Hamit Altintop über Verletzungssorgen, Teamarbeit und warum die Türken nicht mit den Griechen von 2004 zu vergleichen sind.
Stadtteil Favoriten, Heimat der Veilchen. Oder der Violetten, wie der FK Austria auch genannt wird. Es ist ein bisschen unwirtlich beim Wiener Traditionsklub, das Stadion wird auf ein Fassungsvermögen von 12.500 Zuschauern ausgebaut. War in der Vorrunde noch alles Planung bei dieser EM, so ist jetzt vieles Improvisation. Die Mannschaft der Türkei hat sich entschlossen, noch kurz in Wien zu bleiben, bevor sie zum Halbfinale gegen die Deutschen nach Basel aufbricht. Rund 1000 Türken haben mitbekommen, dass ihre Auswahl in Favoriten trainiert, sie bleiben zwar beim Training ausgesperrt, rufen aber unermüdlich die Namen ihrer Helden: "Rüstü! Rüstü!" oder "Hamit! Hamit!". Hamit Altintop, 25, der in Gelsenkirchen geboren wurde und für den FC Bayern spielt, ist gefragt bei dieser EM. Es kommt zu einem kurzen Pressegespräch vor der Matthias-Sindelar-Tribüne. Als Österreichs Fußball noch groß war, war Sindelar - wegen seiner körperlosen Spielweise nur "Der Papierene" genannt - ein dribbelnder Held der Wiener Austria. Vielleicht hat Sindelar (geboren 1903, verstorben 1939) gelauscht bei diesem kurzen Zaungespräch über all die Dinge, über die heutzutage vor einem großen Spiel unbedingt geredet werden muss.
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Der türkische Nationalspieler Hamit Altintop spielt in der Bundesliga beim FC Bayern München. (© Foto: AP)
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Frage: Herr Altintop, wie sehen Sie die Chancen der Türkei am Mittwoch?
Hamit Altintop: Klar, Deutschland ist Favorit, aber wenn wir da weitermachen können, wo wir aufgehört haben, werden wir eine gute Mannschaft aufs Feld schicken. Wir sind vielleicht spielerisch einen Tick besser, die Deutschen haben vielleicht die einen Tick bessere Defensive.
Frage: Wie haben Sie die Deutschen bisher im Turnier erlebt?
Altintop: Gegen die Kroaten hatten sie einen schwachen Tag, aber den hat man nun einmal. Gegen Österreich haben sie das Nötige gemacht, aber das ist das Entscheidende. Gegen Polen, gegen Portugal haben sie überzeugt. Wer Portugal schlägt, ist auf einem guten Weg.
Frage: Welchen Spielverlauf erwarten Sie für das Halbfinale?
Altintop: Ich glaube nicht, dass die Deutschen richtig offensiven Fußball spielen werden. Das wird so ein langsames Angehen, und dann entwickelt sich das. Man kann erst im Spiel prüfen, welche Tagesform man hat. Wenn unser Kollektiv wieder stimmt, können wir auch gegen die Deutschen gewinnen.
Frage: Trauen Sie den Türken zu, das zu wiederholen, was den Griechen 2004 gelang: die Etablierten des Fußballs mit dem Titelgewinn zu überraschen?
Altintop: Der Fußball, den die Griechen gespielt haben, war nicht so schön anzusehen. Bei dem, was wir machen, da ist ja alles dabei: Da ist Euphorie, da ist Spielwitz, da ist Spannung. Aber wir würden uns sehr, sehr freuen, wenn es jetzt ein zweites Griechenland gibt.
Frage: Ihr Kollektiv ist geschwächt. Die Türkei hat viele verletzte und gesperrte Spieler. Können Sie für Basel überhaupt eine komplette Elf bilden?
Altintop: Keine Sorge, wir werden komplett sein. Klar ist es schade, dass Arda und Tuncay gesperrt sind, aber wir haben andere, die man noch nicht so gut kennt. Und diese Jungs brennen.
Frage: Warum hat die Türkei so viele Verletzte?
Altintop: Gute Frage. Nächste Frage... Ich kann nur sagen: Egal wie viele Verletzte und wie viele Gesperrte wir haben, ich glaube fest, dass wir ins Endspiel kommen. Wenn wir das umsetzen, was der Trainer von uns erwartet, bin ich sehr, sehr optimistisch.
Frage: Ein Wort zu Ihrem Trainer, Fatih Terim. Ein kurioser Typ, oder?
Altintop: Er ist außergewöhnlich. Er ist schwierig, ja, das kann ich sagen...
Frage: Warum?
Altintop: Er ist einfach anders. Und man kann ihn leicht falsch verstehen. Aber er spricht immer Klartext, er hat ein Riesenherz. Ich glaube, dass man mit ihm reden kann, dass er tolerant ist. Vor allem ist er ein guter Trainer, er hat Erfolge, er hat einiges gesehen, er war beim AC Mailand. Es tut uns gut, dass wir einen Mann haben, der weiß, worauf es ankommt. Auch wenn seine Entscheidungen nicht immer von allen verstanden werden (Anm. d. Red: Hamits Zwillingsbruder Halil wurde kurz vor dem Turnier aus dem Kader gestrichen), er zieht sein Ding durch. Und so muss es sein.
Auf der nächsten Seite: Wie sich Altintop seine gute Form erklärt - und welches Signal vom Spiel Deutschland gegen die Türkei ausgehen soll.
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sie waren auch die einzigen während der tumulte gegen die schweizer (2005) die fair geblieben sind. respekt!
brennt auch schon mal.
Schon bei den EM-Interviews mit Hamit Altintop ist mir mehrfach aufgefallen, wie treffend seine Analysen ausfielen, wie sympathisch er mit den Ereignissen umging und wie angenehm zurückhaltend sein Auftreten war.
Den Interviewer muss man allerdings in der Tat fragen, welche Spiele er von Hamit Altintop gesehen hat. Er war für mich DIE Überraschung im neuen Kader der Bayern und hatte sich bis zu seiner Verletzungspause nicht umsonst als Stammspieler etabliert.
Natürlich drücke ich der deutschen Mannschaft morgen im Halbfinale die Daumen. Aber Hamit Altintop würde ich im Falle einer Niederlage unserer Jungs den Einzug ins Finale von Herzen gönnen.