Von Von Christopher Keil

Die neue "Sportschau" bringt tatsächlich viel Fußball, weniger Besetzungspolitik bringt sie nicht.

Besser als mit Jürgen Emig am Mikrofon kann doch eine Bundesligasaison gar nicht beginnen - zumal der Fußball endlich wieder heimgekehrt ist zur ARD und dort zur Sportschau.

Anzeige

Nun ist also alles wie früher, abgesehen davon, dass 15 Jahre vergangen sind, in denen die Deutschen erst von RTL, später Sat1 grundversorgt wurden mit allen Spielen, Toren und allem, was inzwischen dazugehört, beispielsweise dem Super-Berti und der Super-Zeitlupe. "Wir", sagte Jürgen Emig am Freitagabend, "wollen uns hier nicht als Verpackungskünstler generieren."

Man denkt natürlich sofort: Findet gerade in München ein Radrennen statt inklusive Prolog im Olympiastadion? Denn Jürgen Emig ist doch Mister Radsport, wie man den Selbstgesprächen entnehmen kann, die er gewöhnlich so generiert. Aber nein, kein Radrennen, stattdessen das Eröffnungsspiel der 41. Bundesligasaison zwischen dem Meister Bayern München und Aufsteiger Eintracht Frankfurt.

Ein Städtevergleich München, Frankfurt hat in der ARD unweigerlich zur Folge, dass Doktor Emig, Sportchef des Hessischen Rundfunks, und Waldemar Hartmann vom Bayerischen Rundfunk während der Übertragung mitmischen. Um so erstaunlicher ist es gewesen, dass der Waldifunk am Samstag für die erste Sportschau aus der Gelsenkirchener Arena im Einsatz war. Hartmann vermeldete schon Freitag vergnügt, dass es sich um sein erstes so genanntes Revierderby handele und wiederholte diesen Sachverhalt tags darauf. Eigentlich komisch, dass er ins Revier geschickt wurde? Hat der Westdeutsche Rundfunk nicht die mächtigste ARD-Sportredaktion und demzufolge auch ein paar kompetente Schalke/Dortmund-Kundige?

Nächste Woche wird Michael Antwerpes, Sportchef des Südwest-Rundfunks, vom "Spiel des Tages" grüßen. Vielleicht aus Stuttgart, was im Falle von Antwerpes ein Heimspiel wäre. Der VfB kickt gegen Hertha BSC, in der sportlichen Einschätzung beider Teams gibt es in sechs Tagen keine höherwertige Partie. Wobei Quote bekanntlich mit dem FC Bayern gemacht wird, der in Hannover antritt.

Warum braucht die neue Sportschau zum Moderator im Studio einen Moderator beim "Spiel des Tages". Der Anspruch, den die Findungskommission Sportschau unter Leitung von Ulrich Deppendorf (WDR-Programmdirektor), Heribert Fassbender (WDR-Sportchef) und Steffen Simon (Sportschau-Redaktionsleiter) hatte, war mehr Fußball. Und weniger Werbung, weniger Schau, weniger Wortgeklingel. Weniger Besetzungspolitik gibt es nicht.

Andererseits ist das Versprechen trotzdem eingelöst worden. Die Sportschau ist dem ersten Eindruck nach sogar weniger ran-light, wie in Anlehnung an das Sat-1-Vorläufermodell prognostiziert wurde, sondern mehr Sportschau light. Sportschau steht als Qualitätsbegriff für sonore Abwicklung in Ton und Bild. Was früher bieder war, ist heute zum Gegenentwurf des schreihalsigen event-Fernsehens geworden. Außerdem ist die Sportschau Retro, was gerade sehr modern ist.

Retro ist im neuen Konzept wichtig, was man an den schwarz-weißen Zuspielungen aus den sechziger, siebziger Jahren sowie dem Dreh-Monitor erkennt, den Moderator Gerhard Delling bediente wie einst Adi Furler. Nur, dass bei Furler auf der anderen Seite Offenbach gegen Bielefeld erschien und bei Delling die "Historie" zum "Spiel des Tages".

Die Idee für den Dreh-Monitor stammt, wie manches andere auch, nicht aus dem 22-Seiten-Papier, das Steffen Simon in einer blauen Kladde hält und für die inhaltliche und technische Verfassung der neuen Sportschau gehalten wird. Lediglich zwei Seiten soll Simon, der mal kurze Zeit ran-Mitarbeiter war und danach Sportchef beim ORB, den ARD-Sportbossen vor einem Monat präsentiert haben.

Technisch jedenfalls kam die Sportschau einwandfrei daher, was Simon anzurechnen ist. Das Studio ist in chromierter Quizshow-Ästhetik gehalten, Delling stand sicher zur Kamera und bei den Kommentatoren war von Beckmann bis Rubenbauer programmatische, zuweilen sprachliche Zurückhaltung zu spüren. Für die Feinabstimmung bleiben noch 33 Spieltage.

Ein paar Änderungen könnte es dennoch schon bald geben. Auch wenn die zwei Kommerzblöcke, das Split-Screening und eine Mini-Tagesschau den Berichterstattungsrhythmus weniger störten als befürchtet, hatte insbesondere der Vorlauf zum "Spiel des Tages" eine irritierende Länge: Auf den Historien-Beitrag zu Schalke vs. Dortmund folgte die zweite Werbestrecke, Gast Uli Hoeneß wurde befragt, Gerhard Delling erschien und danach Waldemar Hartmann in Gelsenkirchen mit Schalke-Coach Heynckes. Künstler verpacken wirklich anders.

Leser empfehlen 
Lesetipp aus der aktuellen SZ: "Ich war nie schuld. Nie. Nie. Nie."

Torwartlegende Sepp Maier im Interview. SZ am Wochenende Jetzt lesen ...