Donezk-Trainer Mircea Lucescu Verschmitzte Ära

Der Rumäne Mircea Lucescu, 69, ist seit 2004 Trainer von Schachtjor Donezk. Seinen Spielern empfiehlt er: "Geht lieber ins Theater als ins Restaurant."

(Foto: Sergei Supinsky/AFP)

Er spricht sechs Sprachen, rät seinen Profis zu Theaterbesuchen - und will bei Auslandsreisen keine Frauen an Bord haben. Mircea Lucescu ist ein ungewöhnlicher Trainer. Doch an einem Ort wie Donzek braucht es solche Typen.

Von Johannes Aumüller, Lwiw

Mircea Lucescu verreist gerne, aber bisweilen haben seine Urlaubstrips für ihn nervige Folgen. An Weihnachten war er in seinem Heimatland Rumänien - schon hieß es überall, dass er bald die dortige Nationalelf übernehme, so wie Anfang und Mitte der Achtzigerjahre schon mal. Als er mit seiner Frau für ein Wochenende nach Istanbul flog, freuten sich die türkischen Medien, dass Lucescu nun endlich wieder bei Galatasaray oder Beşiktaş anheuere, mit denen er früher schon mal Titel gewann. Ganz ähnlich war auch die Reaktion nach einem kurzen Italien-Aufenthalt. Nur die Tage in Paris, die konnte Lucescu ganz offenkundig genießen, ohne gleich als neuer Übungsleiter von Paris St. Germain zu gelten.

Mircea Lucescu ist ein ungewöhnlicher Typ auf dem Trainermarkt. In Westeuropas Fußball haben ihn viele gar nicht so sehr im Fokus, dabei ist er nun schon seit mehr als 30 Jahren ziemlich erfolgreich im Geschäft. Seit 2004 coacht er Schachtjor Donezk, von den aktuellen Champions-League-Trainern kann einzig Arsenals Arsène Wenger auf eine noch längere Ära bei einem Klub zurückblicken. Der FC Bayern, der an diesem Dienstag in Lwiw (Lemberg) sein Achtelfinal-Hinspiel der Champions League gegen Donezk bestreitet, hat in dieser Zeit sechs Mal den Trainer gewechselt, Real Madrid neun Mal und Schachtjors ewiger ukrainischer Rivale Dynamo Kiew sogar zehn Mal. Aber bei den schwarz-orangenen Gornjaki aus dem Donbass, da ist immer noch dieser unverwüstliche Mircea Lucescu, 69, im Amt.

Es ist einerseits ein angenehmes Leben gewesen, das er all die Jahre in Donezk verbracht hat. Der Oligarch Rinat Achmetow, lange mit einem Vermögen im zweistelligen Milliarden-Euro-Bereich der reichste Mann des Landes, wollte partout den Aufstieg seiner Mannschaft in die europäische Belletage - und investierte Hunderte Millionen.

Wenn es um mehr als nur Fußball geht

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Für brasilianische Feinfüße wie Angreifer Luiz Adriano, der aktuell mit neun Treffern die Torschützenliste der Königsklasse vor Lionel Messi anführt; für robuste osteuropäische Handwerker in der Defensive wie den kroatischen Kapitän Darijo Srna, der schon in Lucescus erstem Donezker Jahr dort spielte; aber auch in eine Nachwuchsakademie, in der niederländische Spezialisten neue ukrainische Talente aufbauen sollen. Auch Lucescu selbst profitiert von der Großzügigkeit des Oligarchen, drei bis vier Millionen Euro pro Jahr beträgt das Entgelt angeblich.

Bei solchen Bedingungen ist es natürlich leichter, Erfolge anzuhäufen - neun nationale Titel sowie den Uefa-Pokal 2009. Andererseits haben in Europas oligarchenreichem Osten schon viele Experten Millionen verpulvern dürfen, ohne dass eine Erfolgsgeschichte wie bei Schachtjor die Folge war. Bei Donezk haben sich vor Lucescu der Italiener Nevio Scala und der Deutsche Bernd Schuster versucht - doch da war jeweils schnell wieder Schluss.