Ein Kommentar von Hans Leyendecker

Wann ist Doping systematisch, wann sollte das Fernsehen aus der Berichterstattung aussteigen? Eine Systemfrage und das Fernsehen.

Das Fremdwort "System" bezeichnet eine Ordnung, nach der etwas organisiert, aufgebaut wird. Das Adjektiv "systematisch" bedeutet, dass nach einem System vorgegangen wird. Was aber meinte ein ARD-Sprecher, als er nach den jüngsten Dopingfällen bei der Tour de France erklärte, ein "Ausstieg aus der Liveübertragung" käme nur "in Frage, wenn ein System hinter den Dopingfällen erkennbar" sei? Den Einzelfall, der die Öffentlich-Rechtlichen aus dem Sattel steigen ließe, könne er "nicht vorhersagen", sagte ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender. "Es wäre aber bei einem systematischen Doping der Fall." Also, "wenn das System der Tour dies mitbedingt."

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Ist System, wenn Einzelne systematisch dopen (wie viele müssen es dann genau sein?) oder gilt die Lehre auch, wenn größere Einheiten (wie Mannschaften beispielsweise) unsystematisch illegal aufrüsten? Es gibt auch noch eine öffentlich-rechtliche Systemtheorie, nach der auch der Veranstalter mit drinstecken müsse, also Teil des Systems sei. Das macht, streng theoretisch, auch Sinn, denn das Fremdwort geht auf das griechische systema zurück: also "das aus mehreren Teilen zusammengesetzte und gegliederte Ganze".

Systematisch und weitgehend in alten Bahnen mäandert in diesen Tagen die Diskussion, ob das Erste und das Zweite bei der Tour aussteigen (wie 2007 nach dem Bekanntwerden des Dopingfalles Patrik Sinkewitz) oder (wie sonst fast immer) weitersenden sollen. Erstaunlicherweise tun Vertreter beider Lager so, als gebe es irgendeine neue Wahrheit.

Die Befürworter des Ausstiegs halten es für einen Skandal, wenn das Fernsehen, anders übrigens als Zeitungen und Zeitschriften, für die Übertragung eines Sportereignisses mit Junkies auf zwei Rädern Geld zahle und somit den Betrug indirekt unterstütze. Wie lange noch wollten ARD und ZDF "neben ihren überflüssigen stundenlangen Übertragungen die ausufernden Jubel-Etappenberichte in der Tagesschau rechtfertigen?" fragte jüngst ein phänotypischer Kritiker im Tagesspiegel. Das Fernsehen sei quasi Teil der Verwertungskette.

Der Anhänger der Lehre vom Noch-Weitersenden, Brender, verweist darauf, die Organisatoren würden diesmal alles tun, um Doping zu verhindern. Es wäre ein Fehler auszusteigen, wenn Erfolge sichtbar würden.

Anders als beim ZDF gibt es in der föderalistischen ARD noch ein Spezialproblem: Der kleine Saarländische Rundfunk, intern "Speichensender" genannt, hätte mindestens einen Plattfuß, falls sich das Erste ganz von der Tour und anderen Radsportereignissen verabschieden würde. Dann bleibt den Saarbrückern nicht mal mehr ein Einrad. Im Herbst wollen ARD und ZDF neu darüber entscheiden, ob sie auch in den kommenden Jahren Live-Bilder von der Tour de France senden wollen.

"Im Moment ist die Tendenz, dass wir es wohl tun werden", sagte am Wochenende ein ARD-Mann. Und der Zuschauer? Nach der Etappe am Samstag juxte der ehemalige Doper Erik Zabel: "Radsport ist ein schöner Sport, wenn man im Fernsehen zuschauen kann".

Mal mehr, mal weniger schauen diesmal zu. Nur eins steht fest: Gedopt wird immer. Auch mal mehr, mal weniger.

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(SZ vom 21.7.2008/jüsc)