Begeisterung auf den Rängen wohin man blickt - aber warum eigentlich? Am Fußball kann es jedenfalls nicht liegen.
Ein Jammer, das mit Brasilien und England. Der alte Beckham fehlt ja wirklich im nostalgischen Kreis der Halbfinalisten, dazu Cafu, Ronaldo, Roberto Carlos.
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Aber auch so entpuppt sich die WM 2006 als Revival der WM 1998 in Frankreich, mit all den alten Namen: Zidane, Vieira, Henry, Thuram aus Frankreich, Nesta, Del Piero, Cannavaro aus Italien, Portugals Figo, bei den Deutschen stehen Klinsmann und Bierhoff am Rasenrand und über allem.
Dazwischen lag eine weitere WM, 2002 in Asien, bei der einer Bester wurde, der vier Jahre zuvor und auch jetzt dabei ist: Olli Kahn. Beruf: Ballfänger. Wem das nichts sagt zu Fußballs Fortentwicklung in den vergangenen acht Jahren, der betrachte die Statistik: Die Torquote des Turniers nähert sich der Minus-Rekordmarke an.
Bräsiges Ballgeschiebe
Wer den Blick über den schwarzrotgolden Fahnenrand erhebt, kann nicht vorbei an der Feststellung: Diese WM ist allmählich erschreckend. Sommerfußball nach dem Motto: Bloß nicht angreifen, wir warten auf die Fehler der anderen. Einer reicht in der Regel.
Bräsiges Ballgeschiebe, deklariert als kontrollierte Offensive, bestimmt das Bild, sechs Tore in vier Viertelfinalspielen gab es, zudem zwei (selbstverständlich torlose) Verlängerungen mit Elfmeterschießen, bei denen es die Verliererteams nicht schafften, die volle Anzahl von fünf Strafstößen auszuführen.
Es ist die WM der Torverweigerer. Unter die letzten Vier schafften es die einzigen Teams, die es wagten, echte Stürmer einzusetzen: Deutschland (Klose), Frankreich (Henry), Italien (Toni). Portugal hatte das Glück, bisher auf Mannschaften zu treffen, die gleichfalls keine brauchbaren Angreifer hatten.
Oder lieber nicht angreifen wollten. Das gilt für die Niederlande, vormals ein Synonym für mitreißenden Angriffsfußball. Trainer van Basten aber zog es diesmal vor, Torjäger van Nistelrooy aus disziplinarischen Gründen draußen zu lassen.
Grandios verdaddelt
Was zum zweiten Kernthema führt: Trainer, die jahrelang auf das Turnier der Turniere hingearbeitet haben, um ihre Chancen dort grandios zu verdaddeln, aus teils unfassbarem personal-politischen Kalkül. Englands Eriksson setzte nur auf Rekonvaleszent Rooney, der leider nie in Tritt kam.
Schlimmer noch die Trainer Argentiniens und Brasiliens, wo es Parreira erst gar nicht wagte, die eherne Hierarchie eines überalterten Kaders aufzulösen. Er gönnte den Denkmälern Ronaldo, Cafu, Emerson und Roberto Carlos therapeutische Aufbauprogramme, was sich beim ersten Härtetest für die Altherren-Selecao rächte.
Ronaldinho aber, als neuer Heilsbringer angekündigt, durfte sich so wenig entfalten wie sein Championssieger-Kollege in Barcelona, das argentinische Wunderkind Messi. Dessen Nationalcoach Pekerman geht gar in die Historie ein als der Mann, der ganz allein einen Sieg ver-coachte. Gegen Deutschland riss er seiner Elf erst das Herzstück raus, Spielmacher Riquelme, und enthielt ihr dann den fulminanten Messi vor. Stattdessen kam Reservist Cruz, 32, eher der Typus Briefbeschwerer.
Es geht bei dieser WM nur um Schadensbegrenzung. Es geht darum, Fehler und Rückstände zu vermeiden. Viel wird wieder erzählt von den Vorzügen der Teambildung, tatsächlich sind es just diese allzu festgefügten Teams, die kompakt jeden Raum zustellen und jedes Angriffsrisiko vermeiden. Den Unterschied machen die letzten Einzelkünstler.
Reanimierte Helden wie Zidane, für den gleich zwei Mann nach hinten schuften, oder Lahm und der wunderbare Klose bei den Deutschen. Dazu die gute Nachricht: Die Gastgeber profitieren bei dieser WM nicht nur von beispiellosen patriotischen Energien, sondern wohl auch davon, dass ihre zuvor belächelte Abwehr ja tatsächlich noch in keiner Partie ernsthaft unter Druck geriet. So besehen, sind die Defizite dieser WM sehr zu begrüßen.
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(SZ vom 4.7.2006)
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