Die deutsche Mannschaft soll aggressiver werden - Rückkehrer Christian Schwarzer weiß, wie das geht.
Es ist bei dieser WM so üblich, dass der Hallensprecher bei der Vorstellung der deutschen Mannschaft den Vornamen eines Spielers ins Mikrofon ruft und die Zuschauer dann den Nachnamen brüllen. Als am Montagabend der Hallensprecher sich anschickte, Christian Schwarzer vorzustellen, grummelte das Publikum bereits wie ein Motor im Leerlauf.
Sololl für mehr Härte sorgen: Christian Schwarzer. (© Foto: ddp)
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Der Sprecher rief den schönen Vornamen ,,Christian'' ins Mikrofon, und die Zuschauer riefen nicht ,,Schwarzer'', sie brachen in Lärm aus wie ein Achtzylinder, bei dem das Gaspedal plötzlich auf den Boden getreten wird. In diesem Moment schien es, als sei Christian Schwarzer größer geworden als sein Name, als sei er ein Ideal, eine Idee vom Glück.
Die Deutschen verloren dann trotz der Präsenz des neuen Mannes 25:27 gegen Polen, und am Tag darauf sagte Bundestrainer Heiner Brand: ,,Man kann von einem Spieler, der zweieinhalb Jahre nicht in der Nationalmannschaft gespielt hat, nicht erwarten, dass er jetzt Deutschland rettet.''
Oben in der Hierarchie
Nichts weniger erwartet allerdings das Publikum von dem 37 Jahre alten Kreisläufer. Seit Dienstag ist offiziell klar, dass Schwarzer einstweilen im Kader bleibt, weil der Muskelfaserriss von Andrej Klimovets erwartungsgemäß nicht auf wundersame Weise heilte. Als Führungsspieler kommt jetzt eine große Verantwortung auf ihn zu, insbesondere, da Oleg Velyky weiterhin verletzt ist. Ursprünglich bestand die Hoffnung, dass Velyky zur Hauptrunde in den 16er-Kader rücken könnte, doch er ist noch nicht so weit. Sollte die Mannschaft das Viertelfinale erreichen, bestünde eine letzte Chance, Velyky zu nominieren. Zu beginn der Hauptrunde hat Brand Michael Haaß aus dem Kader gestrichen und dafür den dritten Torwart Carsten Lichtlein aufgenommen. Dieser Wechsel ist allerdings kein Ausdruck des Misstrauens den anderen beiden Torhütern gegenüber. ,,Das ist als Absicherung gedacht, falls sich einer verletzt'', sagte Brand.
Gemäß der Erwartung von außen wäre es am einfachsten, wenn Schwarzer im Tor spielte, in der Abwehr die beiden Positionen im Mittelblock besetzte und auf den Halbpositionen deckte, im Angriff aus dem rechten und dem linken Rückraum würfe und dann und wann auch seinen Stammplatz am Kreis einnähme. Da das selbst für Schwarzer ein wenig zu viel wäre, wird er eine etwas bescheidenere Rolle spielen. ,,Meine Aufgabe ist es jetzt erst einmal, mich ins Team zu finden'', sagt er, ,,ich muss jetzt mal schauen, wie die Hierarchie funktioniert.'' Handball ist Mannschaftssport, und jede Mannschaft hat eine Hierarchie. Es ist freundlich von Schwarzer, dass er sich jetzt erst anschauen will, wie die der deutschen Mannschaft aufgebaut ist, aber es besteht kein Zweifel, dass er sich nach dem Schauen oben einordnet.
Fast beiläufig sagte er am Dienstag. ,,Wir müssen jetzt sehen, wie wir Situationen, die mir nicht so gefallen, in die richtige Richtung steuern können.'' Ohnehin steckt in dem Satz ein Führungsanspruch; dazu kommt die Beiläufigkeit, in der er ausgesprochen wurde - sie drückt aus, dass sich Schwarzer seiner Sache sehr sicher ist. Das war auch am Montag auf dem Feld schon zu sehen, wo er mal den jungen Michael Kraus lobte, mal Holger Glandorf einen Klaps gab. Zwar könnte er nicht der Vater der jungen Spieler sein, aber doch ihr deutlich älterer Bruder, der jetzt erklärt, wo es langgeht.
Das Spiel gegen Polen hat gezeigt, dass die Mannschaft so einen Spieler sehr gut gebrauchen kann. ,,Wir waren in manchen Situationen zu brav'', sagte Brand, ,,aber das ist wohl ein Kennzeichen der Mannschaft.'' Da trifft es sich gut , dass ,,zu brav sein'' nie ein Kennzeichen des unermüdlichen Wühlers Schwarzer gewesen ist. Am Montag hat er lediglich im Angriff gespielt. Vermutlich wird er künftig auch mehr in der Abwehr eingesetzt. Er müsste wegen der Personalkonstellation im Mittelblock spielen, obwohl er sonst stets auf der Halbposition deckt. Ein solcher Wechsel wäre ungewöhnlich, doch Schwarzer sagt: ,,Abwehr hat auch viel mit kämpfen und Aggressivität zu tun. Deshalb traue ich mir das zu, zumindest für ein paar Minuten.'' Auch Brand traut ihm das zu. Schwarzer erzählt: ,,Ich habe schon mit Heiner darüber gesprochen.''
Der einzige Spieler, der auch gegen Polen hart wie immer spielte, war Abwehrchef Oliver Roggisch. Die Konsequenz der Härte: Roggisch erhielt drei Zeitstrafen und musste das Feld verlassen, gerade als die Deutschen das Spiel gedreht hatten. Ohne Roggisch verlor die Abwehr die Ordnung und die Mannschaft das Spiel. Roggisch glaubt, dass er so viele Zeitstrafen erhält, weil seine Spielweise erst im Vergleich zu den anderen besonders auffällt. Er sagt: ,,Wenn alle so aggressiv spielen, dann kann der Schiedsrichter nicht sechs Mann vom Platz stellen.'' Es mag zwar eine etwas eigenwillige Logik in diesem Gedanken stecken, aber sein Kern ist klar: Die deutsche Mannschaft muss härter werden.
Vor dem Spiel an diesem Mittwoch gegen Slowenien (17.30, live in der ARD) hat Schwarzer noch zwei Sätze gesagt, die als Manifest der neuen Härte gelten können. Artikel 1: ,,Wir werfen ja nicht mit Wattebäuschen''. Artikel 2: ,,Wir sind hier nicht im Kindergarten''. Das Beste ist, dass Schwarzer bei den Sätzen keine Miene verzog.
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