Dieter Hoeneß, der neue Chef beim VfL Wolfsburg, über Manager-Tugenden, Ziele eines Weltkonzerns und BWL in der Metzgerei.
SZ: Herr Hoeneß, eigentlich wollten Sie jetzt beim Skifahren, beim Golfen in Südafrika oder in Ihrem Atelier sein, um sich Ihrem Hobby Malen zu widmen. So hatten Sie es nach Ihrem Abschied aus Berlin im Sommer angekündigt.
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Ein Gesicht für Wolfsburg: Der VfL suchte einen Mann, der wahrgenommen wird und sich durchsetzen kann - Dieter Hoeneß war dieser Mann. (© Foto: Getty)
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Hoeneß: Bis auf das Malen habe ich alles gemacht. Ich habe die Zeit genutzt, um in vielerlei Hinsicht wieder fit zu werden - Sport zu machen, den Kopf frei zu bekommen, auch banale Dinge zu erledigen wie Vorsorge-Untersuchungen. Das ist auch wichtig, um wieder Gas geben zu können. Nach 13 Jahren als Manager bei Hertha BSC mit Haut und Haaren war es nötig, das Kapitel abzuschließen, um ein neues anzufangen. Ich habe mir fast die geplanten sechs Monate Zeit genommen.
SZ: Sie waren auch beim VfB Stuttgart und beim Hamburger SV im Gespräch. Hat die Liga verstanden, dass sie auf ein Manager-Schwergewicht wie Dieter Hoeneß nicht verzichten sollte?
Hoeneß: Es gab die eine oder andere Option, aber mehr möchte ich dazu nicht sagen. Ich habe mich für den VfL Wolfsburg entschieden, weil dies ein Klub mit enormer Perspektive ist, der bereits über hervorragende Strukturen verfügt, aber auch Gestaltungsspielraum hat. Und durch den Gesellschafter VW sind Mittel vorhanden, um diesen Spielraum zu nutzen. Was die Vereine bewogen hat, an mich heranzutreten, kann ich nicht beurteilen; ich vermute, dass sie gesehen haben, was ich vorher geleistet habe.
SZ: Was der VW-Konzern in Ihnen gesucht hat, wissen Sie doch genauer.
Hoeneß: Es liegt auf der Hand, dass VW mit dem VfL Wolfsburg einiges vorhat. Man will bleibende Strukturen, Nachhaltigkeit. Vielleicht anders als zuletzt, als kurzfristig phantastischer Erfolg da war, dann aber die Strukturen wegbrachen, weil Felix Magath mitsamt seinem Stab zu Schalke 04 gegangen ist.
SZ: Nach der Meisterschaft, die Magath als Teammanager nach englischem Vorbild erreicht hat, mit allen Kompetenzen also, hätte sich dieses Modell auch in der Bundesliga durchsetzen können. Jetzt hat sogar der VfL wieder ganz klassisch einen Manager und einen Trainer.
Hoeneß: Ich will nicht in den Verdacht kommen, Felix Magath diesen großartigen Erfolg streitig zu machen. Aber Fakt ist: Der Erfolg war da, aber die Struktur hat er mitgenommen. Aus Vereinssicht brauche ich jedoch Nachhaltigkeit, das geht mit diesem Modell in Einzelfällen, wenn jemand zehn, zwanzig Jahre im gleichen Klub bleibt wie Alex Ferguson in Manchester. In den meisten Fällen verschlingt es bloß irrsinnig viel Geld, weil man nach jedem Wechsel die Strukturen wieder neu aufbauen muss. Auch das ist der Grund, warum die englische Liga trotz höherer Einnahmen fünfmal so hoch verschuldet ist wie die Bundesliga.
SZ: In den Archiven liest man über Sie immer wieder: Patriarch, Regent, absolutistischer Herrscher. In Wolfsburg treffen Sie auf andere starke Persönlichkeiten: VW-Chef Martin Winterkorn, VfL-Aufsichtsratschef Francisco Garcia Sanz, VW-Weltbetriebsratschef Bernd Osterloh oder auch VW-Kommunikationsdirektor Stephan Grühsem, der nach wie vor als einer der Nachfolger Ihres Bruders Uli beim FC Bayern im Gespräch ist. Zu starke Egos auf zu engem Raum?
Hoeneß: Mit Persönlichkeiten zu arbeiten, war wirklich noch nie mein Problem. Die genannten Personen waren mit ihrer Power und Begeisterungsfähigkeit mit ausschlaggebend für meine Entscheidung. Und vieles ist doch Klischee, jeder hat eben so seine Art. Wenn ich einen Raum betrete, dann bin ich auch da. Die Wahl ist auch deshalb auf mich gefallen. Weil man ein Gesicht für den Verein wollte, jemanden, der wahrgenommen wird und sich durchsetzen kann. Ein Trainer kann das nicht leisten, er hat andere Aufgaben und mit dem Team genug zu tun.
SZ: Derzeit ist Wolfsburg Achter, das ist sicher zu wenig für den Klub. Welche Ziele haben Sie für diese Saison - und welche auf längere Frist?
Hoeneß: Ich bin Realist. So schwer es werden wird: Wir wollen versuchen, die sechs Punkte zum fünften Platz noch aufzuholen. Man wird dazu wohl 58 Punkte brauchen, wir haben jetzt 24, müssen also rund 34 in der Rückrunde machen.
SZ: Der Trainer Armin Veh hatte schon zu Beginn der Saison gesagt, Platz fünf wäre ein Erfolg. Das galt vielen als unambitioniert; VW hat den Anspruch, in der Champions League zu spielen. Liegt in diesen - durch die Meisterschaft hochgeschraubten - Erwartungen der Konflikt der Zukunft beim VfL?
Hoeneß: Das sehe ich nicht. Es ist sicher wichtig, zu verstehen, dass die VW-Leute, die hier ja nicht nur Geld, sondern auch Engagement investieren, Erwartungen haben. Die muss man in ein richtiges Verhältnis setzen. Im Moment sage ich: Das Erreichen der Europa League wäre ein tolles Ergebnis. Unser Ziel muss es sein, dauerhaft in der Spitzengruppe zu spielen, also unter den ersten Sechs.
SZ: Sie sind beim VfL Vorsitzender der Geschäftsführung - was heißt das konkret? Wer entscheidet über Transfers?
Hoeneß: Die Geschäftsführung. Wenn der Trainer deren Mitglied ist, wie Armin Veh in Wolfsburg, ist er da sowieso dabei. Aber unabhängig davon ist es logisch, dass man die Personalplanung engstmöglich mit dem Trainer abstimmt. Wenn es unterschiedliche Auffassungen gibt, muss man die ausdiskutieren.
SZ: Und wer hat das letzte Wort, wenn es darum geht, den Trainer zu entlassen?
Hoeneß: Darüber werde ich mir im Moment sicher keine Gedanken machen.
SZ: Bei Hertha sind Sie jahrelang 20 Minuten vor Schluss von der Tribüne auf die Bank gewechselt. Ein "albernes Ritual", wie der Spiegel fand. Droht Armin Veh jetzt auch der Sitznachbar Hoeneß?
Hoeneß: Zuletzt saß ich in Berlin auf der Tribüne. Und albern oder nicht: Es hat ja keinem geschadet. In Wolfsburg wollte ich eigentlich auf der Tribüne sitzen, der Armin hätte mich aber gerne an seiner Seite. Also mache ich das.
SZ: Ein Satz von Armin Veh hängt in der Luft aus der Phase, als die Verhandlungen mit Ihnen noch hinter seinem Rücken liefen: Würde man Sie holen, sagte Veh, hätte er "die Hose unten". Wie ziehen Sie ihm die Hose wieder hoch?
Hoeneß: Das haben wir schon geschafft. Es war mir wichtig, bevor ich zusage, mit ihm ein persönliches Gespräch zu führen. Um zu klären, dass von einer Beschädigung seiner Person keine Rede sein kann. Zumal Armin Veh ja schon früh zum Aufsichtsrats-Chef Garcia Sanz gesagt hatte: Auf Sicht gesehen müssen wir jemanden holen, der mir in der Geschäftsführung den Rücken frei hält. Er hatte nur ein Problem mit dem Zeitpunkt: Wenn du nicht genug Punkte hast, wirkt das immer wie eine Demontage. Diesen Zahn wollte ich ihm ziehen - die Frage ist, wie wir das darstellen, und wie wir dann zusammenarbeiten.
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