Von Ein Kommentar von Klaus Hoeltzenbein

Das System bot vielen die Chance, Millionär zu werden. Wer den Radsport reanimieren will, muss jetzt Methoden anwenden, wie man sie aus dem Kampf gegen den Waffen- oder Drogenhandel kennt.

Wer versucht, auch nur einen letzten Rest von Verständnis aufzubringen für jene, die gerade die Tour de France zugrunde dopen, der muss der Karawane folgende einfache Frage stellen: Warum tut ihr das? Warum zum Beispiel injizierte Winokurow fremdes Blut? Er hätte der Held seiner Heimat Kasachstan bleiben können, vielleicht ein Denkmal in der Retortenhauptstadt Astana bekommen, hätte er es auf sauberem Wege versucht.

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Warum war Rasmussen, der Däne, der die Tour anführt, nicht da, wenn die Kontrolleure klingelten? Sein Leben lang hätte er als Tour-Sieger ein Auskommen gehabt; um das zu erreichen, hat er sich diese bulimisch wirkende, asketische Bergfahrer-Figur zugelegt, die perfekt designed wirkt für die Strapazen in der Höhe, so, als sei sie am Reißbrett entworfen und im Reagenzglas gezüchtet worden.

Oder Arztsohn Jörg Jaksche, der geständige Deutsche, der am Ende ,,nur noch den Arm hinhielt'', ohne genau zu wissen, was ihm die Frankensteins des Sports gerade wieder in den Kreislauf hineinpumpten - oder herauszogen. Jaksche wie sein bei der Tour mit horrendem Testosteron-Spiegel ertappter Landsmann Patrik Sinkewitz kommen aus deutschen Mittelstandsfamilien; soziale Not war nicht der Antrieb zum Sportbetrug.

Fahrer unterzogen sich medizinischen Versuchen

Anders als bei vielen anderen, die im globalen Sport eine Chance, vielleicht ihre einzige Lebenschance auf ein bisschen Wohlstand sehen. So unterschiedliche Typen wie Jaksche, Sinkewitz, Winokurow und Rasmussen fanden zusammen in einem geschlossenen System, das die Manipulation verinnerlicht hat. Sie unterzogen sich medizinischen Feldversuchen im Bewusstsein, dass diese todbringend sein könnten, im günstigeren Falle nur die Lebenserwartung verkürzen würden.

Warum sie das taten? Am Anfang ihrer Karriere als Doper stand zunächst die kindliche Freude an der Bewegung, an der ersten Qual am kleinen Hügel, an noch bescheidenen Erfolgen. Wer das erlebt, will meist mehr, sucht sich Vorbilder wie Jan Ullrich und träumt den Traum von der Tour. Dort angekommen, erwartete den Begabten eine Rundfahrt, die seit Gründung 1903 stolz darauf war, Tour der Leiden genannt zu werden.

Sie führte anfangs Tagesetappen von mehr als 400 Kilometer im Programm und Berge, auf denen die Straßen nicht asphaltiert waren und die Wölfe heulten. Es sollte die härteste Prüfung des menschlichen Körpers sein, doch schon die zweite Tour 1904 zeigte, dass der Mensch zum Tricksen neigt, sobald er sich überfordert fühlt: Die ersten vier des Gesamtklassements wurden disqualifiziert - sie hatten die Eisenbahn benutzt.

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