Doping-Aufarbeitung Ministerin setzt Uni Freiburg unter Druck

Die Doping-Vergangenheit der Sportmedizin in Freiburg soll aufgeklärt werden, doch der Senat der Universität sträubt sich gegen eine gründliche Untersuchung. Nun schaltet sich die Landesregierung ein.

Von Thomas Kistner

Im offenen Streit mit ihrer unabhängigen Doping-Aufklärungskommission, der sich um die Sicherung heikler Ermittlungen dreht, gerät die Universität Freiburg unter Druck. Baden-Württembergs Wissenschaftsministerin Theresia Bauer teilte der SZ mit: "Für die Landesregierung ( . . . ) war und ist oberste Priorität, dass die Aufklärung gründlich erfolgt und die Ergebnisse zu Papier gebracht und öffentlich zugänglich gemacht werden." Zudem stellt sie klar: "Neu zur Verfügung gestellte Akten müssen bei der Zeitplanung selbstverständlich berücksichtigt werden." Damit unterstützt Bauer die Kommission, die eine fortgesetzte Behinderung ihrer Arbeit durch die Uni beklagt - und erst vor Tagen ein bereits im April 2012 angefragtes Konvolut der Stadt Freiburg erhalten hat. Allein diese Akten umfassen 18 000 Seiten.

Die Uni will nur vorhandene Erkenntnisse "sichern", doch viel Material ist noch ganz neu

Am Mittwoch hatte der Uni-Senat die Forscher unter der Kriminologin Letizia Paoli aufgefordert, die Arbeit "unverzüglich zu Ende" zu führen. Die Kommission wehrt sich dagegen - weil, so ihr jüngster Appell, damit "die Aufklärung der Doping-Vergangenheit in Freiburg massiv gefährdet" wäre. Viele noch offene Gutachten, so die Argumentation der Kommission, könnten im aktuellen "Zustand nicht veröffentlicht werden"; auch sei "völlig ausgeschlossen, dass rund 100 Zeitzeugenberichte wegen des Persönlichkeitsrechts und einer Geheimhaltungszusage übergeben werden" dürften. Sie müssten ebenso wie "jeder Bezug darauf" in den Gutachten gelöscht werden.

Die Uni hatte am Mittwoch mit Aussagen das Misstrauen der Forscher bestärkt. Rektor Hans-Jochen Schiewer sagte, es sei "in dieser Allgemeinheit unzutreffend", dass unveröffentlichte Daten der Kommission gelöscht werden müssten. Doch ist die Frage ja nicht, ob pauschal alles gelöscht werden müsste - die Prüfer fürchten die Vernichtung wesentlicher Erkenntnisse, an deren Auswertung sie sitzen. Dass das Material nicht unveröffentlicht anderen Stellen ausgehändigt werden dürfe, besagen drei von der Uni bestellte Rechtsgutachten.

Setzt die Universität Freiburg in Sachen Doping-Aufklärung zunehmend unter Druck: Baden-Würrtembergs Wissenschaftsministerin Theresia Bauer.

(Foto: Bernd Weissbrod/dpa)

Ins Bild passt die Senats-Erklärung. Darin heißt es, die Arbeit müsse nun "im Rahmen des gesetzlich Zulässigen unverzüglich zu Ende geführt" werden; es seien "die bisherigen Ergebnisse der Kommissionsarbeit zu sichern und einem Abschlussbericht zuzuführen". Das "gesetzlich Zulässige" regeln nach Lage der Dinge die Gutachten der Uni - zur Löschungspflicht. Und die zu sichernden "bisherigen Ergebnisse" umfassen gerade nicht das neue Wissen um die Kernfiguren der Breisgauer Sportmedizin, Joseph Keul und Armin Klümper. Allein um das Wirken des letzteren drehen sich die 18 000 Seiten, die die Kommission jetzt erhielt.

Erneut beklagen die Forscher, die Uni habe sich nie "sachlich mit der Behinderung der Kommissionsarbeit auseinandergesetzt". Dabei liegen ihr zwei rund 300 Seiten starke Beschwerde-Kataloge vor, die auch genau dokumentieren, wie Geschäftsakten von Chefarzt Keul jahrelang privat bei einer Justiziarin lagerten.

Ministerin Bauer will beide Seiten an einen Tisch laden, schlägt Termine im Dezember vor. Doch Paoli will erst allein vorsprechen. Nach dem ersten Schlichtungsversuch im Herbst 2013 war ihr Draht zur Uni-Spitze ganz abgerissen; kontaktiert wurden seitdem nur noch andere Kommissionsmitglieder.