wettkämpfer nicht mehr ihre natürlichen Kräfte vergleichen, sondern die Wirkung ihrer Hausapotheken. Aber zumindest das müssten die Freunde der Freigabe doch begreifen: Dopen kann tödlich sein, erst recht das Wettdopen eines regellosen Unterhaltungssports.

Eltern könnten ihre Kinder nicht mehr in den Verein schicken, ohne Angst zu haben, dass sie irgendein Trainer dort für dopenswerte Talente hält. Nach der Freigabe des Dopings gäbe es keinen Leistungssport mehr. Nur noch eine Spektakelindustrie der Menschenzucht, in welcher der nachdenkliche Meister Harting erst recht keine Chance mehr hätte - sofern er wirklich so sauber bleiben wollte, wie er jetzt angeblich ist.

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