Die Ukraine vor der Fußball-EM Charterflüge zum Campingplatz

Im EM-Gastgeberland Ukraine sind jetzt alle für das Turnier vorgesehenen Stadien eingeweiht - das überdeckt die wahren Probleme der Veranstaltung im kommenden Sommer: Vor allem bei den angekündigten Verbesserungen in der Infrastruktur hängen die Organisatoren deutlich hinterher. Sorgen bereitet außerdem die Situation der Unterkünfte.

Von Johannes Aumüller, Kiew

Das Gefühl für Inszenierungen haben sie in der Ukraine noch nicht verloren. Vor rund einem Monat luden die Organisatoren der Europameisterschaft zur großen Eröffnungsfeier des Kiewer Stadions, mit viel Brimborium, Feuerwerk und einem Auftritt der Sängerin Shakira - und nur die Pfiffe des Publikums gegen Staatspräsident Viktor Janukowitsch störten die Party-Atmosphäre.

Alle vier EM-Stadien sind nun eingeweiht, und nach den jüngsten Glitzer-Shows zeigen sich die Verantwortlichen erleichtert. "Es gibt keine größeren Probleme mehr", behauptet der umstrittene Fußballverbands-Präsident Grigorij Surkis. "Vielleicht zum ersten Mal seit der Vergabe des Turniers schauen wir nach harter Arbeit der EM optimistisch entgegen."

Doch selbst am Tag des Spiels gegen die deutsche Nationalelf (die Partie endete 3:3) war die Arbeit rund um das Kiewer Stadion nicht zu Ende. Drinnen ist die unterste Sitzreihe so niedrig angebracht, dass es schwerfällt, über die Werbebande zu lugen. Draußen klafft noch ein tiefes Loch in der Erde: Dort soll ein Einkaufszentrum entstehen, in Teilen war es sogar schon einmal fertig.

Doch dann wies Europas Fußball-Verband Uefa die Organisatoren an, das Gebäude aus Sicherheitsgründen wieder abzureißen und eine Nummer kleiner zu bauen. Auch an anderen Spielstätten gibt es noch Probleme, in Lwow zum Beispiel fehlen Teile des Daches, eine richtige Zufahrt gibt es auch noch nicht.

Trotz dieser Probleme ist die Stadien-Situation sieben Monate vor Turnierbeginn aber immerhin halbwegs befriedigend - anders als der restliche Stand der Vorbereitung. Von all den zahlreichen infrastrukturellen Projekten, die das Organisationskomitee angehen wollte, von den geplanten Metro-Stationen und Fernstraßen ist jedenfalls nur wenig zu sehen. Manches soll bis zum Sommer kommenden Jahres noch entstehen, vieles wurde schlicht gestrichen.

Zehn Klos für 350.000 Euro

Besonders problematisch ist die Situation bei den Unterkünften. Die Klientel, die gerne und selbstverständlich in Nobelhotels nächtigt, ist bestens versorgt. Doch weil sich mit Blick auf die Nach-EM-Nutzung Investitionen in Hotelzimmer des niedrigeren Preissegments offenbar kaum lohnen, herrscht hier ein massiver Mangel - und dieser Missstand führt zu absurden Situationen. Da schlagen die Verantwortlichen interessierten Fans vor, sie könnten doch auf Campingplätzen oder in Kasernen übernachten.

Auch sollen Studenten früher als üblich ihre Wohnheimplätze räumen, um Platz für EM-Gäste zu schaffen. Und da denkt die Stadtverwaltung in Donezk darüber nach, sich gar nicht weiter um Hotels im Drei-Sterne-Bereich zu kümmern, sondern die Besucher nach Spielende via Charterflug in andere Städte zu bringen. Dort wird sich schon was finden lassen, vielleicht auf einem Campingplatz oder in einem Studentenwohnheim.

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