Nach den jüngsten Dopingfällen erneuert Bayerns Justizministerin Merk die Forderung nach einem Straftatbestand "Sportbetrug". Die Verbände unterstützen indes die gesperrte Pechstein.
Der Dopingfall Claudia Pechstein lässt die Diskussion über einen Straftatbestand "Sportbetrug" wieder aufleben. "Ich möchte, dass Doping unter Strafe steht", forderte die bayerische Justizministerin Beate Merk (CSU). Mit den bisherigen Gesetzen, die auf dem Arzneimittelgesetz fußen, könnten die Staatsanwaltschaften nicht systematisch gegen Doping vorgehen, weil allein der Fund eines unerlaubten Mittels im Körper eines Sportlers nicht ausreicht, um Ermittlungen einzuleiten.
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Der Dopingfall Claudia Pechstein sorgt auch für neue Vorstöße der Politik in der Doping-Bekämpfung. (© Foto: dpa)
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Die Eisschnellläuferin Claudia Pechstein, mit fünf Gold- zwei Silber- und zwei Bronzemedaillen die erfolgreichste deutsche Winter-Olympionikin, wurde am Freitag von der Internationalen Eislaufunion ISU wegen Blutdopings für zwei Jahre gesperrt. Dabei ist Pechstein nicht positiv getestet worden, sie ist die erste Athletin, die aufgrunde eines über Jahre beobachteten Blutprofils per Indizienbeweis sanktioniert wurde.
Seit kurzem liegt der deutsche Reitsport in Trümmern, als ein Pferd der Dressur-Olympiasiegerin Isabell Werth positiv auf ein verbotenes Mittel getestet wurde, davor trudelten die Handballer durch die Affäre um die Schiedsrichter-Manipulationen von Dauermeister THW Kiel. Und zuletzt forderte Peter Limacher, Leiter der Disziplinarabteilung bei der Europäischen Fußballunion Uefa und zuständig für die Bekämpfung von Spielmanipulationen durch Wettbetrug, in einem Interview mit sueddeutsche.de ebenfalls den Tatbestand "Sportbetrug" im Strafgesetzbuch. "So ein Gesetz wäre ein großer Fortschritt", sagte Limacher. Schließlich könne ein Sportverband nicht gegen das organisierte Verbrechen vorgehen.
"Das ist eine neue Bedrohungslage für den Sport insgesamt", sagte Justizministerin Merk am Rande der deutschen Leichtathletik-Meisterschaften in Ulm. Die Manipulationsversuche würden an den Grundfesten des Sports rütteln.
Merk beklagt schon lange, dass deutsche Behörden beim Thema Doping nur in seltenen Fällen beim Sportler ansetzen dürfen. Bislang muss die Justiz dem Athleten nachweisen, "nicht geringe Mengen" zu besitzen oder damit Handel zu treiben. Kritiker beklagen, dass so auch die Möglichkeiten, an Hintermänner wie Ärzte, Dopingmittelhändler, Manager oder mafiöse Strukturen zu stoßen, sehr begrenzt seien. "Das sind Zufallsfunde", sagte Merk.
Gesetzesentwürfe zum Thema "Sportbetrug" sind im Bundestag bislang allerdings stets zurückgewiesen worden, wobei die CSU-Politikerin Merz ausgerechnet vor allem mit Widerstand aus der Unions-Fraktion zu kämpfen hat". Außerdem wehren sich einige Sportverbände, allen voran der Deutsche Olympische Sportbund, bislang wirksam gegen ein neues Gesetz. "Es ist deutlich, dass dies nicht von allen gewünscht wird", bedauerte Merk.
Verbände stehen hinter Pechstein
In den prominenten Fällen Pechstein und Werth sieht die bayerische Ministerin offenbar neues Druckmittel. Häufig hatte Merk die Gewissheit formuliert, dass aufsehenerregende Fälle zwangsläufig in ein Gesetz münden würden. Sollte sich dies bewahrheiten, wäre das auch ein persönlicher Erfolg für Beate Merk.
Dabei wird sich im Fall Pechstein erst noch zeigen, ob es sich hier überhaupt um einen sportjuristisch strafbaren Dopingfall handelt. Pechstein wurde durch ein Programm überführt, in dem regelmäßig Blut- und Urinproben gesammelt werden. Dabei geht es nicht nur darum, Dopingsünder direkt zu überführen. Aus dem über einen längeren Zeitraum erstellten Blutprofil lässt sich auch schließen, ob ein Athlet getrickst hat, indem er sich eigenes Blut abnehmen und mit illegalen Methoden behandeln ließ.
Während sich der internationale Eisschnelllauf-Verband offenbar sehr sicher sein muss, anhand der Werte Pechstein einerseits überführt zu haben und anderseits auch bei einem etwaigen Rechtsstreit zu bestehen, stellen sich die deutschen Verbände sogleich auf die Seite der Athletin. Der DOSB sei bestürzt über die Sperre, teilte das Präsidium mit, die Beweiskraft der Indizien werde "von namhaften Sachverständigen bezweifelt". Die Deutsche Eisschnelllauf-Gemeinschaft (DESG) äußerte sich ähnlich und besteht auf der Unschuldsvermutung.
Beate Merk hat in den zurückliegenden Kämpfen scheinbar so viel gelernt, als dass sie gegen die Front der Sportverbände ein neues Gesetz "Sportbetrug" nicht durchsetzen kann. Deshalb beendete sie ihr Plädoyer in Ulm mit der Anmerkung, sie wolle "nicht polemisieren, sondern motivieren", die Glaubwürdigkeit des Sports durch ein neues Gesetz zu festigen. Die Vorkommnisse in den vergangenen Tagen könnten da durchaus behilflich sein.
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